Melle  Für die Fußball-WM 2022 muss Kommentator Tom Bartels Hunderte Gesichter lernen

Michael Hengehold
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Von Michael Hengehold
| 01.11.2022 13:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Tom Bartels bei einem Vortrag in Melle zur Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar: „Ich werde sicher nicht alles richtig machen.“ Foto: Stefan Gelhot
Tom Bartels bei einem Vortrag in Melle zur Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar: „Ich werde sicher nicht alles richtig machen.“ Foto: Stefan Gelhot
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In einem Vortrag in Melle hat ARD-Fußball-Experte Tom Bartels erklärt, was er alles zur Vorbereitung einer Weltmeisterschaft tun muss. Dazu gehört, viele Teams in- und auswendig zu kennen. Bis hin zum Torwarttrainer.

„Du brauchst ein wirklich dickes Fell, um die Kritik auszuhalten“, gewährte Bartels einen kleinen Einblick in sein Seelenleben. „Hab ich längst“, behauptete der gebürtige Meller und schob hinterher: „Es interessiert mich nullkommanull, was auf Twitter steht.“ Diese Gelassenheit ist nicht gottgegeben, die musste der Sportreporter, der auch Schwimmen und Skispringen moderiert, sich erarbeiten: „Vor 15 Jahren war das anders, aber heute bin ich ziemlich in meiner Mitte.“

Am 23. November 2022 wird er sein erstes Spiel dieses von ihm hart kritisierten Turniers im Wüstenstaat Katar („totaler Schwachsinn“) kommentieren: Deutschland – Japan. Grundsätzlich gilt für die WM: „Ich werde sicher nicht alles richtig machen. Aber ich verlasse mich darauf, dass ich gut vorbereitet bin.“

Nun mag der interessierte Fußballfan sich darunter vorstellen, dass sich Bartels vor dem Spiel im Hotelzimmer noch mal die Aufstellung der beiden Teams anschaut. Und im Vorfeld hat er wahrscheinlich mal die ARD-Datenbank befragt, wie dieser oder jener Name ausgesprochen wird. Weit am Tor vorbei.

Tatsächlich umfasst die Vorbereitung Monate. Bartels zeigte auf der Leinwand zwei Seiten – von 100 – eines Dossiers über Japan, das ihm sein Sender zur Verfügung stellt. 100 Seiten Daten und Fakten über Deutschlands ersten WM-Gegner, bei dem – das erleichtert es sicherlich – immerhin acht Bundesligaspieler im Kader stehen.

Mindestens acht kennt er also, für die übrigen 18 steht intensives Gesichts-Training auf dem Tagesplan: „Du musst dir die Gesichter oft anschauen, weil du auf Anhieb alle erkennen musst. Bis hin zur Nummer 26.“ Dabei ist das noch untertrieben, denn auch der Stab hat eine gewisse Relevanz: „Ich muss nicht jeden Physio kennen. Aber den Torwarttrainer schon. Jeder kann plötzlich den Schiri bepöbeln.“ Zehn Spiele wird Bartels bei der WM kommentieren: „Ich muss alle Teams kennen.“

Dafür macht der Kommentator sich einen Spickzettel mit der ersten Elf, Namen, Alter und Besonderheiten fertig, der dann hinterher auch schon mal im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund landet. Wie jener vom Finale 2014 in Brasilien, als Deutschland Weltmeister wurde. „Aber eigentlich habe ich das im Kopf“, fügt Bartels in Solarlux-Foyer in Melle an, wo sich rund 100 Zuhörer eingefunden haben. Ist wohl auch besser so, möchte man meinen, wenn man das Info-Wirrwarr sieht, dass Bartels auf die Leinwand projizierte.

Dass der französische Nationalspieler Eduardo Camavinga bei Real Madrid kickt, wird Bartels sich kaum notieren, das weiß er so gut wie die meisten Fußballfans. Diese Information eignet sich also nicht für „Besonderheiten“. Damit die wirklich etwas Besonderes sind, muss Bartels andere Quellen anzapfen. Das kleine Einmaleins der Sportreporter lautet nämlich, Neues erzählen zu können, etwas, dass noch nicht im „Kicker“ oder der „Sport Bild“ stand.

„Ich brauche immer eine Geschichte, die nicht jeder kennt. Idealerweise spreche ich also vorher mit dem Berater von Toni Kroos und lasse mir zwei Geschichten von Camavinga erzählen, die nicht jeder weiß.“ Oder er geht am Rande eines Spiels gerade ein paar Schritte rüber zum englischen Reporter-Lager und quatscht eine Runde mit Ex-Spieler Gary Neville.

Selbst während des Turniers gibt es für einen Kommentator viel zu tun. Nahezu jeden zweiten Tag wird Tom Bartels bei der WM im Einsatz sein. Mußestunden sind deshalb rar, beantwortet er eine Frage aus dem Publikum nach Feierabend-Aktivitäten in Katar: „Ich habe da keine Zeit. Die Freizeitgestaltung ist wirklich das Letzte, was ich im Kopf habe, wenn ich zur WM fahre.“

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