Leeraner starten Gesundheitsaktion „Viele Eltern sind keine Vorbilder mehr“
Laut einer Studie bewegen sich Millionen Menschen zu wenig. Gesundheitsexperte Prof. Dr. Ingo Froböse klärt auf – unterstützt Laufidee aus Leer.
Leer/Köln - Ab kommenden Dienstag zählt jeder Kilometer: Dann beginnt die von Edzard Wirtjes und seinem Laufexperten-Team ins Leben gerufene Gesundheitsaktion „Stadt, Land, zu Fuß“, die Menschen bundesweit mobilisieren soll. Die Teilnehmer treten dann für ihre Heimatkreise an und sollen bis zum 21. November so viele Kilometer wie möglich sammeln. Elf Landkreise und kreisfreie Städte sind angemeldet – von Wittmund, über Wesel bis Baden-Baden. 971 Läufer, Walker und Spaziergänger stehen in den Startlöchern und setzen damit indirekt ein Zeichen gegen Bewegungsmangel, der laut des jüngsten Berichts der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch in Deutschland dramatisch ist. Der Sportwissenschaftler und Gesundheitsexperte Prof. Dr. Ingo Froböse begrüßt deshalb Projekte, die die Menschen in Bewegung bringen – und unterstützt somit auch die Laufidee aus Leer.
„Ich hatte bei ihm einfach mal angefragt“, sagt Edzard Wirtjes, der die Mail an Froböse schickte. Eine Antwort und die Zusage ließen nicht lange auf sich warten. Es sei toll, dass es Menschen gebe, „die so wunderbare Projekte initiieren, an denen jeder dran teilnehmen kann“, sagt Froböse, der als Universitätsprofessor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln tätig ist. Dort leitet er auch das Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation. Nach der Veröffentlichung des WHO-Berichts Anfang vergangener Woche war der 65-Jährige ein gefragter Interviewpartner. Denn der Studie zufolge bewegen sich weltweit Millionen Menschen zu wenig. Die WHO empfiehlt mindestens 150 Minuten körperliche Aktivitäten in der Woche für Erwachsene, um Krankheiten vorzubeugen, doch 27,5 Prozent der Weltbevölkerung erreicht das nicht. In Deutschland sieht es noch schlechter aus: 44 Prozent der Frauen und 40 Prozent der Männer über 18 Jahren müssten sich mehr bewegen. Bei Kindern und Jugendlichen im Alter von elf bis 17 Jahren sind die Zahlen noch dramatischer: 88 Prozent der Mädchen und 80 Prozent der Jungen bewegen sich zu wenig.
Bei Kindern steigt Herzinfarkt-Risiko
Überrascht sei der Experte von diesen Ergebnissen nicht. „Der Bewegungsmangel zeichnet sich seit Jahren immer stärker ab“, sagt Froböse, dem selbst ausreichend Datenmaterial vorliegt. Denn seit 2010 bringt sein Institut für Bewegungstherapie und bewegungsorientierte Prävention und Rehabilitation im Auftrag der Deutschen Krankenversicherung alle zwei Jahre den DKV-Report „Wie gesund lebt Deutschland?“ heraus. Im vergangenen Jahr wurden dafür 2800 Menschen in Deutschland nach ihrer körperlichen Aktivität, ihrem Ernährungsverhalten sowie ihrem Bewegungsverhalten während der Corona-Pandemie befragt. Froböse spricht in diesem Zusammenhang sogar von einer „Bewegungsmangel-Pandemie“, die Corona ausgelöst habe. „Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin schon dahingehend entwickelt, dass wir im Berufsleben immer mehr sitzen. Während der Corona-Krise kam hinzu, dass viele Menschen von zu Hause aus gearbeitet haben und dadurch auch noch die alltäglichen Arbeitswege wegfielen“, führt Froböse aus. Und wenn die Menschen mal vor die Tür kamen, waren sie mit E-Bikes oder E-Scootern unterwegs.
„Die E-Mobilität ist Fluch und Segen zugleich“, sagt der 65-Jährige. Selbst viele Eltern seien keine Vorbilder mehr. „Sie fahren ihre Kinder mit dem Auto durch die Gegend und wenn die Kinder dann mal unterwegs sind, dann häufig auch mit E-Fahrrädern oder E-Scootern“, kritisiert Froböse. Die Kinder lernen gar nicht mehr, sich zu belasten oder auszupowern. „Dabei leiden Kinder und Jugendliche immer mehr unter Alterserkrankungen wie Diabetes und sind sogar schon im Jugendalter gefährdet, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu bekommen.“ Doch nicht nur der Körper, sondern auch die Psyche leidet. Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen sei die Balance wichtig. „Ist der körperliche Ausgleich nicht gegeben, dann bleiben Sorgen, Probleme und Ängste im Kopf. Wer sich körperlich unterfordert, der überfordert sich mental“, sagt Froböse. „Und wer mal eine Stunde lang an der frischen Luft durchs Gebüsch gerannt ist, weiß, wie gut das der Seele tut.“
Einfache Übungstipps vom Experten
Froböse wundert sich bei all den Studienergebnisse, dass die Politik nicht aktiv werde. „Ich würde mir zentrale Kampagnen wünschen“, sagt er – so wie die „Trimm-Dich-Bewegung“, die mit den Olympischen Spielen 1972 einen Boom erlebte. Denn die klassischen Lebensstilerkrankungen wie Rückenschmerzen, Gelenkprobleme und Muskelschwund werden zunehmend das Pflegesystem belasten.
„Und das können wir uns irgendwann nicht mehr leisten“, verdeutlicht Froböse. Dabei könnte man im Alltag ganz einfach seinen Körper in Schwung bringen – zum Beispiel mit Treppensteigen. „Das Treppenhaus ist die Trainingsstätte des Alltags. Wer 40 Etagen pro Woche hochgeht, der trainiert sein Herzkreislaufsystem.“ Auch Wartezeiten an Bus- oder Bahnsteigen könne man mit leichten Übungen – wie Fußwippen oder dem mehrmaligen Aufstehen und Hinsetzen – überbrücken.
Schon kleine Übungen könnten Großes bewirken. Dabei ist das Alter völlig egal. „Je älter man ist, desto mehr muss man allerdings tun. Doch der Körper passt sich an. Wenn ich heute damit beginne, mich mehr zu bewegen, habe ich morgen schon einen Erfolg – egal wie alt ich bin“, sagt Froböse und hofft auf viele begeisterte Teilnehmer beim bundesweiten Landkreis-Duell.