Wirtschaft in Leer  Leeraner Unternehmen wollen Getreideexporte aus Ukraine stützen

Michael Kierstein
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Von Michael Kierstein
| 04.11.2022 13:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Viel wird über den Seeweg aus der Ukraine exportiert. Ein Leeraner Unternehmen sucht aber einen anderen Weg. Vadim Ghirda/AP/dpa
Viel wird über den Seeweg aus der Ukraine exportiert. Ein Leeraner Unternehmen sucht aber einen anderen Weg. Vadim Ghirda/AP/dpa
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Am 19. November läuft das Getreideabkommen mit Russland aus. Das Land hatte das Abkommen schon einmal aufgekündigt. Während die Leeraner Reeder entspannt sind, belastet das vor allem ein Unternehmen.

Leer - Erst nein, dann doch wieder ja. Das Hin und Her rund um das russische Verbot von Getreideausfuhren aus der Ukraine wirkt sich auf die internationalen Warenketten aus. Hieß es erst noch, dass Russland das Abkommen zum Export von Getreide aufkündigen wird, zog die russische Regierung nur wenige Tage später zurück.

Was und warum

Darum geht es: Russland war vom Getreideabkommen zurückgetreten und hat es dann wieder aufgenommen. Das haben auch die Unternehmen in Leer zu spüren bekommen.

Vor allem interessant für: alle, die sich für die Wirtschaft in Leer interessieren

Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, ob das Hin und Her Auswirkungen auf die Leeraner Unternehmen hat.

Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de

Damit ist erst einmal etwas Entspannung auf dem Seeweg zurückgekehrt. Bis Donnerstag sollen sechs Getreidefrachter die ukrainischen Häfen verlassen haben. Die Ukraine gilt als einer der größten Erzeuger für Getreide. Besonders wichtig sind die Exporte für Afrika und Asien. Auch die Leeraner Reeder beobachten die Situation in der Region genau.

Hilfe angeboten

Allen voran die Ems-Fehn-Group hatte Interesse daran bekundet, der Ukraine beim Export von Getreide helfen zu wollen. „Im Frühjahr haben wir einen Logistiker aus der Ukraine eingestellt, der mit seiner Familie nach Deutschland geflohen war und den Agrar-Markt der Ukraine sehr gut kennt“, sagt Sprecher Jochen Brandt. Gemeinsam mit weiteren Kollegen aus der Gruppe arbeite er seitdem an verschiedenen Konzepten, wie Getreide auf anderen Wegen als über das Schwarze Meer aus der Ukraine ausgeführt werden könnte.

Da man nach anderen Wegen als dem direkten Seeweg suche, habe die Entscheidung Russlands auch keine Auswirkungen auf das Unternehmen gehabt. Das ist schon deshalb wichtig, da der Kreml angekündigt hatte, das bis zum 19. November befristete Abkommen nicht zwangsläufig verlängern zu wollen. „An Getreide-Exporten aus der Ukraine über den Seeweg war die Ems-Fehn-Group seit Beginn des Krieges nicht beteiligt. Auch gibt es derzeit keine Überlegungen, die Getreide-Ausfuhr über den Seeweg aufzunehmen“, so Brandt. Ein Grund sei die Schwierigkeit, Schiffe für solche Reisen angemessen zu versichern. Dieses Problem würde sich durch Russlands Rückzug aus dem Abkommen noch einmal verschärfen.

Arbeit geht weiter

Die Ems-Fehn-Group forciert auch deshalb andere Ausfuhrwege. „Das ist komplexer als es auf den ersten Blick scheinen mag. So mangelt es in der Ukraine beispielsweise an der notwendigen Infrastruktur, um Getreide in nennenswerten Mengen etwa auf Lastwagen, Züge oder Binnenschiffe umschlagen und dann außer Landes transportieren zu können. Unsere Kollegen arbeiten weiter an Lösungen und sind dafür mit potenziellen Partnern im Gespräch“, so der Sprecher.

Finanzielle Erwägungen würden für das Unternehmen keine Rolle spielen. „Seit Ende Februar bringt Russlands verabscheuungswürdiger Angriffskrieg unfassbares Leid über die Menschen in der Ukraine“, sagt der Chef der Ems-Fehn-Group, Manfred Müller. „Unser Ziel ist es, dem Land und seinen Menschen zu helfen.“ Deshalb wurden auch sämtliche Geschäftsbeziehungen zu Russland beendet. Außerdem hat die Ems-Fehn-Group sofort ihr Büro in St. Petersburg geschlossen und den dortigen Mitarbeitern angeboten, in andere Büros zu wechseln.

Handeln anderer Reeder

Auch die anderen Leeraner Reeder, die vor dem Beginn des Kriegs Geschäftsbeziehungen unterhalten haben, haben diese aufgekündigt. „Wir haben sämtliche Anläufe in der Region eingestellt und laufen auch keine russischen Häfen mehr an“, betont Marko Stampehl, Sprecher von BBC-Chartering, das zur Briese-Gruppe gehört. Das Geschäft habe ohnehin nicht einmal zwei Prozent vom Umsatz ausgemacht, sodass sich der finanzielle Schaden in engen Grenzen halte.

Derzeit läuft im Süden der Ukraine die Ernte. Foto: Ukrinform/dpa
Derzeit läuft im Süden der Ukraine die Ernte. Foto: Ukrinform/dpa

Das Unternehmen laufe weiterhin Häfen in der Türkei und Bulgarien an, werde aber bis auf weiteres keine Versuche unternehmen, in die Kriegsregion zu fahren. „Das wird so bleiben, solange dort Krieg herrscht“, so Stampehl. Auch bei der Reederei Hartmann ist man von dem Hin und Her Russlands nicht betroffen. „Die Hartmann Reederei ist spezialisiert auf den Transport von Gas (LPG), deshalb kann ich Ihnen beim Thema Getreide leider nicht weiterhelfen“, so Unternehmenssprecherin Anke Borkott. Auf die Reeder hat das Agieren Russlands also kaum Auswirkungen. Anders sieht das jedoch bei einem Unternehmen aus, das mit seinem Turm das Hafenbild prägt: Agravis.

Andere Wege

„Diese furchtbaren Maßnahmen haben den ganzen Weltmarkt und Warenflüsse durcheinandergebracht“, sagt Bernd Homann, Sprecher von Agravis. Das liege vor allem daran, dass die Ukraine eines der wichtigsten Agrarexportländer der Welt ist. Wenn weniger Waren aus der Region kommen, müsse umdisponiert werden.

„Deshalb beschäftigt uns die Frage: Wo gibt es noch kurzfristig größeres zusätzliches Exportpotential an Weizen? Eigentlich nur in Mittel- und Nordeuropa, also in unserer Region - die Südhalbkugel erntet erst Anfang nächsten Jahres“, so Homann. Das wiederum heiße, dass die Getreidepreise subventioniert bleiben. Dies habe auch Auswirkungen auf die hiesige Nahrungsmittelinflation. „Wir können aber in Deutschland auch per Lkw und Zug Waren aus der Ukraine importieren“, sagt der Unternehmenssprecher. Also genau auf dem Weg, an dem die Ems-Fehn-Group derzeit arbeite. Das mache Deutschland unabhängiger von Schwarzmeerimporten. „Des Weiteren hatten wir bei uns zuletzt – abgesehen vom Mais – eine sehr ordentliche Getreideernte“, beruhigt Agravis-Sprecher Homann.

Agravis will helfen

Ebenso wie die Ems-Fehn-Group werde auch Agravis aktiv, um ukrainische Exporteure zu unterstützen. „Wir werden versuchen zu unterstützen, wo es geht. Grundvoraussetzung ist natürlich, dass die Politik dementsprechende Maßnahmen ergreift und diese auch durchsetzt“, so Homann.

Sorge bereitet ihm der Blick in den Süden. Um die weltweite Versorgung sicherzustellen bräuchte es Rekordernten auf der Südhalbkugel „Sollten wir auf der Südhalbkugel während unseren Winters nicht sehr gute Ernten einfahren, dürfte der Markt sehr eng werden“, sagt er. Deshalb brauche man Rekordernten in Australien und Südamerika. Ob der Krieg auch direkte Auswirkungen auf das Unternehmen habe, könne er derzeit nicht sagen.

„Keiner kann voraussagen, welche Auswirkungen dieser schreckliche Krieg noch mit sich bringt. Logistikkosten und Energie sind fast unkalkulierbar, die Getreidequalitäten ebenso“, so Homann. Man sei aber zuversichtlich, die Herausforderungen meistern zu können.

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