Auricherin spricht über Femizide  Sie musste sterben, weil sie eine Frau war

| | 28.10.2022 19:09 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Ein 28-jähriger Afghane erwürgte im Juni 2017 seine Ex-Partnerin. Das Landgericht Aurich verurteilte ihn wegen Totschlags. Foto: Archiv/Ortgies
Ein 28-jähriger Afghane erwürgte im Juni 2017 seine Ex-Partnerin. Das Landgericht Aurich verurteilte ihn wegen Totschlags. Foto: Archiv/Ortgies
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Wenn eine Frau von ihrem Partner getötet wird, ist häufig von einer Beziehungstat oder einem Familiendrama die Rede. So würden die Taten verharmlost, sagt die Frauenberatungsstelle in Aurich.

Aurich - 20. Juni 2017: Ein 28-jähriger Afghane bringt in Aurich seine ehemalige Lebensgefährtin um. Er erwürgt die Frau vor den Augen des gemeinsamen vierjährigen Sohnes. Der Täter lässt den Leichnam der 20-Jährigen in der Wohnung mit den drei Kindern zurück und flieht. Man gehe von einer Beziehungstat aus, teilt die Staatsanwaltschaft mit.

Beziehungstat. Dieses Wort löst bei Irene Pflüger Kopfschütteln aus, genau wie die Bezeichnung „Familiendrama“. Beides sei verharmlosend, sagt Pflüger. Die 58 Jahre alte Sozialarbeiterin leitet die Frauenberatungsstelle bei Gewalt in Aurich. Sie hat den Fall der 20-Jährigen noch genau vor Augen. Sie kannte die Frau, die vor ihrem ehemaligen Lebensgefährten mehrmals ins Frauenhaus geflüchtet war. Sie kannte auch die Kinder. Sie verfolgte die Gerichtsverhandlung vor dem Landgericht Aurich.

Der Ex schlug und bedrohte sie

„Das war ein Femizid“, sagt Pflüger über das Verbrechen vom 20. Juni 2017. Dieser von Feministinnen geprägte Begriff bezeichnet die Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. „Diese Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind“, sagt Pflüger, „weil sie geschlechtsspezifischen Rollen unterworfen sind.“ Durch die Bezeichnung „Femizid“ werde deutlich, dass es sich eben nicht um einen Einzelfall handelt, sondern dass hinter solchen Taten gesellschaftliche Strukturen stecken.

Irene Pflüger leitet die Frauenberatungsstelle bei Gewalt in Aurich. Foto: Luppen
Irene Pflüger leitet die Frauenberatungsstelle bei Gewalt in Aurich. Foto: Luppen

Der Fall der getöteten Afghanin ist ein typisches Beispiel. Seit Jahren hatte sich die junge Frau bei Verwandten darüber beklagt, dass ihr Ex-Lebensgefährte sie schlage und bedrohe. Am Tattag hatte er sie dabei überrascht, wie sie mit einem anderen Mann telefonierte – sie, die er als sein Eigentum betrachtete. Für sich selbst nahm der Mann alle Freiheiten in Anspruch, auch das wurde im Prozess vor dem Landgericht deutlich. Der Mutter seiner Kinder gestand er diese Freiheiten nicht zu.

Mit Eifersucht fängt es an

Nun kann man geneigt sein, ein solches Verhalten mit der Herkunft zu erklären. Täter und Opfer waren Afghanen muslimischen Glaubens. Dort herrscht ein anderes Verständnis von weiblichen Rollenbildern. Irene Pflüger lässt das nicht gelten. Sie hat genug Fälle erlebt, in denen deutsche Frauen von ihren Partnern misshandelt wurden. „Frauen, die in die Beratung kommen, sagen meist, dass es mit Eifersucht angefangen habe.“ Zuerst fühlten sie sich noch geschmeichelt, sähen die Eifersucht des Partners als Liebesbeweis. Mit der Zeit merkten sie, dass die ständige Kontrolle ihnen jede Freiheit nehme. „Sie wollen nichts mehr tun, was ihn stören könnte.“ So erlange der Mann die volle Kontrolle über das Leben der Frau – ein Ausdruck des Macht- und Besitzdenkens. „Und das ist aus patriarchalen Strukturen entstanden“, sagt Pflüger. Das betreffe nicht nur Migrantinnen. „Das gibt es auch in Deutschland.“

So sieht es auch Birgit Ehring-Timm. Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Aurich spricht von einem gesamtgesellschaftlichen Problem. „Das hängt mit den Rollenbildern zusammen.“ Ein Femizid passiere, „wenn Frauen nicht so funktionieren, wie die Gesellschaft oder der Partner es sich vorstellen“. Femizide seien nur die Spitze des Eisbergs, sagt Ehring-Timm. Auch jenseits von Tötungsdelikten komme es durch diese Rollenbilder zu Konflikten. Das betreffe nicht nur Migrantinnen.

Trennung fällt Opfern schwer

In der Frauenberatungsstelle bekommt Pflüger es mit Frauen aus allen Gesellschaftsschichten zu tun: mit Akademikerinnen und Arbeiterinnen, mit Deutschen und Migrantinnen. Je traditioneller das Rollenbild, desto größer sei das Risiko. Den Opfern falle es meist schwer, sich zu trennen, denn mit der Trennung steige auch die Gefahr.

Was kann man tun, um solche Strukturen aufzubrechen? „Das muss man langfristig sehen“, sagt Pflüger. Es gehe um die Frage, wie Frauen dargestellt werden, welches Rollenbild vermittelt werde, zum Beispiel in der Schule. Auch Polizei und Justiz seien gefragt. Mit dem Gewaltschutzgesetz sei schon viel gewonnen. Es ist seit 2002 in Kraft und besagt, dass bei häuslicher Gewalt der Täter gehen muss, nicht das Opfer – egal, wer Eigentümer der Wohnung ist. Doch die Möglichkeiten des Gesetzes würden von Polizei und Justiz nicht immer im Sinne des Opfers ausgeschöpft, sagt Pflüger. So reiche es nicht, einen Platzverweis für nur 24 Stunden auszusprechen.

Was Freunde und Nachbarn tun können

Wie sollten sich Nachbarn, Freunde oder Kollegen verhalten, wenn sie Gewalt in einer Partnerschaft bemerken? Auch sie könnten sich an die Beratungsstelle wenden und das weitere Vorgehen abstimmen, sagt Pflüger. Wer akut eine Attacke mitbekomme, solle nicht zögern, die Polizei zu rufen. Diese arbeite eng mit der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt (BISS) zusammen, die ebenfalls Kontakt zu der betroffenen Frau aufnehme.

Es sei immer eine gute Idee, Opfer auf Hilfsangebote hinzuweisen, sagt die Sozialarbeiterin, aber: „Man kann niemandem Hilfe aufzwingen, der selbst nicht bereit ist.“ Manchmal dauere es sehr lange, bis eine Frau dazu stehe, Gewaltopfer zu sein. Nach außen werde die Fassade einer glücklichen Partnerschaft und Familie aufrechterhalten. Manche hätten auch Angst vor dem Alleinsein.

Gewaltspirale nicht durchbrochen

Die 20-jährige Afghanin hatte seinerzeit diese Angst überwunden. Als sie schließlich für sich und ihre Kinder eine eigene Wohnung in Aurich zugewiesen bekam, hörten die Schwierigkeiten mit dem Ex nicht auf. Im Oktober 2016 gab sie bei der Polizei zu Protokoll, Angst vor ihrem Ex-Partner zu haben. Er habe sie mit einem Brotmesser bedroht. Sie wolle jedoch keinen Strafantrag stellen, da sie Racheakte fürchte, falls er ins Gefängnis muss.

In diesem Fall ist es nicht gelungen, die Gewaltspirale zu durchbrechen. Die 20-Jährige starb durch die Hand ihres Ex-Partners. Der Täter wurde am 24. Januar 2018 vom Landgericht Aurich wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Der Vertreter der Nebenklage hatte eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes gefordert. Er sah das Mordmerkmal niedrige Beweggründe erfüllt, weil der Täter dem Opfer das Recht auf ein eigenständiges Leben abgesprochen habe.

Beratung ist kostenlos und vertraulich

Am 19. September dieses Jahres ist in Aurich erneut eine Frau muslimischen Glaubens mutmaßlich von ihrem Partner getötet worden. In einem Mehrfamilienhaus an der Popenser Straße starb eine 20-jährige Kurdin. Ihr 27-jähriger Lebensgefährte wird des Totschlags verdächtigt und sitzt in Untersuchungshaft. War auch das ein Femizid? Irene Pflüger kann das noch nicht beurteilen. Sie kennt die näheren Umstände des Falls nicht. Sie kannte auch die Frau nicht. Doch auch diesmal wird sie die Gerichtsverhandlung verfolgen.

Die Frauenberatungsstelle bei Gewalt ist unter der Telefonnummer 04941/964385 und per E-Mail an drkfrauenberatung.aurich@t-online.de zu erreichen. Die Beratung ist kostenlos und vertraulich. Sie kann telefonisch oder persönlich in Aurich, Norden oder Wiesmoor stattfinden.

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