Berlin Energieexpertin Pittel erklärt die geplanten Entlastungen - und warum Gas sparen wichtig bleibt
Karen Pittel ist Mitglied der Gas-Kommission, deren Abschlussbericht in den nächsten Tagen mit Spannung erwartet wird. Die Leiterin des Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen am ifo-Institut für Wirtschafsforschung erklärt im Interview, warum Gas sparen das Gebot der Stunde bleibt – und worauf es diesen Winter noch ankommt.
Frage: Frau Dr. Pittel, Sie sind Mitglied der Gas- und Wärme-Kommission, die Vorschläge für Entlastungen macht. Müsste die Gaspreisbremse nicht schon im Januar kommen?
Antwort: Nach Auskunft der Energieversorger ist eine Umsetzung über die Gaspreisbremse bis zum Januar leider nicht technisch umsetzbar. Allerdings wird ein Teil der Heizausgaben, die zu Anfang des Jahres anfallen, quasi automatisch über die verminderten Abschläge danach erfasst. Wir zahlen ja pro Monat entsprechend unseres durchschnittlichen Verbrauchs im Jahr, verheizen aber in den Frühlings- und Sommermonaten viel weniger.
Frage: 200 Milliarden Euro stehen bereit. Wie lange können und sollte die Preisbremse inkraft sein?
Antwort: Zunächst einmal ist bis Ende April 2024 geplant. Aufgrund der aktuellen Unsicherheit macht eine solche zeitliche Beschränkung auch erstmal Sinn. Allerdings muss rechtzeitig geprüft und diskutiert werden, was danach passiert. Zum Beispiel im Herbst 2023. Ansonsten laufen wir Gefahr, dass wieder in aller Hektik Pakete geschnürt werden müssen.
Frage: Wie könnten sich die Maßnahmen auf die Marktpreise auswirken?
Antwort: Erstmal nicht direkt, denn die Bremse erfolgt ja über Direktzahlungen an die Haushalte und die Unternehmen und senkt die Verbraucherpreise nicht direkt. Sie senkt auch nicht die Preise, zu denen etwa Gas am Markt derzeit gehandelt wird. Es könnte aber trotzdem Effekte geben.
Frage: Welche?
Antwort: Zwei Richtungen wären möglich: Wenn wir die Gaspreisbremse tatsächlich so gestaltet haben, dass die Menschen verstehen, dass sie genauso viel Geld wie heute sparen können, wenn sie weniger Gas verbrauchen, dann würde der Gasverbrauch sinken und damit auch der Druck auf die Preise. Wenn wegen der Entlastungen aber die Nachfrage steigt, werden die Preise steigen.
Frage: Wie wollen Sie das verhindern?
Antwort: Indem wir es den Menschen gut erklären. Sie können mit der Bremse genauso viel sparen wie ohne die Bremse. Es wird gemessen am Vorjahresverbrauch entlastet. Aber: Je weniger sie verbrauchen, desto weniger müssen sie zahlen – erhalten aber trotzdem die komplette Entlastung. Deshalb gibt es also weiter einen großen Anreiz, Gas einzusparen.
Frage: Derzeit sinkt der Gaspreis deutlich auf unter 100 Euro je Megawattstunde. Woran liegt das?
Antwort: Der Preis ist massiv eingebrochen. Die massiven Mengen, die eingekauft wurden, um die Gasspeicher zu befüllen, haben die Preise getrieben. Jetzt haben wir hohe Speicherlevel – und die hohe Nachfrage geht zurück. Gleichzeitig haben wir durch die hohen Preise sehr viel Flüssiggas von den Märkten angezogen. So viel, dass es zur Zeit gar nicht angelandet werden kann. Außerdem spiegelt sich an den Marktpreisen, dass wir für diesen kommenden Winter erstmal gut gerüstet sind.
Frage: Warum kommt das nicht beim Verbraucher an?
Antwort: An den sogenannten Future-Märkten, wo also das Gas für November, Dezember, Januar gehandelt wird, liegen die Preise doch noch um einiges höher. Wenn ein Energieversorger einem Kunden einen Vertrag anbietet, dann kalkuliert er die zukünftigen Preise mit ein. Auch die Verluste in der Vergangenheit spielen eine Rolle. Gleichzeitig sehen wir, dass die Preise bei den Neuverträgen gerade wieder sinken. Er lag schon bei 34 Cent pro Kilowattstunde, jetzt sind wir bei etwa 22 Cent. Ob das so bleibt, hängt davon ab, wie kalt der Winter wird und wieviel Gas eingespart wird. Die Konsumenten sollten aber damit rechnen, dass die Preise wieder ansteigen werden.
Frage: Warum sind die Energiepreise in Deutschland im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hoch?
Antwort: Teilweise werden die Preise für Gas in anderen Ländern staatlich gebremst. In Frankreich werden die Marktpreise nicht weitergegeben. Das kann natürlich zum Problem werden, wenn dann nicht genügend eingespart wird. Traditionell ist der Strompreis in Deutschland höher als in anderen Ländern, weil wir zahlreiche Steuern und Abgaben haben. Das hat die Preise auch für Haushalte auf ein relativ hohes Niveau gebracht.
Frage: Warum setzt man nicht hier an und senkt die Steuern?
Antwort: Wenn man Preise senkt, wird die Nachfrage nach oben gehen, aber der Strom und das Gas müssen irgendwo herkommen. Also werden auch mehr Gaskraftwerke zur Stromgewinnung eingesetzt – und das treibt den Preis dann wieder nach oben. Deswegen gehen wir mit der Gaspreisbremse nun diesen Weg: Wir müssen verhindern, dass die Menschen durch die Gasrechnung überfordert werden und deswegen in kalten Wohnungen sitzen. Aber gleichzeitig müssen wir den Sparanreiz aufrecht erhalten.
Frage: Was würde bei einer Gasmangellage passieren?
Antwort: Die Versorgung der Haushalte würde in dem Fall so lange wie möglich aufrechterhalten. Aber die Bundesnetzagentur würde den Unternehmen das Gas zuteilen. Die Berechnungen der Wirtschaftsinstitute zeigen, dass das zu einem wesentlich massiveren Einbruch der Wirtschaftstätigkeit führen würde als zu versuchen, Gas durch mildere Maßnahmen einzusparen. Das klingt erstmal abstrakt, aber wenn Arbeitsplätze verloren gehen, ist das für den einzelnen Bürger natürlich sehr relevant.
Frage: 20 Prozent des Verbrauchs müssten eingespart werden, um gut über den Winter zu kommen. Klappt das?
Antwort: In der Industrie hat es gut funktioniert. In den vergangenen Monaten wurde dort um die 20 Prozent eingespart. Bei den Haushalten ist es viel schwieriger einzuschätzen. In den letzten Wochen lag der Gasverbrauch dort massiv unter dem im vergangenen Jahr. Allerdings war es im letzten Jahr schon viel kälter. Wir werden erst in ein paar Wochen wissen, ob die Leute die Heizung aufdrehen oder sich einen zweiten Pullover anziehen. Letztendlich werden wir ebenso wie das Wetter darüber entscheiden, ob es doch noch zu einer Gasmangellage kommt.
Frage: Es heißt jetzt oft, der nächste Winter werde unter Umständen noch schwieriger. Stimmt das?
Antwort: Wenn wir im gesamten nächsten Jahr kein russisches Gas bekommen, um die Speicher zu füllen, die sich in diesem Winter leeren werden, ist die Frage: Woher bekommen wir das Gas? Es ist die Gefahr, dass wir nicht genug sparen und die Speicher so leer sind, dass wir sie bis zum nächsten Winter nicht gefüllt bekommen. Wie wir über den nächsten Winter kommen, hängt davon ab, wie wir uns in diesem Winter verhalten.
Frage: Werden die Energiepreise auf Vorkriegsniveau zurückkehren?
Antwort: Wir gehen aktuell davon aus, dass die Preise über Jahre höher bleiben werden. Das neue Normal sehen wir aktuell bei ungefähr 70 Euro pro Megawattstunde Gas. Das ist natürlich eine zweischneidige Angelegenheit: Einerseits büßen wir dadurch international an Wettbewerbsfähigkeit ein, gerade im Vergleich zu den USA und Asien. Andererseits haben wir das Ziel, bis 2045 klimaneutral zu werden. Dafür sind hohe Preise für fossile Energieträger natürlich wichtig. Die Rückkehr zu den Preisen vor der Krise ist deshalb unwahrscheinlich und in gewissem Umfang auch nicht gewollt.