Zukunftsstudie  Emden sollte von Leer lernen, findet ein Innovationsforscher

Joachim Braun
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Von Joachim Braun
| 06.11.2022 17:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Der Emder Hafen – zur reinen Verladestation für VW geworden und mit schlechten Perspektiven? Foto: Ortgies/Archiv
Der Emder Hafen – zur reinen Verladestation für VW geworden und mit schlechten Perspektiven? Foto: Ortgies/Archiv
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Im „Zukunftsatlas“ des Unternehmens Prognos hat sich der Landkreis Leer enorm verbessert – und die Stadt Emden ist abgeschmiert. Woran liegt das?

Ostfriesland- In Ostfriesland gibt es – wirtschaftlich gesehen – immer noch grundlegende Defizite. Gerade auch im Vergleich zu anderen Regionen. Die Redaktion hat darüber mit dem Innovationsforscher Uwe Gundrum aus Norden gesprochen.

Der Landkreis Leer hat sich gegenüber der Prognos-Studie 2019 um 50 Plätze verbessert, die Stadt Emden um mehr als 50 Plätze verschlechtert. Was bedeutet das konkret für Ostfriesland?

Uwe Gundrum: Ostfriesland hat ein grundsätzliches Problem in der Wirtschaftsstruktur. Wir haben eine Stärke im Tourismus und in der Landwirtschaft. Emden ist außerdem ein bedeutender Industrie-Standort mit dem VW-Werk und dem Hafen. Dann gibt es noch Enercon in Aurich, als wirklich bedeutender Windkraft-Hersteller. Aber sonst hat die ganze Region ein Problem in der Wirtschaftsstruktur, weil weitere wichtige Industrien und Branchen fehlen.

Es wird in der Studie deutlich, und das ist bemerkenswert: Leer hat wirklich einen Sprung nach vorne gemacht. Da wirken sich die Bemühungen um die IT-Wirtschaft aus, ich denke an den Digital-Hub. Das ist genau richtig, hier zu investieren. Im Unterschied dazu fällt Emden ab, weil die Werften geschlossen wurden und der Hafen weiter verliert und nur noch der Autoverladung von VW dient. Ich denke, dass für Emden Innovationen notwendig sind. Innovationen sind ein Stichwort für die ganze Region. Wir müssen es schaffen, neue Technologien anzuwenden. Ein Beispiel ist die E-Mobilität. Im Bereich Fähren gibt es da ja schon einige Ansätze.

Die Hochschule Emden/Leer kooperiert mit der Reederei Frisia und entwickelt eine Elektro-Fähre für Norddeich-Norderney. Auch die Hyperloop-Entwicklung an der Hochschule ist ein bemerkenswerter Ansatz. In Norden ist Ørsted im Bereich Windenergie ein hoffnungsvoller Ansatz, da ist nun sogar ein Ausbildungszentrum an der alten Berufsschule entstanden. Solche Ansätze brauchen wir mehr, das zeigt auch die Prognos-Studie.

Ich verstehe es trotzdem nicht. Der Digital-Hub in Leer ist ein Plan, Industrie gibt es im Landkreis Leer kaum, und das Emder VW-Werk hat mit einer Milliarden-Investition auf Elektroautos umgerüstet. Warum also schneidet gerade Emden so viel schlechter ab als Leer?

Gundrum: Ich glaube, wenn man sich in Emden nur auf VW verlässt, dann ist das zu wenig. Emden muss schon versuchen, im Bereich Logistik, im Bereich Offshore und in anderen Bereichen mehr zu tun.

Sie haben in Ihrer Auflistung das Thema Wasserstoff gar nicht erwähnt. Dabei ist dies ja das Hoffnungsthema für die Region, und die EWE will ja mehrere hundert Millionen Euro für die Herstellung grünen Wasserstoffs investieren. Es gibt auch die Initiative H2O. Kann das die Wende sein, auch wenn es für den Arbeitsmarkt nicht das große Thema ist?

Gundrum: Ja, das denke ich. Die Landkreise sind ja auch beteiligt. Ich finde das technologisch sehr spannend, denn die Wasserstoffnutzung schafft ja neue Bereiche, nicht nur in der Industrie, sondern auch bei Schiffen, Bussen, Zügen und Lkw. Aber da stehen wir ja noch ganz am Anfang. Das braucht Zeit, und es wird mittelfristig erst Effekte geben.

Sie verwenden immer wieder den Begriff Innovation. Das ist auch ein Schlüsselbegriff in der Prognos-Studie. Wie definieren Sie denn eigentlich Innovation?

Gundrum: Es geht darum, Forschung und Entwicklung mit der Wirtschaft, also der industriellen Anwendung, zu verbinden. In großen Unternehmen ist Forschung und Entwicklung Teil des Unternehmens, aber in der mittelständischen Wirtschaft – das war auch mein Forschungsthema bei der Fraunhofer-Gesellschaft – haben sie kaum eigene Entwicklungsabteilungen. Die sind auf eine Zusammenarbeit mit Hochschulen und Universitäten angewiesen. Aus solchen Kooperationen entstehen neue Produkte und Verfahren. Das ist Innovation. Es geht nicht nur um Produkte zum Anfassen. Dienstleistungen und verbesserte Prozesse können auch Innovationen sein.

Ist die Hochschule Emden/Leer dafür gut genug aufgestellt?

Gundrum: Gute Frage. Ich beobachte das jetzt seit drei Jahren, seit ich wieder zurück bin in Ostfriesland. Ich glaube, der Bereich Verkehrstechnologie ist spannend, die Elektroantriebe auch. Aber ich glaube, dass die Hochschule wegen ihrer begrenzten Kapazität mit anderen Hochschulen zusammenarbeiten sollte ...

... was ja schon passiert, beim Hyperloop zum Beispiel. Alles, was Sie schildern, hat nicht unbedingt etwas mit strategischer Entwicklung durch die Kommunalpolitik zu tun. Sondern viel mit Zufällen: Welche Studiengänge in Emden/Leer angeboten werden, wurde halt irgendwann mal bestimmt. Welche Einflussmöglichkeiten hat die lokale Politik tatsächlich, um Innovation zu stärken?

Gundrum: Die Wirtschaftsförderung, die auch eine kommunale Aufgabe ist, sollte gezielt Branchen fördern, die eine Zukunftsperspektive haben. Beispiele habe ich genannt. Da kann man sicher mehr machen. Gerade in Emden. In Norden beispielsweise geht es gerade auch um die Erweiterung der Gewerbeflächen und die Frage, wie gezielt Zukunftsbranchen angeworben werden können.

Mein Eindruck ist allerdings der, dass in Ostfriesland in erster Linie geschaut wird, Unternehmen anzuwerben, unabhängig von Branchen. Quantitatives Wachstum, aber kein qualitatives, strategisches Wachstum.

Gundrum: Ja, da gibt es aber Unterschiede. Ich habe lange in Konstanz mitgearbeitet. Dort werden gezielt neue Aspekte gesetzt. Deshalb widerspreche ich Ihrer Einschätzung ...

... aber Konstanz ist nicht Ostfriesland und hat natürlich auch aufgrund der Größe und der Lage am Bodensee ein anderes Potenzial.

Gundrum: Ich weiß, aber Emden hat um die 50.000 Einwohner, Aurich gut 40.000, Leer ein paar weniger. Wenn man sich da stärker abspricht, im Sinne einer regionalen Arbeitsteilung, eröffnet das neue Möglichkeiten. Es sollte ja nicht so sein, dass man miteinander konkurriert um bestimmte Branchen.

Sie wissen aber, dass es oft so ist.

Gundrum: Das kann ich so nicht sagen, ich will ja über die Chancen reden. Und da braucht es eine abgestimmte Wirtschaftsförderung für die Region. Da gibt es ja auch politische Ansätze aus der Landes- und Bundespolitik. Ich bin mir sicher, dass das möglich ist.

Tatsächlich gab es solche Ansätze, wie vor Jahren den Regionalrat. Der ist aber, nicht zuletzt aufgrund örtlicher Egoismen, nie richtig ins Laufen gekommen. Deshalb: Hat Ostfriesland nicht grundsätzliche Nachteile aufgrund seiner Randlage?

Gundrum: Das mag durchaus ein Problem sein, aber die Lage an der Küste hat auch große Vorzüge. Die hohe Lebensqualität zum Beispiel, gesunde Luft, die Inseln vor der Tür. Ein tolles Freizeitangebot. Damit können Fachkräfte angezogen werden. Schwierig ist andererseits die Höhe der Gehälter. Die sind oft nicht konkurrenzfähig mit den Ballungsräumen. Deshalb müssen wir die Vorteile der Region gezielt herausstellen. Wir brauchen auch ein gutes Bildungs- und Betreuungsangebot, gerade für die Familien der Fachkräfte. Das müssen die Kommunen sicherstellen.

Das klingt mir zu optimistisch. Ich erlebe das selber immer wieder: Jeder weiß zwar, dass es Ostfriesland gibt, aber viele Leute aus anderen Regionen verorten es zwischen Hamburg und Bremen oder in der Nähe von Sylt. Das mag jetzt für Sie als Ostfriesen ein bisschen übertrieben klingen. Aber das beste Angebot nützt nichts, wenn es keiner kennt. Wie sehen Sie denn die Chancen in Richtung Westen, also für eine stärkere Zusammenarbeit mit den niederländischen Nachbarn?

Gundrum: Ich habe gerade gelesen, dass eine Delegation der Emder IHK in Eemshaven war und die industrielle Entwicklung als vorbildlich anerkannt hat. Ich glaube schon, dass sich technologische Innovationen im Hafenbereich lohnen. Als jemand der aus der Forschung kommt, appelliere ich aber auch für eine stärkere Forschungszusammenarbeit, etwa mit der Rijksuniversiteit Groningen.

Sie glauben also nicht, dass unsere Nachbarn die stinkenden Fabriken deshalb in Eemshaven/Delfzijl platzieren, weil die Abgase nach Westen wehen?

Gundrum: Nein, ich gehe davon aus, dass die Holländer die Chancen nutzen, die der Hafenstandort mit sich bringt. Und das ist legitim, finde ich. Das muss natürlich auf eine Weise passieren, die möglichst emissionsarm und umweltfreundlich ist. Aber man kann auf diese Ansätze aus Umweltgründen nicht verzichten. Da braucht es intelligente Ansätze, um Umweltaspekte miteinzubeziehen.

Bleiben wir in Ostfriesland. Es gibt ja eine alte Weisheit, dass Industrie immer der Energie folgt, siehe einstmals das Ruhrgebiet. Sehen Sie für Ostfriesland eine Chance, neue Industrien anzusiedeln, wenn das Thema Wasserstoff so richtig ins Laufen gekommen ist?

Gundrum: Das könnte ich mir durchaus vorstellen. Die chemische Industrie ist sehr energieintensiv, die Stahlindustrie auch. Ich denke schon, dass das eine Möglichkeit wäre, industrielle Nutzer anzulocken. Aber das setzt natürlich auch entsprechende Größenordnungen beim Energie-Angebot voraus. Ich weiß jetzt nicht, wie groß das EWE-Projekt werden wird. Ich bin mir aber sicher, dass es sich erst mittel- und langfristig auswirken wird.

Welche Rollen spielt denn bei solchen Initiativen die Landes- und die Bundespolitik? Sie haben ja gute Kontakte zu den örtlichen SPD-Abgeordneten?

Gundrum: Ja, ich habe darüber mit Herrn Saathoff geredet und angeregt, dass wir in Ostfriesland einen Zukunftskongress organisieren sollten, bei dem Wirtschaft, Forschung und Politik ihre Vorstellungen austauschen. Diese drei Systeme müssen, das will ich betonen, unbedingt zusammenarbeiten ...

... was ja bisher kaum passiert ...

Gundrum: ... eben. Da passiert wirklich zu wenig. Deshalb ja auch die Idee eines Zukunftskongresses, bei dem nicht nur die Situation analysiert wird, sondern ganz konkret Lösungsansätze, konkrete Projekte erarbeitet werden.

Das klingt alles wunderbar. Aber wie wollen Sie Innovation fördern, wenn es zehn Jahre dauert, hoffentlich, eine wichtige Eisenbahnbrücke zu ersetzen?

Gundrum: (lacht) Ja, solche Beispiele gibt es aber auch in Süddeutschland. Die zweite Rheinbrücke bei Konstanz hat Jahrzehnte gedauert. Das ist kein Merkmal von Ostfriesland. Aber die Ausgangsbedingungen sind hier tatsächlich schwieriger, weil starke industriellen Akteure fehlen, die Impulse setzen und aufgreifen können. Und es fehlt vonseiten der Forschung eine Hochschule, die sich ganz spezialisiert mit neuen Technologien auseinandersetzt. Aber es gibt Ansatzpunkte, wir haben darüber geredet, und die muss man stärken. Kommunen müssten gezielt unterstützt werden, vom Land, vom Bund, auch von der EU. Es geht um die Synergien.

Sie sind also, trotz des schlechten Abschneidens der Region beim Prognos-Zukunftsatlas zuversichtlich für Ostfriesland.

Gundrum: Durchaus, ich habe die berechtigte Hoffnung, dass wir gemeinsam etwas bewegen können.

Uwe Gundrum (72) ist in Norden aufgewachsen und studierte in Konstanz Verwaltungs-Wissenschaften. Seit drei Jahren lebt er wieder in Norden und engagiert sich unter anderem in der SPD. Bis 2010 arbeitete er als Technologiebeauftragter des Landes Bremen sieben Jahre lang an einer Innovationsstrategie für das Bundesland.

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