Osnabrück Kunsthalle Osnabrück zeigt Cemile Sahin und Andrzej Steinbach
Steinewerfer und ein linkes Manifest? Die Kunsthalle Osnabrück startet mit zwei starken Rauminstallationen in den zweiten Teil ihres Jahresthemas „Romantik“. Sehenswert!
Dann und wann klappt plötzlich eine Tür auf. Ihr Scheppern zerreißt die Stille, die zwischen den Spinden zu lasten scheint. Eine schmale Metalltür neben der anderen, in monotoner Reihe. Wessen Sachen hier wohl gelagert werden? Andrzej Steinbach hat das Forum der Kunsthalle Osnabrück in ein kühles Zwischenlager verwandelt. Der graue Teppichboden, die neutralen Lamellenvorhänge, die Spinde, dazu ein rotes Bereitschaftslicht: Hier leben Menschen auf dem Sprung, wie Nomaden einer unsicher gewordenen Existenz.
Kunst als Zeitzeichen? Mit dieser Arbeit sicher. Anna Jehle und Juliane Schickedanz, Direktorinnen des Ausstellungshauses, eröffnen mit ihr und mit einer Filmarbeit von Cemile Sahin den zweiten Teil ihres Jahresthemas Romantik.
Um es gleich zu sagen: Das Ausstellungsprojekt gewinnt entschieden mit diesen Beiträgen, die das Kirchenschiff und das Foyer der Kunsthalle neu prägen. Mit fünf künstlerischen Positionen war das Projekt zum Thema Romantik gestartet. Von diesen Positionen bleiben der Comic „Homi“ von Anna Haifisch im Kreuzgang, das Gartenprojekt „Battlefield“ von Gabriella Hirst im Innenhof und die Erforschung der queeren Geschichte Osnabrücks, die Irène Mélix vornimmt.
Steinbach und Sahin geben nun dem ganzen Projekt ein neues, ja ein eindringlicher profiliertes Gesicht. Ihre Rauminstallationen bringen auf den Punkt, was ein Rückverweis auf die Romantik heute bewirken kann. Er macht aufmerksam auf die Nervosität einer Zeit in beunruhigender Suchbewegung.
Andrzej Steinbach nutzt die Reihen der Spinde im Foyer der Kunsthalle als Hängefläche für seine Fotoarbeiten. Seine Bilder zeigen Steine, die aussehen wie Wurfgeschosse, die auf einer Demo geworfen worden sind. Alte Sessel und Bänke wirken wie die Zufallsmöblierung einer Aktivistenzentrale. Auf einem weiteren Foto sitzt eine junge Frau in grüner Tarnjacke, die in einem Manifest des Unsichtbaren Komitees liest, einem Kulttext der linken Szene.
Trotz der deutlichen Signale geht es hier nicht um eine eindeutige politische Botschaft. Steinbach inszeniert die Zeitstimmung eines diffusen Aufbruchs in neue Richtungen der Politik und des Protests.
Die Autorin und Filmemacherin Cemile Sahin arbeitet mit ganz anderen Mitteln, bringt aber einen ähnlichen Stand der Dinge zur Erscheinung. In der Kirchenhalle hat sie eine Bühne installiert und eine Fotowand in U-Form, vor der eine Leinwand schwebt. Der 40-Minuten-Film, der hier läuft, erzählt von Menschen, die im kurdischen Teil der Türkei zu Migranten werden, weil ein Staudammprojekt ihr Dorf verschlingt.
Das Wasser wird zum Mittel einer aggressiven Politik: Sahin verknüpft dieses Thema mit jenen Grenzziehungen im Nahen Osten, die nach dem Ersten Weltkrieg vorgenommen wurden, diese Region mit ihren Konsequenzen aber weiterhin in Unruhe halten.
Der Betrachter selbst braucht darüber nicht in Unruhe zu verfallen. Beide künstlerischen Arbeiten verlangen Ruhe und genaues Hinsehen. Beide arbeiten mit der Kombination mehrerer künstlerischer Medien, vom Objekt über Bild und Film bis zur Raumkomposition.
Wer sich fragt, was denn an all dem romantisch sein soll, wird an diesem Punkt bereits fündig: Auch die Romantik arbeitete mit unerhört innovativen Koalitionen der Künste. Und auch in dieser Epoche ging es darum, eine historische Wegscheide künstlerisch zu bearbeiten. Wo soll es hingehen? In den gesellschaftlichen Fortschritt oder zurück in restaurative Konzepte?
Die Romantik gab in bekannter Weise beide Antworten und zeigte damit ihr beunruhigend zweideutiges Gesicht. Die Werke der jungen Künstler heute stellen intensive Fragen nach der richtigen Entscheidung in einer politischen und gesellschaftlichen Situation, die im Zeichen von neuem Nationalismus, sozialer Schieflage und Protest auf der Kippe steht.
Das Romantik-Projekt der Kunsthalle ist nicht nur noch bis 5. März 2023 zu sehen, es nimmt mit dieser Neubesetzung in seiner zweiten Halbzeit auch noch einmal an Fahrt auf. Diese Kunst bewegt sich vollkommen auf der Höhe der Zeit. Auch ein Qualitätsmerkmal.
Osnabrück, Kunsthalle: Romantik. Erzählst Du Märchen? Eröffnung: Samstag, 5. November 2022, 17 Uhr. Bis 5. März 2023. Di.-So., 11-18 Uhr.