Erpressungs-Opfer sagt aus Acht Monate Horror
Vor dem Auricher Landgericht hat am Freitag das erste Opfer eines 27-jährigen Leeraners ausgesagt, der bei drei Männern rund 120.000 Euro erpresst hat. Die Schilderungen des Mannes waren drastisch.
Leer / Aurich - Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als der 20-jährige Österreicher vor dem Auricher Landgericht von dem Horror erzählte, den ihn der Angeklagte aus Leer über acht Monate hatte durchleben lassen. Leicht gebeugt, mit hochgezogenen Schultern, schilderte er, wie ihm über den Internet-Messenger-Dienst Snapchat vermeintlich von einer Frau Nacktbilder und -videos angeboten wurden, die er auch kaufte. Wie sich ein erotischer Chat anschloss, in dessen Verlauf er intime Bilder und Videos von sich selber verschickte. Und wie schließlich aus dem virtuellen Abenteuer eine Erpressung wurde, die kein Ende finden wollte und die ihn in zwei Selbstmordversuche trieb.
Er habe schon nach zwei oder drei Tagen den Chat beenden wollen, berichtete der Mann auf die Fragen des vorsitzenden Richters Bastian Witte. Daraufhin sei prompt eine Geldforderung über 3000 Euro gekommen, die er noch beglichen habe. Es folgten weitere Forderungen, immer höhere Beträge, die er dank einer Schenkung seines Großvaters zunächst bezahlen konnte. Drei Pakete mit Bargeld habe er an die Adresse und den Namen des Angeklagten schicken müssen. Anderenfalls wurde damit gedroht, seine intimen Bilder und Filme zu veröffentlichen und ihm, seiner Familie und seinen Freunden brutale Gewalt anzutun. Als er nicht mehr zahlen konnte, sei er täglich mit Anrufen und Nachrichten verfolgt worden.
Selbstmordgedanken bei jedem „Zahltag“
Sein Peiniger habe seinen Wohnort gekannt, habe anonym bei seiner Mutter angerufen, um seiner Drohung Nachdruck zu verleihen, und habe einen Instagram-Account mit dem Namen des Opfers angelegt, in dem eines der intimen Fotos zu finden war, auf dem der Österreicher aber nicht zu erkennen war. Der Link zu diesem Account wurde an seine beste Freundin geschickt. Er habe immer neue Ausreden erfinden müssen, „um mir noch eine Woche Lebenszeit zu verschaffen“.
Längst habe er keinen Ausweg mehr gesehen, habe bei jedem neuen „Zahltag“ mit dem Gedanken an Selbstmord gespielt, was er seinem Erpresser auch gesagt habe. Zwei Suizid-Versuche habe er tatsächlich unternommen. Beide Male überlebte er.
Verzweiflung ist beinahe greifbar
Die damalige Verzweiflung des jungen Mannes war im Gerichtssaal beinahe greifbar. Noch heute seien die Gedanken an einen Selbstmord nicht verschwunden, sagte er. Damals, „in der schlimmsten Zeit meines Lebens“, habe er sich in seinem Zimmer im Keller eingeigelt, Angstzustände erlitten, Kontakte vermieden. Erst nachdem er nach acht Monaten zur Polizei gegangen sei, habe er sich wenigstens wieder Freiheit erkämpft.
Der Angeklagte verfolgte die Schilderungen äußerlich ungerührt. Am Ende verlas sein Strafverteidiger Folkert Adler aus Leer eine Stellungnahme, in der der 27-Jährige die von der Staatsanwaltschaft erhobenen Vorwürfe einräumt.
Er soll zwei weitere Männer geschädigt haben, eine Erpressung bei einem Minderjährigen schlug fehl. Er entschuldige sich für seine Taten, sei aber wegen seines Drogen-Konsums und einer massiven Spielsucht in seiner Einsichts- und Steuerungsfähigkeit zumindest erheblich eingeschränkt gewesen. Um dies nachzuweisen, beantragte Adler die Hinzuziehung eines Gutachters. Bestätigt der die Einlassung des Strafverteidigers, könnte das Gericht die zu erwartende Strafe mildern. Der Prozess wird am 8. November fortgeführt.