Osnabrück Der Blackout von Frankfurt: Hysterie hilft niemandem
Nach der umstrittenen Elfmeterszene im Spiel zwischen Dortmund und Frankfurt steht der VAR mal wieder in der Kritik. Die Hysterie hilft dennoch niemandem weiter, findet unser Kolumnist Udo Muras.
Der Fußball ist nicht nur ein schnelllebiges Geschäft, er ist seiner Zeit auch voraus. Was Politiker und Schlagzeilen heischende Medien schon seit Monaten an die Wand malen, ist in der Bundesliga am Wochenende Realität geworden: Der Blackout! In Köln kam es zum Systemkollaps, die Auswirkungen waren noch in Frankfurt zu spüren. Der VAR, der Lieblingsfeind der Fußballfans, steht wieder mal am Pranger. Marcel Reif, der elder statesman unter den TV-Experten, hat ihn schon vor seiner Einführung bis aufs Blut verteidigt, nun gibt er auf.
„Wir können es nicht, dann sollten wir es sein lassen“, gab er nun zum Besten. Alles nur, weil Dr. Robert Kampka am Samstagabend nicht sah, was laut Stefan Effenberg jeder Siebenjährige gesehen hätte: Dortmunds Adeyemi schubst Frankfurts Lindström im Strafraum mit beiden Händen um – klarer Fall von Elfmeter. Nur nicht für den Schiedsrichter Sascha Stegemann und seinen Adlatus vor dem Bildschirm. Völlig normal auch, dass sich die Frankfurter aufregten. Stegemann wurde vom Kölner Keller, der in diversen Kommentaren längst wahlweise geschlossen, eingestampft, zugemauert oder gleich gesprengt werden sollte, im Stich gelassen – gar keine Frage. Mit ein paar Tagen Abstand wäre es hoffentlich aber möglich, zur Sachlichkeit zurückzukehren. Vorab: der Kolumnist hat das Spiel ohne VAR und Torkamera kennen- und lieben gelernt und würde ihm auch nicht untreu, würde das alles wieder abgeschafft.
Doch die Hysterie, die jetzt wegen eines absoluten Ausnahmefalls entstanden ist, ist nicht sachdienlich. Es haben schon Ärzte falsche Zähne gezogen und gesunde Knie operiert trotz eindeutiger Bildgebung und niemand fordert, Röntgengeräte zu verschrotten oder MRT-Anlagen abzubauen. Das Gute überwiegt bei Weitem. Es handelte sich im Fall Kampka/Stegemann um menschliches Versagen, einen Blackout eben. Den gab es auch 1994 beim sogenannten Helmer-Tor, als ein Linienrichter ein Tor sah, das sonst keiner sah, weil der Ball doch auf die Tartanbahn hoppelte. Fast 30 Jahre her und noch immer wird es als Mutter aller Fehlentscheidungen in der Bundesligageschichte herangezogen – womöglich, weil danach nicht mehr so viel krasse kamen?
Das Kießling-Tor durch ein Loch im Außennetz und ein Handtreffer eines Hannoveraners, aber sonst? Nichts mehr für einen ARD-Brennpunkt. So ist es auch in fünf VAR-Jahren. Der lächerliche Elfmeter für Bremen vor einem Jahr in der 2. Liga gegen Schalke fiele mir noch ein, ansonsten ist das Ärgerliche am VAR vor allem das oft minutenlange Warten auf Entscheidungen, die von der unterlegenen Seite natürlich als doppelt unangenehm empfunden wird. Oder die Aberkennung von Toren, weil zwei Minuten vorher ein Foul begangen wurde. Oder das Ziehen kalibrierter Linien, denen Tore zum Opfer fallen, die in seligen Zeiten wegen „gleicher Höhe“ gezählt hätten. Jetzt entscheiden Millimeter über Abseits.
Der Einzug der Forensik in das Spiel hat es sicher nicht attraktiver gemacht, aber eben gerechter. Wer nun bereit ist auf die Annäherung an die Perfektion zu verzichten, möge eines bedenken: der VAR wurde einst eingeführt, weil seit Smartphoneerfindung alle sehen können, was da auf dem Platz womöglich Schlimmes passiert ist, nur der Schiedsrichter nicht. Was den nicht davor bewahrte, zwei Tage lang vor diverse TV-Standgerichte gezerrt zu werden: Das war klares Abseits, das Tor hätte nicht zählen dürfen. Wieso sieht er den Ellenbogenschlag nicht? Schickt ihn schnell in die Pampas, diesen Mann! Manchem malte der Boulevard Tomaten auf die Augen. So war es schon in den Neunzigern, als das Privatfernsehen über die Bundesliga kam und irgendwann mehr Kameras als Eckfahnen gebraucht wurden, um ein Spiel auszutragen.
Wer nun ernstlich fordert, den VAR wegen des Blackouts von Frankfurt abzuschaffen, der möge sich überlegen, ob er fortan auch bereit ist, nicht über Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern, die längst eine vom Aussterben bedrohte Spezies sind, zu wettern – weil sie nicht sahen, was wir alle nach der dritten Zeitlupe „eindeutig“ erkannten. Schimpft meinetwegen am Stammtisch, aber schafft die Standgerichte ab, dann können wir auch den VAR abschaffen.