Unterbringung von Flüchtlingen  Grauer Wohnungsmarkt wird unter die Lupe genommen

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 02.11.2022 08:10 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Diese Wohnungen am Schlehdornweg könnten zur Unterbringung von Flüchtlingen dienen. Foto: Archiv
Diese Wohnungen am Schlehdornweg könnten zur Unterbringung von Flüchtlingen dienen. Foto: Archiv
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Die Auricher Grünen-Fraktion hat in einem Dringlichkeitsantrag gefordert, dass ein Teil der städtischen Wohnungen für Geflüchtete zur Verfügung gestellt wird. Der Landkreis ist schon am Ball.

Aurich - Mit immer größerem Druck wird im Landkreis Aurich derzeit darüber diskutiert, wo mehr Wohnraum für Flüchtlinge geschaffen werden kann. Die Grünen-Fraktion im Stadtrat hat deshalb mit einem Dringlichkeitsantrag angeregt, systematisch die leerstehenden Wohnungen der Stadt unter die Lupe zu nehmen. Man könnte sie daraufhin überprüfen, ob sie zur Unterbringung von Flüchtlingen taugten, regte Gila Altmann an. Die Fraktionschefin der Grünen sagte, dass es vor allen Dingen um jene Häuser gehe, die verkauft werden sollten: „Konkret denke ich an die Wohnungen im Krähennestergang. Dann geht es um den Schlehdornweg.“ Dort seien derzeit nur noch ein paar Gebäude bewohnt. Bei der Sichtung der Gebäude müsse man ganz niedrige Maßstäbe anlegen: „Es geht jetzt erstmal darum, dass die Leute, die zu uns kommen, ein Dach über dem Kopf haben.“ Verschärfend komme hinzu, dass auch Auricher Bürger dringend nach bezahlbarem Wohnraum suchten und dafür wenig gut ertüchtigte Unterkünfte in Kauf nehmen würden.

Was und warum

Darum geht es: Wie soll die Unterbringung von Flüchtlingen künftig organisiert werden?

Vor allem interessant für: Menschen, die an der Lösung von sozialen Fragen interessiert sind.

Deshalb berichten wir: Der Landkreis weist in Ausschusssitzungen mit Nachdruck darauf hin, dass weiterer Wohnraum benötigt wird. Vielleicht veranlasst das den ein oder anderen Hauseigentümer darüber nachzudenken, was er mit seinem Leerstand macht.

Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de

Die Stadt Aurich unterhält 25 Wohnungen am Schlehdornweg. Die in den 30er Jahren errichteten Gebäude entsprechen schon lange nicht mehr den erforderlichen Standards, was Wärmedämmung oder sanitäre Ausstattung anbelangt. Wenn jemand wegzieht, werden die Wohnungen nicht mehr vermietet. Derzeit sind das 13 Wohnungen. Die Politik diskutiert seit fast sechs Jahren darüber, was mit den Immobilien passieren soll. Abriss und Neubau? Für die letztere Alternative gab es vor fünf Jahren Pläne, die wieder in der Schublade verschwanden. Außerdem hatte die Stadt mal vor, ein Wohnraumversorgungskonzept (WVK) zu entwickeln und zwölf Millionen Euro für bezahlbaren Wohnraum in den Haushalt einzustellen. Doch das Vorhaben wurde wegen des massiven Gewerbesteuereinbruchs bei der Stadt finanziell stark abgespeckt. Am Ende blieben nur noch eine Handvoll Wohnungen an der Norderstraße übrig.

Kaufvertrag noch nicht unterzeichnet

Doch Gila Altmann denkt nicht nur an die Grundstücke außerhalb des Stadtzentrums: Auch in der Osterstraße stehen Häuser leer, die immer noch im Eigentum der Stadt sind, nämlich die Gebäudereihe von Nummer 28 bis 36. Die sollte bereits vor anderthalb Jahren an den Auricher Immobilienmakler Lennart Gerstmeier verkauft werden. Er hatte von den politischen Gremien in einer Ausschreibung den Zuschlag erhalten. Wie weit sind seine Planungen fortgeschritten? Gerstmeier sagte auf Anfrage dieser Zeitung, dass der Kaufvertrag noch gar nicht unterschrieben worden sei. Er stehe noch in Verhandlungen mit der Stadt. „Bei mir liegt kein Druck auf der Angelegenheit“, sagte er. Er habe selbst so viele Projekte, dass das in der Auricher Osterstraße eines von vielen sei.

Die Wohnungen, die die Grünen im Auge haben, werden von der Politik als „grauer Wohnungsmarkt“ bezeichnet. Gemeint sind damit Mietverhältnisse zwischen privaten Vermietern und Mietern, die wegen ihrer persönlichen Lebenssituation oder generell ihrer Biografie große Schwierigkeiten haben, auf dem allgemeinen Wohnungsmarkt eine Unterkunft zu finden. Diese Umstände werfen zwangsläufig die Frage auf, ob dieser „graue Wohnungsmarkt“ überhaupt für die Unterbringung von Flüchtlingen infrage käme. Generell ist dafür der Landkreis Aurich zuständig. Es ist seine Aufgabe, geeignete Gebäude oder auch Container zu finden.

Landkreis-Sprecher Nikolai Neumayer bestätigte, dass es wegen der möglichen Wohnungsüberlassung bereits Gespräche zwischen Landkreis und Stadt gegeben habe. „Die Wohnungen werden derzeit auf eine mögliche Belegung mit Geflüchteten geprüft“, sagte er. Die für die Unterbringung von Flüchtlingen ins Auge gefasste Blücherkaserne sei nach derzeitigem Stand bereits im Dezember oder Januar 2023 bezugsfertig. „Dabei geht es um einen Teilbereich. Voraussetzung für einen Einzug ist ein komplikationsloser Verlauf bei der Sanierung.“ Der Landkreis habe seit dem 1. August vergangenen Jahres 2874 Geflüchtete aufgenommen und untergebracht. In den Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises Aurich seien aktuell 493 Geflüchtete untergebracht. „Die restlichen Personen leben in privaten Wohnungen, die teilweise durch den Landkreis Aurich angemietet wurden.“

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