Folgen der Inflation  Im Repair-Café bekommen alte Geräte eine neue Chance

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 01.11.2022 10:59 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Heinz Hugen geht dem Defekt auf den Grund. „Das ist das älteste Röhrenradio, das ich je hatte“, sagt er begeistert. Foto: Päschel
Heinz Hugen geht dem Defekt auf den Grund. „Das ist das älteste Röhrenradio, das ich je hatte“, sagt er begeistert. Foto: Päschel
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Sorgt Inflation dafür, dass Altes und Gebrauchtes wieder mehr wertgeschätzt wird? Ein geeigneter Ort, der Frage nachzugehen, ist ein Repair-Café. Die Redaktion war in Hinte – im Gepäck zwei defekte Geräte.

Hinte - Immer schön der Reihe nach! Im Repair-Café im Haus Simon in Hinte hat alles seine Ordnung: Wer die Begegnungsstätte der Mini-Gemeinde auf dem platten Land betritt, landet als erstes am Tisch von Marga Wolthoff und Ingrid Mensch. Die beiden Frauen drücken allen, die mit einem Altgerät oder defektem Utensil unter dem Arm reinkommen, einen Laufzettel in die Hand. Darauf wird genau notiert, was nicht funktioniert und wem es gehört. Erst dann geht es weiter.

Was und warum

Darum geht es: Repair-Cafés am Beispiel Hinte

Vor allem interessant für: Leserinnen und Leser, denen Nachhaltigkeit wichtig ist und die Hilfe bei der Reparatur von defekten Gebrauchsgegenständen suchen

Deshalb berichten wir: Am Samstag öffnet in Hinte zum vierten Mal das Repair-Café der Initiative Nettwark.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Es ist ein Samstag, kurz nach 14 Uhr. Gerade erst hat die ehrenamtliche Reparaturwerkstatt geöffnet und schon jetzt haben die zehn Helferinnen und Helfer alle Hände voll zu tun. Gut drei Stunden lang werden sie mit vereinten Kräften versuchen, Altes wieder flottzumachen oder Defektes neu in die Gänge zu kriegen. Mindestens genauso wichtig ist, dass immer frischer Tee in der Kanne ist und Kuchen auf dem Tisch steht. Ordnung muss sein. Aber niemand ist nur zum Arbeiten hier.

Mittlerweile gibt es fast 1000 Repair-Cafés

Nach Angaben der Verbraucherzentrale waren in Deutschland im August dieses Jahres rund 960 solcher Initiativen gelistet. Unter verschiedenen teils kreativen Namen wie Reparier-Bar, Café Kaputt oder Elektronikhospital bieten Selbsthilfegruppen weltweit immer mehr solcher Treffen an. Als gängigste Bezeichnung durchgesetzt hat sich der Begriff Repair-Café – auch in Ostfriesland. wo es das Angebot mittlerweile an mehreren Orten gibt. Oft werden die ehrenamtlichen Reparaturwerkstätten kombiniert mit Klönschnack, Kaffee und Kuchen.

Kaffee, Kuchen, Klönschnack: Initiator Wolfgang Hildebrandt sitzt in der Küche des Haus Simon und hat Zeit für ein Gespräch. Foto: Päschel
Kaffee, Kuchen, Klönschnack: Initiator Wolfgang Hildebrandt sitzt in der Küche des Haus Simon und hat Zeit für ein Gespräch. Foto: Päschel

In Hinte gibt es diese Möglichkeit seit Februar 2020. Damals brachte eine Gruppe um Wolfgang Hildebrandt vom ehrenamtlichen Helfer-Netzwerk „Nettwark“ das Gemeinschaftsprojekt zum ersten Mal in die kleine Landgemeinde. Hildebrandt hatte das Konzept einige Jahre zuvor bereits erfolgreich in Emden mit aufgebaut. Wegen der sich kurz darauf verschärfenden Corona-Pandemie öffnete das Repair-Café im August dieses Jahres und jetzt erst zum dritten und vierten Mal.

Erfolgsquote liegt bei „75 bis 80 Prozent“

Wer erwartet hatte, dass angesichts grassierender Inflation die Nachfrage spürbar steigt, wird im Haus Simon eines Besseren belehrt. Nein, sagt Wolfgang Hildebrandt, dass mehr, jüngere oder auch auffallend andere Leute kommen würden, sei nicht festzustellen.

Ganz ähnlich schätzen es Wim Doosje und Friedrich de Vries ein. Die beiden Rentner sitzen in einem Raum an einem von fünf Tischen, an denen Bügeleisen und Batterieladegeräte repariert, alte Lampen aufgeschraubt oder kaputte Kleidungsstücke genäht werden. Die beiden Herren um die 70 haben sichtlich ihren Spaß daran, allem, was ihnen auf den Tisch gelegt wird und nicht funktioniert, auf den Grund zu gehen. Ihre Erfolgsquote sei hoch, sagt Doosje, der als KFZ-Mechanikermeister nicht nur das Grobe beherrscht, sondern im siebenköpfigen Team der Reparateure an diesem Tag auch der Spezialist für Feinmechanik wie Uhren ist. „75 bis 80 Prozent“ der Fehler würden sie beheben, schätzt der 66-Jährige. „Eher mehr“, korrigiert ihn grinsend Friedrich de Vries, der neben ihm sitzt.

Wim Doosje (links) und Friedrich de Vries brauchen nicht lange, um zu erkennen, wie der Drehknopf des Rasierers eingesetzt werden muss, damit er wieder funktioniert. Foto: Päschel
Wim Doosje (links) und Friedrich de Vries brauchen nicht lange, um zu erkennen, wie der Drehknopf des Rasierers eingesetzt werden muss, damit er wieder funktioniert. Foto: Päschel

Ein echter Härtetest

Tatsächlich gelingt es den beiden auch während des Gesprächs mit dem Reporter in wenigen Minuten, einen fast nigelnagelneuen Rasierer zu reparieren, bei dem ein Drehknopf für die exakte Trimmerhöhe auseinandergefallen war. Mit ein bisschen Grübeln, Fummeln und viel Erfahrung setzen sie das defekte Teil wieder instand.

Als echter Härtetest erweist sich an diesem Tag einen Tisch weiter ein altes Röhrenradio. Heinz Hugen, ein gelernter Radio- und Fernsehtechniker, schraubt es mit flinken Fingern auf. Gemeinsam mit Friedrich Uphoff guckt er gespannt ins Innere. „Das ist das älteste Röhrenradio, das ich je hatte“, sagt Hugen begeistert. Er schätzt, dass es aus den 1950er Jahren stammt. Nach ein paar Minuten, in denen die beiden Männer an Knöpfen gedreht, Leitungen gewackelt und sich sich ausgetauscht haben, kommen sie zu dem Ergebnis, dass sie nicht die ersten sind, die sich mit dem Gerät beschäftigen. „Da hat einer zu viel dran gemacht“, stellt Uphoff fest.

Der Aktenschredderer schreddert nicht mehr

Reparieren ließe es sich nicht. Dem Besitzer des Radios rät er deswegen, in Erfahrung zu bringen, wer sich daran versucht hatte. Wenn das nichts bringt, könne man sich den Fehler noch einmal in Ruhe angucken. Das könne aber dauern und sei keine Sache von einer Viertelstunde.

Auf Fehlersuche: Am Tisch von Jelto Duitscher (rechts) wird sich über ein defektes Gerät gebeugt. Foto: Päschel
Auf Fehlersuche: Am Tisch von Jelto Duitscher (rechts) wird sich über ein defektes Gerät gebeugt. Foto: Päschel

Nichts zu machen ist auch am Tisch von Jelto Duitscher. Vor ihm steht Annette van Ellen. Die 75-Jährige kommt aus Pewsum und hat einen Aktenschredderer dabei, der nicht mehr schreddert. „Ich wollte mir erst einen neuen holen“, sagt van Ellen. Dann habe sie von einer Freundin gehört, dass es das Repair-Café in Hinte gibt. Von Duitscher erfährt sie, dass das Gerät endgültig den Geist aufgegeben hat. „Der ist schrott“, sagt die Rentnerin.

Gegen die Wegwerfmentalität

So wie Anette van Ellen seien es überwiegend Ältere, die die ehrenamtliche Reparaturwerkstatt aufsuchen, sagt Wolfgang Hildebrandt. Manche kämen, weil sie an bestimmten Gegenständen hingen. Für die sei eine klare Diagnose, dass etwas nicht mehr repariert werden kann, mitunter erleichternd. „Dann können sie sich ruhigen Gewissens davon trennen“, so Hildebrandt.

So sehr es ihm gefällt, möglichst allen im Repair-Café helfen zu können. Er würde es begrüßen, wenn das eigentliche Motiv des Angebots stärker wahrgenommen würde. „Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema“, gibt der Netzwerker zu bedenken. Ob die Inflation etwas an einer Wegwerfmentalität ändert, lässt sich dagegen nicht so leicht sagen.

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