Emden schneidet schlecht ab Kruithoffs Zweifel an der Prognos-Studie „Zukunftsatlas“
Im „Zukunftsatlas 2022“ wurden 400 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland miteinander verglichen. Emden ist abgerutscht auf Platz 349. Was sagt Oberbürgermeister Tim Kruithoff eigentlich dazu?
Emden - Im Abstand von drei Jahren veröffentlicht das Unternehmen Prognos eine Studie. Es ist eine Erhebung zu allen Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland. Um Aussagen zu deren Zukunftspotenzial machen zu können, werden für alle Kommunen 29 makro- und sozioökonomische Indikatoren miteinander verglichen. Im Mittelpunkt stehen die Themen „Demografie“, „Arbeitsmarkt“, „Wettbewerb und Innovation“ sowie „Wohlstand und Soziales“. Wir haben mit Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) über das schlechte Abschneiden der Stadt Emden im „Zukunftsatlas 2022“ gesprochen.
Rang 349 von 400: Emden ist um 74 Plätze abgerutscht und reiht sich im aktuellen bundesweiten Vergleich ein zwischen ostdeutschen Landkreisen und Städten im Ruhrgebiet. Was läuft schief in der wichtigsten Industriestadt Ostfrieslands?
Tim Kruithoff: Wir haben bereits in der Vergangenheit umfangreich Stellung zur Qualität dieser Studie genommen. Man sollte grundsätzlich wissen, dass die Firma Prognos nicht nur diese Studien veröffentlicht, sondern eben auch ein Unternehmen ist, das Kommunen berät. Das heißt: Im Nachgang zu solchen Untersuchungen bekommen sie dann ein Beratungsangebot mit der Möglichkeit, sich beim Wandel von Prognos unterstützen zu lassen.
Wollen Sie damit sagen, dass mit der Studie absichtlich ein schiefes Bild erzeugt wird, um danach besser die Beratung verkaufen zu können?
Kruithoff: Nein, das nicht. Ich sage nur, dass es erstmal ein Geschäftsmodell ist. Es wäre das Gleiche, wenn ich die Qualität von Tageszeitungen analysieren und Ihnen hinterher anbieten würde, dass ich Sie übrigens auch beraten kann, wie ich Ihre Zeitung besser machen kann.
Entscheidend ist doch, dass Emden in der Studie schlecht abschneidet.
Kruithoff: Ja Moment! Es bleibt das große Geheimnis der Firma Prognos, welche genauen Berechnungsverfahren angewandt werden und mit welcher Gewichtung. Da lassen die sich nicht in die Karten gucken. Es ist also nicht nachvollziehbar, wie sie am Ende auf einen bestimmten Rang kommen. Die Daten werden auch nicht bei den Kommunen abgefragt.
Man denkt sich diese Daten aber auch nicht aus...
Kruithoff: Nein, sie werden aus öffentlich zugänglichen Quellen und Dateien entnommen. Das Problem ist, dass sie dadurch keine aktuellen statistischen Werte bekommen.
Was kritisieren Sie also genau? Dass die falschen Daten erhoben werden und diese dann auch noch veraltet sind?
Kruithoff: Ich sage völlig neutral, dass Prognos keine Daten bei uns abgefragt hat und dass die Daten, mit denen dann gearbeitet wird, keinerlei Qualitätskontrolle unterliegen. Nehmen Sie alleine die kommunale Schuldenlast. Wir haben hier bei uns die Konzernfinanzierung...
...was bedeutet, dass die Stadt für ihre Tochterunternehmen wie die Wirtschaftsbetriebe oder das Gebäudemanagement Kredite aufnimmt, weil sie bei den Banken die besseren Zinskonditionen bekommt...
Kruithoff: Richtig. Natürlich haben wir deswegen auf den ersten Blick eine deutlich höhere Schuldenlast pro Kopf als andere Städte. Entscheidend ist aus unserer Sicht, dass der Wert, der öffentlich zugänglich ist, die Stadt Emden als Ganzes nicht korrekt darstellt. Damit wird die Platzierung im Zukunftsatlas automatisch schlechter als bei einer Stadt ohne Konzernfinanzierung. Und das ist nur ein Beispiel.
Die finanzielle Situation ist nicht das einzige Kriterium in der Studie. Emden schneidet auch in sozialen Belangen schlecht ab.
Kruithoff: Auch das haben wir schon erklärt. Wenn Sie als Familie in eine wirtschaftlich schwierige Situation kommen, wohin ziehen Sie denn dann? In die nächstgrößere Stadt! Es ist doch vollkommen klar, dass wir in Emden eine ganz andere soziale Verantwortung zu schultern haben, als die umgebenden dörflichen Strukturen oder auch andere kleinere Städte, die weniger Geschosswohnungsbau haben. Wenn in unserer Stadt 10.000 von 50.000 Menschen auf Unterstützung angewiesen sind, nimmt das in der Studie scheinbar wesentlichen Einfluss auf die Indikatoren der Zukunft. So deute ich es wenigstens.
Sie sind 2019 vor allem auch für das Versprechen, Emden besser machen zu wollen, zum neuen Oberbürgermeister gewählt worden. Wie fällt nach drei Jahren im Amt Ihre persönliche Zwischenbilanz aus? Welche Meilensteine haben Sie gesetzt?
Kruithoff: Zunächst haben wir an den Strukturen gearbeitet. Wichtig ist beispielsweise, dass wir als Erstes das Stadtmarketing und die Wirtschaftsförderung neu organisiert haben. Dadurch ist es uns gelungen, Zukunftsthemen wie „Wasserstoff“ zu besetzen und uns im Bereich Ansiedlung professioneller aufzustellen. Das Zusammenspiel zwischen Stadtentwicklung, Wirtschaftsförderung und Verwaltung klappt besser. Das wird uns auch von außen zurückgespiegelt und die ersten Erfolge werden sichtbar. Nehmen Sie die Ansiedlung von EWE, die wir nach Emden geholt haben.
Würde der Elektrolyseur nicht ohnehin hier entstehen, schlicht und einfach, weil es durch die Lage der ideale Standort ist?
Kruithoff: Nein! Emden war anfangs nicht die erste Wahl?
Sondern?
Kruithoff: Ein anderer Standort.
Eine andere Baustelle ist die Innenstadt. Auch da haben Sie viel vor. Wie zufrieden sind Sie mit dem bisher Erreichten?
Kruithoff: Ich bin zufrieden mit dem, was wir unter den schwierigen Rahmenbedingungen entwickelt haben. Ab Februar 2020 hatten wir eine Pandemie, die gerade nochmal auf die Herausforderungen der Innenstadt wie ein Brennglas gewirkt hat, und jetzt haben wir eine Kriegssituation in Europa. Trotzdem ist es uns gelungen, sowohl in der Verwaltung andere Strukturen aufzubauen als auch wesentliche Themen anzugehen. Wir haben das Stadtmarketing breiter aufgestellt, wir haben den autofreien Marktplatz, das Baugebiet Conrebbersweg-West und die Umgestaltung „Zwischen beiden Sielen“. Und gucken Sie sich die Neutorstraße an. Das sind Prozesse, die einen langen Vorlauf haben. Sie können als Kommune aber immer nur die Rahmenbedingungen geben. Sie müssen erstmal ganz viel Saat in die Erde geben, bevor sie aufgeht.
Sehen wir im nächsten Zukunftsatlas folglich, dass sich Emdens Platzierung deutlich verbessert hat?
Kruithoff: Nein. Die Kriterien bleiben doch die gleichen. Das würde bedeuten, dass ich beispielsweise Bedarfsgemeinschaften aus der Stadt drängen müsste, damit sie das Studienergebnis nicht belasten. Das kann nicht das Ziel sein.
Wenn Emden sich nicht verbessern kann, warum ist man dann um 74 Plätze abgerutscht?
Kruithoff: Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil Prognos seine Berechnungen nicht offenlegt. Es bleibt dabei: Ich glaube einfach nicht, dass diese Studie geeignet ist, die tatsächliche Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit einer Stadt abzubilden.
Wie wollen Sie Emden am Zukunftsatlas vorbei in eine bessere Zukunft führen. Worauf kommt es am meisten an?
Kruithoff: Für mich ist das Wichtigste, mehr Einkünfte zu erzielen und uns unabhängiger zu machen. Nur mit Einnahmen können wir gestalten und halten die Stadt als Ganzes handlungsfähig. Wir müssen die Chancen, die sich gerade mit Blick auf die Cluster Wasserstoff-Technologie und Batteriezellenfertigung bieten, nutzen. Wir brauchen diese Gewerbesteuereinnahmen, um uns zukunftsfest zu machen, damit Menschen in Emden gut und gerne leben.
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