Hamburg  Laternenlauf zu Sankt Martin: Gebt den Kindern echte Kerzen!

Eva Dorothée Schmid
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Von Eva Dorothée Schmid
| 04.11.2022 13:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
So stimmungsvoll leuchten nur echte Kerzen in der Laterne Foto: imago images/imagebroker/Bildverlag Bahnmüller
So stimmungsvoll leuchten nur echte Kerzen in der Laterne Foto: imago images/imagebroker/Bildverlag Bahnmüller
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Vielerorts ziehen nun wieder Kinder mit ihren Laternen durch die Straßen. Leider haben sie hässliche und umweltschädliche Plastikstäbe mit blinkenden LEDs in ihren Laternen. Unsere Autorin plädiert für echte Kerzen in Kinderhänden.

„Brenne auf mein Licht, brenne auf mein Licht, aber nur meine liebe Laterne nicht!“ schallt es alljährlich rund um St. Martin durch die Straßen. Von wegen. Hier brennt gar nichts auf, es blinkt eher. Und auch Laternen gehen nicht mehr ab und an in Flammen auf, sie werden von kleinen Rabauken höchstens beim Herumschlagen lädiert.

Statt wie in meiner Kinderheit echte Kerzen stecken heute in schätzungsweise 99 Prozent der Laternen quietschbunte Plastikstäbe mit LED-Lämpchen. Das soll sicherer sein, ist aber ästhetisch eine Zumutung, ökologisch gesehen katastrophal und sorgt häufig für Frust (weil die Dinger extrem schnell kaputtgehen). Außerdem lernen Kinder so nicht, mit Feuer umzugehen. 

Die Folge: Ein Laternenumzug hat kaum noch Flair. Statt ehrfürchtig im Schein des beruhigenden Kerzenlichts vorsichtig die Laterne vor sich herzutragen, toben die Kleinen mit ihren Laternen herum. Das Licht baumelt oft neben der Laterne oder, weil das Kabel der Plastik-Billigramsch-Laternenstäbe zu kurz ist, darüber. Es scheint bläulich-grell und blinkt ab und an sogar wie die Leuchtreklamen auf der Reeperbahn.

Wer als eine oder einer der wenigen mit einem Kitakind mit echtem Feuer zum Laternenlauf kommt, erntet ungläubige Blicke und Kommentare, die vermuten lassen, die anderen Eltern würden am liebsten das Jugendamt informieren angesichts so viel Verantwortungslosigkeit. Ich habe das selbst mehrmals erlebt.

Doch schuld an dieser Entwicklung sind nicht nur Helikoptereltern, die ihren Kindern den Umgang mit echtem Feuer nicht zutrauen. In vielen Kitas und Schulen sind Kerzen beim Laternenumzug sogar verboten. Aber warum? Trauen wir vor lauter Überbehütung unseren Kindern wirklich nicht zu, dass sie wie wir früher ein paar Meter im Freien eine Laterne mit einer echten Kerze vor sich hertragen, ohne dass gleich die Feuerwehr ausrücken muss?

Wir Erwachsenen üben uns gerne in Kursen in Achtsamkeit – aber den Kindern bringt man das nicht bei. Dabei wäre ein Laternenumzug mit echter Kerze eine gute Gelegenheit. Dabei könnten Kinder auch gleich noch den richtigen Umgang mit Feuer lernen. Dazu gibt es sowieso kaum noch Gelegenheiten angesichts mit LED betriebener Adventskränze und Weihnachtsbäume. Auch zum Geburtstag in Kita oder Schule sind echte Kerzen meist verboten.

Wem als Kind die Laterne abgefackelt ist, der erinnert sich in der Regel bis heute daran. Ich wage mal zu behaupten, dass das den meisten nur ein Mal passiert ist und sie dabei viel über Feuer und seine Gefahren gelernt haben.

Und von pädagogischen Gründen mal abgesehen spricht auch der Umweltschutz ganz klar für echtes Feuer. Wenn man die Plastik-LED-Stäbe wenigstens jahrelang verwenden könnte! Doch die meiste China-Ware geht nach dreimaligem Anschalten nicht mehr an, die Stäbe haben Wackelkontakt oder lassen sich gar nicht erst illuminieren. Manche Mütter besorgen gleich zwei davon, weil sie fest damit rechnen, dass einer während des Umzugs den Dienst versagt. Und meist ist das auch der Fall. Die mit dem Plastikschrott überquellenden Mülleimer entlang der Martinsumzugsrouten zeugen davon.

Deshalb, der Umwelt, der Ästhetik und des Lerneffekts zuliebe: Mütter, Väter, Erzieherinnen und Lehrer, überwindet eure Angst und gebt den Kindern echte Kerzen in die Laternen!

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