EWE baut Elektrolyseur Emden soll Wasserstoff-Drehscheibe für Europa werden
Seit Jahren wird Ostfriesland eine goldene Wasserstoff-Zukunft prophezeit. Jetzt wird es konkret. Die EWE hat in Emden Großes vor – schon ab 2026.
Emden - Es muss um Großes gehen, wenn die Stadt ohne Wimpernzucken den Rummel ihres altehrwürdigen Emder Rathauses einem Wirtschaftskonzern überlässt. Am Freitagvormittag grüßten am Eingang weithin sichtbar Fähnchen und Absperrband des Oldenburger Energieversorgers EWE. Drinnen setzte sich das Bild der Banner und Schriftzüge fort. Der Grund: Vor geladenen Gästen und den zentralen Akteuren der Emder Wirtschaftsförderung präsentierte EWE-Chef Stefan Dohler Pläne für ein Projekt mit Wumms-Potenzial für Ostfriesland. Es geht um den Bau eines 320 Megawatt (MW) starken Elektrolyseurs, in dem grüner Wasserstoff für die europäische Energiewende hergestellt werden soll.
Was und warum
Darum geht es: Wie Emden und Ostfriesland von der Energiewende und vom Wasserstoff profitieren und warum die Region dafür europaweit in den Blickpunkt rückt.
Vor allem interessant für: diejenigen, die sich mit der Energiewende und speziell mit dem Thema Wasserstoff beschäftigen und alle, die an der wirtschaftlichen Zukunft in Ostfriesland interessiert sind
Deshalb berichten wir: Am Freitag stellten EWE und Tennet in Emden erstmals detaillierte Pläne für den Bau einer Elektrolyse-Anlage mit 320 MW Leistung vor, was den Maßstäben eines Kraftwerkes entspricht. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Schon in drei Jahren könnte die Anlage im Osten Emdens stehen. Im nächsten Jahr soll es mit dem Bau im Borssumer Hammrich, gleich neben dem großen neuen Umspannwerk, losgehen. Ende 2026, so Stefan Dohler, soll die Produktion dann hochgefahren werden und den Stoff liefern, der den Ausstieg aus fossilen Energieträgern und Atomkraft in Deutschland überhaupt erst möglich macht. „Ohne diese grünen Moleküle wird es nicht gehen“, sagte Dohler.
Das fehlt noch
Dass das wegweisende Projekt bislang im Konjunktiv steht, hat nicht allein mit dem ungewöhnlich ehrgeizigen Zeitplan zu tun. Vor allem fehlt eine entscheidende Voraussetzung: die Zusage für Fördermillionen, allen voran von der Europäischen Kommission in Brüssel. „Der Bescheid hätte im Sommer schon vorliegen sollen“, räumte Dohler im Rummel ein. Die zweite wichtige Bedingung ist in der Politik in Berlin zu suchen: „Ohne massiven Ausbau von Erneuerbaren können wir das Projekt vergessen“, so der EWE-Chef. Es braucht mehr Windräder, die Strom für die energieintensive Elektrolyse liefern. Deutlich mehr.
EWE und die beteiligten Partner wie der Übertragungsnetzbetreiber Tennet, der die enormen Strommengen zur Elektrolyse garantieren soll, sind sich ihrer Sache offenbar trotzdem recht sicher. Die Grundstücke sind nach eigener Angabe in Emden bereits gekauft und man ist tief in die technischen Planungen eingestiegen.
Und was bringt es Emden und Ostfriesland?
Mit dem Bau des Elektrolyseurs, in dem aus Windstrom von der Nordsee und Millionen Litern Wasser aus ostfriesischen Tiefs jede Menge saubere und speicherbare Energie erzeugt werden soll, könnte sich für die Region eine Reihe neuer Türen öffnen. Die Anlage ist Herzstück eines milliardenschweren nationalen Investitionsprogramms. Alleine die EWE will mehr als eine halbe Milliarde Euro in die Hand nehmen, um im Nordwesten Wasserstoff herzustellen, zu lagern und zu vertreiben. Emden fällt dabei die Schlüsselrolle zu.
Emdens Oberbürgermeister Tim Kruithoff und Aurichs Landrat Olaf Meinen (beide parteilos), die mit im Rummel waren, machen sich große Hoffnungen auf daraus resultierende zusätzliche Ansiedlungen, zig neue Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen. Edzard Wagenaar, stadtbekannter Moderator in Diensten des Emder Rathauses, steckte bei seinem Auftritt im Rummel denn auch schon einmal den Rahmen der Erwartungshaltung großzügig ab. Den Bau des EWE-Elektrolyseurs bezeichnete er in seiner Zwischenmoderation als „wichtigste Entscheidung für Emden seit der Ansiedlung von VW in den 1960er Jahren“. Wumms.
Wie viele Arbeitsplätze werden geschaffen?
Als direkter Jobmotor wird die Anlage, die nur etwa sechs Hektar Fläche beansprucht, allerdings nicht taugen. Nach dem Bau würden für den Betrieb lediglich 20 bis 30 Fachkräfte benötigt. Und auch bei den erhofften direkten Gewerbesteuereinnahmen von EWE geht Tim Kruithoff von deutlich anderen Dimensionen aus als bei der mit Abstand wichtigsten Quelle der Stadt. Auf Nachfrage bezifferte er die zu erwartende jährliche Summe ungefähr sechsstellig. Zum Vergleich: Aus Wolfsburg fließen in guten Jahren zweistellige Millionenbeträge nach Emden.
Die eigentlichen Chancen für Ostfriesland ergeben sich erst aus dem, was im Windschatten der Wasserstoff-Offensive und der EWE-Ansiedlung möglich ist. Olaf Meinen mahnt deswegen, dass man „besser aufpassen“ müsse als in der Vergangenheit, wenn es darum geht, von seinen Standortvorteilen zu profitieren. Als warnendes Beispiel nennt er die verpassten Gelegenheiten beim Boom der Windkraft.
Ein Seitenhieb aus Ostfriesland nach Bayern
In Emden zeigte er sich zuversichtlich, dass es beim Wasserstoff anders laufen könnte und mehr Industrie und damit wichtige Arbeitsplätze hergeholt werden. „Es wird uns besser gelingen als bei der Windenergie“, gab er sich optimistisch. Dazu passt, dass Tim Kruithoff zu erkennen gab, dass im Hintergrund „mit Investoren aus der ganzen Welt“ verhandelt werde. Es gebe „wirklich einiges an Anfragen“, versicherte er.
Wohl auch deswegen erlaubte sich EWE-Chef Stefan Dohler in Ostfriesland einen Seitenhieb in Richtung Süddeutschland. „Die Bayern werden da sehr neidisch drauf schauen“, glaubt er angesichts der eigenen Pläne und der Entwicklung an der nordwestdeutschen Küste. Was er meint: Mit dem Wasserstoff und der Ansiedlung von leistungsstarken Elektrolyseuren könnten sich die Kräfteverhältnisse in den Bereichen Wirtschaft und Industrie nachhaltig verschieben.