Coach in der B-Klasse Ex-Präsident von Union Berlin trainiert VfL Ockenhausen
In Poghausen wird momentan sehr gerne auf die Bundesligatabelle geschaut. Denn der Ex-Präsident von Union Berlin, Jürgen Schlebrowski, lebt in Ostfriesland und ist Trainer beim VfL Ockenhausen.
Leer - Nach dem Erfolg in letzter Sekunde gegen Borussia Mönchengladbach am letzten Sonntag tanzte die Mannschaft des Bundesliga-Tabellenführers vor den Fans und sang mit ihren Anhängern: „Deutscher Meister wird nur Union Berlin!“ Gefeiert wurde auch im ostfriesischen Poghausen. Denn dort verfolgt Jürgen Schlebrowski jede Partie der Köpenicker noch sehr genau.
Der Trainer des B-Klassisten VfL Ockenhausen war von Oktober 2003 bis zum Juni 2004 Präsident bei Union Berlin und somit Vorgänger von Dirk Zingler. Der gebürtige Gelsenkirchener erzählt mit ebenso großer Leidenschaft über seine aufregende Zeit als Boss des damaligen Zweitligisten in Berlin wie über den 3:1-Erfolg des VfL Ockenhausen am vergangenen Sonntag gegen den SuS Strackholt.
Einstieg nach Sportbild-Artikel
„Ich habe die Entscheidung, Präsident von Union Berlin zu werden, nie bereut, auch wenn es eine sehr schwierige Zeit war, denn der Verein war praktisch pleite“, blickt Jürgen Schlebrowski zurück. Von 1994 bis 1998 war er Topmanager beim Sportartikelhersteller Nike. Als er einen Bericht in der „Sportbild“ las, nahm die Geschichte ihren Lauf. „Traditionsverein am Abgrund“, lautete die Überschrift, kann sich Schlebrowski noch erinnern.
Nike stieg ein, wurde Ausrüster der Berliner und rettete Union damit vor der Insolvenz. Als es Schlebrowski beruflich nach Berlin verschlug, wurde er 1999 zum Aufsichtsratschef der Unioner gewählt. „Bis 2001 habe ich dann die erste tolle Zeit von Union miterleben dürfen, als Regionalligist im Pokalfinale gegen Schalke 04 und den Aufstieg in die zweite Bundesliga. Es folgte dann die Teilnahme am UEFA-Cup“, erzählt Schlebrowski.
Umzug nach Ostfriesland
Der heute 73-Jährige legte sein Amt bei Union dann Ende 2001 nieder, als er aus beruflichen Gründen von Berlin ins Ruhrgebiet musste. Als der Aufsichtsrat dann 2003 den damaligen Präsidenten Heiner Bertram abberief, kam jemand auf die Idee, bei Jürgen Schlebrowski anzuklopfen und zu fragen, ob er nicht einspringen könnte. Zu der Zeit war Union mit fünf Punkten nach acht Spielen Tabellenletzter. „Ich habe dann auch noch ja gesagt“, lächelt Schlebrowski, der mit seiner Frau in Ostfriesland heimisch wurde.
„Wir hatten immer die Absicht, aufs Land zu ziehen. Da nur der Norden in Frage kam, war Ostfriesland vom Ruhrgebiet gesehen die erste Wahl. Dort haben wir Ende 2001 in Poghausen ein schönes, altes Bauernhaus gefunden, das wir erst nur am Wochenende genutzt haben, bis wir dann entschieden haben, ab Januar 2004 unseren Hauptwohnsitz dorthin zu verlegen, was definitiv die richtige Entscheidung war“, erzählt Schlebrowski.
Entlassung von Mirko Votava
In seiner Zeit als Wirtschaftsmanager in Bochum und Präsident bei Union Berlin verbrachte Schlebrowski unzählige Stunden und Kilometer auf der Autobahn. „Ich habe jedes Spiel verfolgt. Finanziell konnten wir den Verein retten, sportlich endete es leider als 17. mit dem Abstieg in die Regionalliga“, so Schlebrowski, der kurz vor Saisonende auch die Zusammenarbeit mit Trainer Mirko Votava beendete.
Für ihn endete nach rund sieben Monaten auch die Präsidentschaft, aber nicht die Liebe zu diesem Klub. „Ich bin mit keinem Verein so emotional eng verbunden wie mit Union Berlin, fiebere bei jedem Spiel mit“, schwärmt er von dem Traditionsverein. „Dort gibt es noch eine überzeugend gelebte Vereinskultur, eine Philosophie. Danach werden auch die Spieler und Trainer verpflichtet.“ Ihm gefällt es zudem, dass der Verein mit Uwe Neuhaus (2007-2014) und jetzt Urs Fischer (seit 2018, Vertrag bis 2024) auch auf der Trainerposition gerne auf Kontinuität gesetzt wird.
Lobende Worte für Dirk Zingler
Über seinen Nachfolger, Kultpräsident Dirk Zingler, verliert er nur lobende Worte. Zingler war zu Schlebrowskis Zeiten Mitglied im von ihm initiierten Wirtschaftsrat. Danach durchlebte der Klub viele Talsohlen, ehe im Jahr 2019 der umjubelte Aufstieg in die Fußball-Bundesliga glückte. Traut er seinem Verein auch die Deutsche Meisterschaft zu? „Nein, das eher nicht. Aber nach der Teilnahme an der Europa League ist die Champions League nicht komplett unmöglich.“ Beim Aufstieg in die Bundesliga war Schlebrowski 2019 letztmals im Stadion an der „Alten Försterei“. Als Ehrenmitglied steht ihm zu jeder Partie eine Karte zu, aber nur noch selten macht er sich auf den Weg von Ostfriesland nach Berlin.
So viel Zeit bleibt ihm ja auch nicht, schließlich steht zweimal in der Woche das Training an und am Wochenende die Spiele mit seinem VfL Ockenhausen. Dort begann er 2002 als Spieler in der Alten Herren-Mannschaft, hatte von 2008 bis 2014 den Vorsitz, trainierte ab 2016 die 2. Mannschaft und wurde 2019 gefragt, ob er das Training der 1. Herren übernehmen könnte. Schlebrowski konnte wieder nicht nein sagen. Und er hat es nicht bereut. Am 13. November geht es weiter mit dem Heimspiel gegen den SV Werdum. Dann hofft der Ex-Präsident von Union Berlin auf die nächsten Punkte in der ostfriesischen B-Klasse.