Verkehrsversuche in Emden Verkehrspsychologe empfiehlt Rot statt Blau für Neutorstraße
Die Diskussion um die teils blau eingefärbte Neutorstraße geht weiter. Ein Experte bringt eine andere Farbe ins Spiel. Radfahrern in Emden ist sie schon vertraut.
Emden - Die Verkehrsexperimente in der Emder Innenstadt haben ihren farblichen Höhepunkt erreicht: Die großflächig in Blau eingefärbten Teile der Neutorstraße im Abschnitt zwischen der Straße Agterum und der Osterstraße sorgen weiter für viel Gesprächsstoff in der Stadt und in den sozialen Netzwerken. Der renommierte Verkehrspsychologe Michael Haeser hat unterdessen eine weitere Farbe ins Spiel gebracht. Er halte Rot für die Kennzeichnung der Fahrradstraße, auch auf größeren Flächen, für geeigneter, sagte er der Redaktion auf Anfrage.
Was und warum
Darum geht es: die Verkehrsexperimente in der Emder Innenstadt
Vor allem interessant für: Verkehrsteilnehmer in Emden sowie Leute, die sich für die Mobilitätswende und die Zukunft der Innenstädte interessieren
Deshalb berichten wir: Die Diskussion um die in Teilen blau eingefärbte Neutorstraße in Emden geht weiter. Unsere Redaktion hat einen Verkehrspsychologen dazu befragt. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
Haeser, der aus dem ostfriesischen Neermoor (Gemeinde Moormerland) stammt und in Duisburg praktiziert, beruft sich bei dieser Empfehlung auch auf Aussagen von Unfallforschern, mit denen er sich im Oktober auf einem gemeinsamen Symposium der Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie und der Deutschen Gesellschaft für Verkehrsmedizin (DGVM) in München ausgetauscht hat. Dabei sei man zu der übereinstimmenden Auffassung gekommen, dass „die Farbe Rot nach wie vor als optische Hilfe für ,Achtung‘ (in irgendeiner Form) die hilfreichste ist“.
Experte: Blau ist „eher anziehend“
Aus Sicht der Wahrnehmungspsychologie sei die Farbe Blau zwar auffällig. Sie habe aber mehr die Funktion einer Empfehlung, nicht aber die einer Warnung, so der Experte. Blau sei „angenehm, aber eher anziehend als abschreckend.“ Das hieße aber nicht, dass Autofahrer sich davon angezogen fühlen. „Jedoch ist das Gegenteil der Abschreckung nicht unbedingt gegeben“, fügt Haeser hinzu.
Für Radfahrer in Emden wäre die Farbe Rot nicht neu. Die Stadt hat schon vor etwa zwei Jahren damit begonnen, Bereiche an Ampelkreuzungen rot einzufärben. Damit Radfahrer sicherer vor Lichtzeichen halten oder Straßen überqueren können, wurden – etwa im Kreuzungsbereich Zwischen Beiden Bleichen und Neutorstraße – Fahrradfurten an vier Ampelübergänge entlang der Larrelter Straße sowie Übergänge an der Auricher Straße rot markiert.
Rote Fahrradstreifen werden befürwortet
Solche Maßnahmen sollen auch dafür sorgen, dass Radfahrer sichtbarer und Zusammenstöße mit Autofahrern vermieden werden. Weitere Arbeiten dieser Art sind geplant beziehungsweise werden noch geprüft. Aus Sicht des Verkehrspsychologen ist das der richtige Weg. Denn Autofahrern werde mit der Farbe Rot klar angezeigt, dass hier für Kraftfahrzeuge eine Linie gezogen wird, die nicht überschritten werden darf. Auf der anderen Seite hätten Radfahrer eine Spur, die sie dauerhaft erkennen können. „Für sie ist die Farbe in diesem Fall also nebensächlich“, meint Glaeser. Wie wichtig es ist, dass gerade Autofahrer auch verstehen und vor allem akzeptieren, welche Verkehrssituation sie vor sich haben, zeigt das Erlebnis einer Emderin.
Die klare Erkennbarkeit der Fahrradstraße sei prima, aber die Akzeptanz, dass Radfahrer Vorrang haben, scheine noch nicht bei allen Autofahrern vorhanden. „Letzten Samstag durften wir auf der Fahrradstraße am Treckfahrtstief erleben wie ein Autofahrer erst einen entgegenkommenden Radfahrer von der Straße gedrängt hat und dann beim Abbiegen am Straßenende eine ältere Dame auf dem Fahrrad so geschnitten hat, dass sie nur mit Glück einen Sturz verhindern konnte“, so die Emderin, die Mitglied der 100-eyes-Community ist. Diese Community, also Gemeinschaft, wurde von der Emder Redaktion dieser Zeitung ins Leben gerufen und besteht aus verschiedenen Emderinnen und Emdern mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Eine andere Emderin sieht das ähnlich: „Gefühlt müssen die Autofahrer in Emden noch ‚lernen’, inwiefern Fahrradfahrer Vorfahrt haben.“ Tatsächlich kommt diese Antwort häufiger.
Das sagt die Community
Grundsätzlich hält auch der Experte eine durchgängige und deutliche Unterscheidungsmöglichkeit von Fahrradstreifen für „unbedingt notwendig“, wenn der Weg nicht klar durch einen Bordstein begrenzt ist und neben der Fahrbahn liegt. Gleich mehrere Mitglieder der 100-eyes-Community haben unabhängig voneinander rot eingefärbte Fahrradstreifen in der Stadt bei einer Befragung als Positivbeispiele für den Radverkehr in Emden genannt. Auf Straßen, auf denen die Radstreifen optisch deutlich vom Autoverkehr getrennt sind, fahre es sich wesentlich angenehmer. Für das Sicherheitsgefühl reiche nicht nur eine gestrichelte Linie am Rand der Fahrbahn. Das sieht auch der Verkehrspsychologe so. „Denn es könnten Missverständnisse auftreten“, sagt er.
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Boah, ist das blau!
Neutorstraße wird heute gesperrt
Die Community bewertet den jetzigen Zustand der Neutorstraße dennoch recht unterschiedlich. „Was ist denn in Zukunft noch für den ‚Tim Kruithoff Boulevard‘ (früher auch bekannt als Neutorstraße) geplant?“, fragt ein Nutzer. Eine andere Nutzerin fragt sich, ob das gerade in der Neutorstraße sein muss, auch wenn ihr das Blau zusage. Aber: „Ich hoffe, dass es im Winter nicht zu glatt ist“, sagt sie zum neuen „Belag“ der Fahrradstraße. „Das kann weg“, sagt hingegen eine andere Emderin. Aber: „Für einen ‚Testlauf’ wird ganz schön viel investiert. Viele (und auch ich) sind daher der Meinung, dass es eh schon beschlossene Sache ist, dass die Verkehrsführung so bleibt.“
Allerdings weisen auch mehrere, durchaus regelmäßig radfahrende Community-Mitglieder darauf hin, dass auch die Radfahrer sich an die Situation gewöhnen müssen. „Bei den nicht vorhandenen Trennlinien für beide Richtungen der Radfahrer bin ich nach wie vor unsicher, ob das so langfristig funktionieren kann“, sagt einer. Doch auch das wurde mehrfach angemerkt: Soll die Innenstadt tatsächlich attraktiver gestaltet werden, müssen weitere Maßnahmen folgen. Nicht nur, um die Teilnahme am Straßenverkehr für Radfahrer sicherer zu machen.