Serie „Leven van de See“ Beste Insel-Lage für Sternengucker
Licht aus, Sterne an: Wer sich mit der Sterneninsel Spiekeroog beschäftigt, kann viel für seinen eigenen Garten lernen – Lichtsmog vermeiden und den Geldbeutel schonen.
Im Nationalparkhaus Wittbülten auf Spiekeroog gibt es neben den tierischen Ausstellungsstücken und Informationen zur Ökologie des Wattenmeeres eine Ausstellungswand mit Lampen. Sie hängen dort in verschiedenen Ausführungen. Alle haben einen Schalter – wer möchte, dem kann hier ein Licht aufgehen. Zwischen Seehund und Austernfischer wirken die Exponate zwar etwas fehl am Platz. „Sie helfen aber zu verstehen, wie Lichtverschmutzung reduziert werden kann“, sagt Sophie Lehmann vom Nationalparkhaus.
Die Serie „Leven van de See“
Die Nordsee. Mal malerisch ruhig, mal wild und stürmisch. Sehnsuchtsort und Arbeitsort in einem. Es gibt Menschen, die all ihre Facetten kennen, weil sie täglich mit ihr zu tun haben. Das Leben von und mit dem Meer prägt die ostfriesische Halbinsel sogar bis ins Landesinnere hinein. Es ist Nahrungsquelle, liefert Werkstoffe und Zutaten, ist Wasserstraße und manchmal auch Energiespender. In dieser Serie geht es darum, wie sich der Mensch an das Leben am und mit dem Meer angepasst hat. Unter dem Motto „Leven van de See“ berichten Ostfriesen von ihrer Verbindung zur Nordsee. Sie sprechen über ihre Erfahrungen, ihren persönlichen Blickwinkel und ihre Wünsche für die Zukunft.
Die nächste Folge: In der nächsten Folge erzählt Silke Schmidt vom Nationalparkhaus der Insel Wangerooge, warum der Wal vor der Tür nicht so wichtig ist.
Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de oder 04941/6077-519
Wer in den Osten der Ostfriesischen Insel kommt und auf einen der Schalter drückt, lernt nicht nur etwas darüber, wie und warum Spiekeroog im August 2021 zur Sterneninsel wurde, sondern auch, wie die Insel als Vorbild für den eigenen Garten dienen kann: Die Lampen spielen dabei eine wichtige Rolle.
Immer wieder zurück auf die Insel
Sophie Lehmann ist vor fünf Jahren aus Neubrandenburg als Praktikantin ins Nationalparkhaus gekommen und beidem verbunden – der Insel und dem Sternenpark Spiekeroog. Inzwischen ist sie feste Mitarbeiterin als Laborleiterin des Hauses. Schon während des Praktikums blieb sie länger als geplant. Spiekeroog gefiel ihr so gut, dass sie auch ihre Bachelorarbeit zum Studium „Naturschutz und Landesnutzungsplanung“ über ein Umweltbildungskonzept auf der Tuitje schrieb, dem Schulschiff der benachbarten Hermann-Lietz Schule. Jeden zweiten Sonnabend haben die Schüler jetzt Unterricht auf dem Meer.
In Oldenburg sattelte Lehmann einen Master in Landschaftsökologie drauf und kam für ihre Masterarbeit wieder zurück auf die Insel. Denn darin ging es um etwas, das ihre Verbindung zu den Lampen deutlich macht: „Eine Insel als Sternenpark“ lautet der Titel. Lehmann begleitete in ihrer Arbeit die Zertifizierung, prüfte, wie die Bewohner der Insel auf dem Weg dorthin eingebunden werden können. So wurde Sophie Lehmann nicht nur eine der ersten sieben offiziellen „Dark Sky-Guides“ – also Nachtführer des Sternenparks –, sie beschäftigte sich auch intensiv mit Lichtverschmutzung und ihren Hintergründen.
Lichtverschmutzung ist ein relativ neues Thema
„Das ist ein relativ neues Thema“, sagt Lehmann. Auch für sie selbst. Also trug sie zusammen, was die Insel für den Weg zur Sterneninsel brauchte. Obwohl Spiekeroog im relativ dunklen Wattenmeer liegt, musste auf der Insel einiges passieren, um den Namen Sterneninsel tragen zu dürfen. Als ehrenamtlicher Betreuer der Anwärter zum Dark-Sky Park betreute Andreas Hänel die Insel. Die Mission des Physikers, der 33 Jahre lang das Planetarium in Osnabrück leitete: Den Sternenhimmel schützen. Was dafür notwendig ist, fasst Hänel so zusammen: Unnötiges Licht abschalten, es nur so hell und lange scheinen lassen, wie nötig und dahin, wo es hingehört: nach unten. Auch auf Spiekeroog war trotz der neuen und abgeschirmten Lampen nicht alles perfekt. Die Leuchten waren zu hell eingestellt und mussten gedimmt werden. Darüber schrieb Lehmann auch in ihrer Arbeit.
70 Leuchten sollen umgerüstet, zehn weitere ausgetauscht werden. Ein Symbolbild dieser Zeit stammt von Spiekeroogs ehemaligem Bürgermeister Matthias Piszczan: Auf einer Leiter stehend sieht man ihn beim Programmieren der Helligkeit einer Straßenleuchte. Für die Anerkennung Spiekeroogs als Sterneninsel mussten Dutzende Leuchten dauerhaft von Hand gedimmt werden. So schickt die Insel jetzt nicht nur weniger Licht in den Abendhimmel, sondern spart zusätzlich Energie. Auch ein hilfreicher Aspekt der Sterneninsel.
Weniger Licht freut auch Tiere und Pflanzen
„Eine Aktion, die für die Zertifizierung als Sterneninsel, aber auch für die Tier- und Pflanzenwelt sinnvoll ist“, findet Sophie Lehmann. So steht es auch in ihrer Masterarbeit: Durch Lichtverschmutzung ändern Insekten und Vögel ihre Flugbahn. Insekten verenden an Lampen, von denen sie wie vom Mond magisch angezogen werden. Noch befindet sich die Insel bei den Angeboten zur Sterneninsel im Testmodus: Welche Konzepte funktionieren und welche nicht? Die Planung für einen Blick in den Sternenhimmel sei schwierig. Denn im Gegensatz zu einem Inselbesuch ist ein freier Blick in den Himmel nachts nicht planbar.
Es gibt Vorträge im Inselkino. „Nachtwanderungen werden zwischen September und Mai für Gruppen angeboten“, sagt Lehmann. „Die funktionieren zur Not auch ohne Sterne.“ Auch das hat sie in ihrer Masterarbeit beschrieben. Die Theorie zum Licht- und Energiesparen samt Leuchten für den passenden Praxistest gibt es zu den Öffnungszeiten im Nationalparkhaus. „Lichtverschmutzung wird eine wachsende Bedeutung im Bewusstsein der Menschen bekommen“, ist sich Sophie Lehmann sicher.
Das macht Spiekeroog zum dunkelsten Ort Deutschlands
Lichtverschmutzung: Seit August 2021 ist Spiekeroog Sterneninsel – In der Zeit der langen Nächte entfaltet sich die Pracht Spiekeroog - Wer das Glück hat, Spiekeroog in den dunklen Monaten nachts mit klarem Himmel zu erleben, sollte sich aufmachen an den dunkelsten Ort der Insel. Er liegt in der Nähe des Übergangs zum Hundestrand – zu Füßen des Utkiekers. Dieser schlanke Bronzemann mit den riesigen Füßen steht auf seiner Dünenspitze – mit Blick über die ganze Insel – übrigens am hellsten Ort Spiekeroogs. Trotzdem lohnt sich für Sternengucker ein Abstecher dorthin. Denn was genau Spiekeroog als Sterneninsel auszeichnet, ist hier auf großen Tafeln erklärt. Dann geht es von hier aus weiter den steilen Dünenpfad hinab, rechts in Richtung Hundestrand bis zum Sternenkieker-Ort 500 Meter weiter im Dünental. Ins Gepäck gehört bei einem herbstlichen Ausflug zu den Sternen eine warme Decke, eine Taschenlampe und eine Thermoskanne mit Tee. Dann macht man es sich am besten auf einer der dort aufgestellten Liegen bequem und hat sofort die beste Position für den Blick in die Sterne. Die Dünen zum Strand schirmen das Licht der Schiffsautobahn ab, die übrigen die Lichter der Nachbarinseln und der Beleuchtung im Ort. So dunkel wie hier ist es an kaum einem anderen Ort in Deutschland. Ein Grund, warum am Dunkelort die woanders kaum sichtbare Milchstraße ihrem Namen Ehre macht.
Seit August 2021 kann sich die Ostfriesische Insel Spiekeroog offiziell Sterneninsel nennen. Dieser Titel wurde ihr gemeinsam mit der nordfriesischen Insel Pellworm von der International Dark-Sky Association (IDA) verliehen. Laut der internationalen Organisation, die sich für einen natürlich dunklen Himmel einsetzt, gab es weltweit im Januar 2022 insgesamt 195 zertifizierte International Dark-Sky Places (IDSPs). Sieben Orte dieser Liste liegen in Deutschland, darunter neben Pellworm auch die Rhön, der Nationalpark Eifel, die Winklmoosalm in den Alpen, die Stadt Fulda und das Westhavelland. Egal an welchen dieser Orte es Sternenfreunde verschlägt, sie sollten laut IDA ihren Ausflug in die Sterne während des Neumonds und der astronomischen Dämmerung planen – für das perfekte Seherlebnis. Spiekeroog hat gute Voraussetzungen als Sterneninsel mitgebracht. „In den meisten Regionen des Wattenmeeres gibt es kaum künstliches Licht und die Nacht ist noch so dunkel, dass sie vom Mondlicht beherrscht wird“, schreibt die IDA über diese Insel. Dass die Lichtemissionen im Wattenmeergebiet reduziert werden sollen, wurde übrigens in der grenzüberschreitenden Initiative der Leeuwarden-Erklärung aus dem Jahr 2018 formuliert. Sie wurde von den Umweltministern der Niederlande, Dänemarks und Deutschlands unterzeichnet. Beispiel für andere Orte Niederländische und deutsche Partner arbeiten im Wattenmeer zusammen daran, umweltfreundlichen und nachhaltigen Tourismus zu entwickeln und umzusetzen, um das Ökosystem Wattenmeer zu erhalten und zu schützen. Als Sterneninsel kann Spiekeroog ein Beispiel für andere Gemeinden in der Region werden: „Die Insel zeigt, wie unnötige Lichtemissionen reduziert werden können und sichert damit einen Ort, an dem Mensch und Natur nachhaltig zusammenleben“, so die IDA.
Sieben Orte in Deutschland machen mit
Glossar
International Dark-Sky Association: Die International Dark-Sky Association (IDA) ist eine internationale Organisation, die sich gegen Lichtverschmutzung stark macht. Sie wurde 2001 gegründet, zeichnet Lichtschutzgebiete aus und honoriert damit das Engagement für natürliche Dunkelheit. Inzwischen wurden fünf Schutzgebietsklassen erarbeitet und fast 200 Gebiete prämiert. Außerdem zeichnet die IDA Aktivitäten zum Lichtschutz aus. Die deutsche Fachgruppe Dark-Sky ist aus der Vereinigung der Sternfreunde in Deutschland hervorgegangen.
Lichtverschmutzung: Lichtverschmutzung ist die Abwesenheit natürlicher Dunkelheit und wird von der IDA als Umweltverschmutzung bewertet. Ursachen für die Lichtverschmutzung der Dunkelheit sind künstliche Lichtquellen, die den Nachthimmel aufhellen. Das hat zur Folge, dass wir die Sterne immer schlechter sehen. Auch die Tier- und Pflanzenwelt beeinflussen der aufgehellte Nachthimmel und die künstliche Beleuchtung auf dem Boden.
Spiekeroog: Spiekeroog ist eine der Ostfriesischen Inseln im niedersächsischen Wattenmeer. Sie liegt zwischen Langeoog im Osten und Wangerooge im Westen. Die kürzeste Entfernung zum Festland im Süden beträgt 5,7 Kilometer, im Norden liegt die nächste küstennahe Schiffsautobahn etwa genauso weit entfernt.
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