Blackout in Deutschland  Wer melkt die Kühe, wenn der Strom ausfällt?

| | 07.11.2022 08:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Mit der Hand melken muss Anita Christoffers auf dem Hof der Familie Haßbargen auch bei einem Stromausfall nur für ein Pressefoto. Foto: Ortgies
Mit der Hand melken muss Anita Christoffers auf dem Hof der Familie Haßbargen auch bei einem Stromausfall nur für ein Pressefoto. Foto: Ortgies
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In der Energiekrise wächst bei den Landwirten die Angst vor einem Stromausfall. Nicht alle Betriebe in Ostfriesland sind darauf vorbereitet – und Generatoren sind nicht zu bekommen.

Landkreis Aurich - Tag zwei des Stromausfalls: In den Ställen, die jetzt nicht mehr mit Energie versorgt werden, brüllen die Kühe vor Schmerzen. Sie sind zum Milchproduzieren gezüchtet, geben bis zu 40 Liter am Tag. Die Tiere von Hand zu melken schaffen die Landwirte nur bei ein paar von ihnen. Die anderen leiden an übervollen Drüsen. Selbst, wenn in den kommenden Stunden ein Notstromgenerator verfügbar wäre, käme für viele die Hilfe zu spät. Um die Tiere von ihrem Leid zu erlösen, wäre ebenfalls Strom notwendig. Millionen Kühe werden an den geschwollenen Eutern qualvoll sterben. So beschreibt der österreichische Bestseller-Autor Marc Elsberg in seinem Roman „Blackout“, was den Landwirten und ihren Tieren blüht, wenn der Strom mehrere Tage lang flächendeckend ausfällt. Dann muss das Stromnetz wieder aufwendig hochgefahren werden. In einem solchen Fall spricht man von einem Blackout.

Was und warum

Darum geht es: Die Landwirte Ostfrieslands sind wegen der Energiekrise in Sorge. Denn ohne Strom droht großes Tierleid, aber Generatoren sind momentan nicht verfügbar.

Vor allem interessant für: Landwirte und alle, die sich für die Landwirtschaft und ihre Nahrungsmittel interessieren

Deshalb berichten wir: Die Bundesregierung warnt, ein Blackout sei nicht auszuschließen. Ein Händler aus der Region machte uns daraufhin das Nachschubproblem bei Notstromgeneratoren aufmerksam.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Es muss nicht gleich ein viele Tage dauernder Stromausfall drohen, um die Landwirte nervös zu machen. „Schon allein bei der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit machen sich die Kühe bemerkbar“, nennt Carl Noosten aus Norden ein Beispiel dafür, wie empfindlich die Tiere reagieren, wenn beim täglichen Melken nicht alles nach Plan läuft. Da will sich der Vizepräsident des ostfriesischen Landvolks gar nicht vorstellen, was los ist, wenn der Strom für mehrere Stunden ausfällt – und in der ganzen Zeit die Melkmaschine nicht betrieben werden kann. Auf dem Hof der Familie Haßbargen in Kirchdorf hat man bereits Erfahrungen damit gesammelt, was ein Stromausfall für einen Milchviehbetrieb bedeutet. Nach einem Leitungsschaden war das Melken tagelang zu einer Glückssache geworden. Der geliehene Notstromgenerator ging ordentlich ins Geld. Inzwischen ist der Betrieb einer der wenigen in Ostfriesland, die dank eigenem Generator auch ohne Strom einsatzfähig sind.

Ohne Strom wird es gefährlich

Nicht nur die Melkmaschinen seien ein Problem, auch beispielsweise die Lüftungsanlagen in der Schweinehaltung, Heizungen und künstliches Licht für die Hühnerzucht, die automatisierte Fütterung, sagt Noosten. Alles ist samt der empfindlichen Steuerungselektronik auf eine zuverlässige Stromversorgung angewiesen. Laufen die Systeme nicht mehr, droht auch hier millionenfacher Tod durch Erfrieren oder Ersticken. Für die ersten Minuten übernimmt eine unterbrechungsfreie Stromversorgung das Herunterfahren der Systeme. Dann muss ein Notstromgenerator den Betrieb übernehmen, notfalls tagelang.

Da meistens ein Traktor auf dem Hof vorhanden ist, wird in der Landwirtschaft ein Zapfwellengenerator als Notstromaggregat empfohlen. Den muss Heye Haßbargen nur noch mit dem Netz des Betriebs verbinden. Foto: Ortgies
Da meistens ein Traktor auf dem Hof vorhanden ist, wird in der Landwirtschaft ein Zapfwellengenerator als Notstromaggregat empfohlen. Den muss Heye Haßbargen nur noch mit dem Netz des Betriebs verbinden. Foto: Ortgies

Nicht alle Landwirte Ostfrieslands sind laut Noosten auf einen solchen Fall vorbereitet. Deshalb plant das Landvolk in der Wintersaison eine Veranstaltungsreihe zu diesem Thema. Denn ein Blackout wird in der aktuellen Energiekrise immer wieder diskutiert. Diesen Herbst hieß es seitens der Bundesregierung, ein Blackout sei zwar nicht wahrscheinlich, könne aktuell aber nicht vollständig ausgeschlossen werden. Die ersten Landwirte haben auf diese Ansage bereits reagiert und zugegriffen: „Wir hatten das Glück, 13 Zapfwellengeneratoren zu bekommen“, sagt Jürgen Böckmann vom Landmaschinenhandel Bruns in Cloppenburg, der auch in Aurich vertreten ist. „Die waren nur zwei Stunden nach dem Erscheinen der Anzeige ausverkauft. Diese Menge verkaufen wir sonst in einem Jahr.“

Aggregate gibt es frühestens für den nächsten Winter

Das zeige ihm, wie bewusst den Landwirten die Gefahr inzwischen geworden ist. Zapfwellengeneratoren werden über die Motoren der Traktoren betrieben. Fällt der Strom aus, wird der Betrieb vom Netz getrennt, das Aggregat mit dem Traktor gekoppelt und über eine Einspeisesteckdose an das Betriebsnetz angeschlossen. „Die Landwirte haben meistens 1000 bis 3000 Liter Diesel vorrätig, damit kommen sie eine Zeit lang hin“, sagt Böckmann. Das Problem: Wer sich jetzt zum Winter noch nicht mit einem Notstromgenerator eingedeckt hat, wird keinen mehr bekommen. Selbst wenn der Landmaschinenhandel wollte, mehr als diese 13 Aggregate wird es erst einmal nicht geben. „Sie sind nirgends verfügbar“, so Böckmann. Vor allem in kleinen Chargen werden sie nicht mehr ausgeliefert. Nur die großen Anbieter hätten überhaupt noch Zugriff auf Nachschub.

Zu denen gehört der Online-Händler Ademax aus Spelle in der Nähe von Lingen. Laut Geschäftsführer Andreas Joachim werden dort momentan allein 3000 Notstromgeneratoren pro Monat verkauft. Die Nachfrage sei enorm gestiegen. „Nur etwa fünf Prozent davon gehen an Abnehmer aus der Landwirtschaft“, schätzt Joachim. „50 Prozent verkaufen wir an Unternehmen und Kommunen für die Krisenvorsorge. Etwa 45 Prozent werden von Privatkunden gekauft.“ Die teureren Notstromgeneratoren mit Motor seien momentan noch mit einer Lieferzeit von bis zu drei Monaten verfügbar. „Die günstigeren Zapfwellengeneratoren ohne Motor für die Landwirtschaft haben dagegen eine Lieferzeit von 32 Wochen. Wer sich auf den Winter 2023/24 vorbereiten will, muss also jetzt bestellen.“

Ein Blackout ist nicht auszuschließen – auch ohne Krieg

Ademax habe momentan aufgrund seiner Marktposition nicht mit einem Lieferstopp zu kämpfen, nur mit dem momentan üblichen Rohstoffmangel. „Wir schaffen es durch unsere Hersteller, trotz des Engpasses durch den großen Bedarf an Aggregaten in der Ukraine, ein Kontingent für den deutschen Markt bereitzustellen“, so Joachim. Im Kriegsgebiet erleben die ukrainischen Landwirte schon jetzt, wovor sich die hiesigen Landwirte fürchten: Die russischen Bombenangriffe auf Kraftwerke und das Stromnetz bedrohen auch die dortige Landwirtschaft. Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sind etwa 40 Prozent des Stromnetzes schwer beschädigt und etwa eine Million Menschen ohne Strom.

Bei der Niedersächsischen Landwirtschaftskammer laufen derweil die Drähte heiß. „Wichtigstes Thema ist bei den Landwirten die Energie in allen Facetten“, sagt Alfons Fübbeker, Berater für Landtechnik und Bauen. Es gehe vor allem darum, energieautark zu werden. Also möglichst viel eigenen Strom herzustellen und Energie zu sparen, so der Diplom-Agraringenieur. Notstromgeneratoren laufen eher nebenher. „Die sind schon lange ein Thema“, sagt Fübbeker: „Spätestens seit 2005 im Münsterland mehrere Tage lang der Strom ausgefallen ist, wissen die Landwirte, was ihnen blühen kann.“

Im schneereichen Winter 2005 ließen nasser Schnee und eiskalter Sturm die Hochspannungsleitungen vereisen und zusammenbrechen. 250.000 Menschen waren für mehrere Tage ohne Strom. Das Thema ist also nicht neu. Aber die Deutschen sind verwöhnt. Die Zeit, die sie im Schnitt stromlos verbringen mussten, lag laut Bundesregierung 2020 bei nicht einmal elf Minuten. Diese Zahl ist seit Jahren rückläufig und hat sich im Vergleich zu 2006 etwa halbiert. Dennoch warnen Experten, dass die Gefahr eines Blackouts nicht ausgeschlossen werden dürfe.

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