Berlin  Mystery: „1899“-Macher erklären das Geheimnis ihrer Geheimnisse

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 15.11.2022 15:46 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
„1899“ am 17. November neu auf Netflix: Andreas Pietschmann als Kapitän Eyk Larsen. Foto: Netflix
„1899“ am 17. November neu auf Netflix: Andreas Pietschmann als Kapitän Eyk Larsen. Foto: Netflix
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Mehr Rätsel und Hinweise: Mit der Netflix-Serie „1899“ kurbeln Jantje Friese und Baran bo Odar ihre Mystery-Maschine wieder an. Im Interview verraten die Showrunner das Geheimnis ihrer Geheimnisse.

Drei Staffeln lang knobelten Fans an den Rätseln der Zeitreise-Serie „Dark“ (2017-2020) herum. Und das auf der ganzen Welt: Die erste deutsche Netflix-Serie war so populär, dass US-Medien ihren Lesern sogar erklären mussten, wie man beim Streamingdienst die Untertitel aktiviert.

Netflix-Serie „1899“: Was ist dran am Plagiatsvorwurf?

Ausgedacht hatten sich die Geschichte Jantje Friese und Baran bo Odar. Am Donnerstag startet jetzt ihr nächstes Netflix-Projekt: Die Serie „1899“ spielt auf einem Auswandererschiff, der Kerberos, das auf sein verschollenes Schwesternschiff Prometheus trifft. Von den anderthalb Tausend Menschen an Bord des Havaristen fehlt jede Spur. Nur ein Kind taucht auf – und spricht kein Wort. Auch an Bord der Kerberos ist jeder etwas anderes, als er zu sein scheint.

Das Setting ist neu, die Geheimnisse bleiben: Friese und Odar – als Showrunner sind sie Produzenten und Chef-Autoren zugleich – spielen weiter mit den Tricks und Täuschungsmanövern des Mystery-Genres. Aber wie inszeniert man eigentlich ein gutes Rätsel? Müssen am Ende alle Fragen beantwortet sein? Wir haben die beiden gefragt.

„Mystery ist wie ein Zaubertrick. Den kann man nicht ewig machen“, sagt Baran bo Odar. Und zu den ungeschriebenen Regeln des Genres gehört für ihn: „Mystery muss auflösen.“ Genau wie ein Whodunnit-Krimi, bei dem sich alles um die Suche nach dem Mörder dreht, müsse auch eine Serie wie „1899“ die zentralen Fragen beantworten. Dahinter steckt auch ein handwerklicher Grund: „Wenn man das Ende nicht kennt, kann man keinen Anfang schreiben“, sagt Friese. „Man nimmt aus der Auflösung ganz viel als Triebfeder mit.“ Jede einzelne Frage muss ein Format für ihren Geschmack aber nicht aufklären: „Es darf ein Augenzwinkerer bleiben.“

Für Friese und Odar – beide sind auch privat ein Paar – steht außerdem fest: Mit der Auflösung darf es nicht zu lange dauern. Sich selbst setzen sie die Obergrenze von exakt drei Staffeln. Odar erklärt das anhand der stilbildenden Mystery-Serie „Lost“ (2004-2010): „Wir haben ‚Lost‘ sehr gemocht und verehren, was der Showrunner Damon Lindelof macht. Wir finden aber auch: Es war zu lang“, sagt Odar. „Wenn sie die Auflösung in der dritten Staffel geliefert hätten, wäre es fantastisch gewesen.“ Seine persönliche Lehre aus dem mit sechs Staffeln überdehnten Vorbild: „Wir werden von einer Serie nie mehr als drei Staffeln machen.“

Der Dreisprung entspricht auch ihrem Rhythmus: „Vom Film her denken wir sowieso in drei Akten. Der erste Akt etabliert Themen und stellt Fragen, der zweite Akt ist der Fun-and-Games-Part, der damit dann spielt. Der dritte Akt löst auf“, sagt Odar – und betont noch einmal: „Ich glaube, dass eine Mystery-Serie unbedingt eine Auflösung braucht.“ Darin sieht er auch eine wichtige Abgrenzung zum Horrorfilm, einem verwandten Genre, das trotzdem ganz anderen Regeln folgt: „Horror, der auflöst, ist immer enttäuschend“, sagt Odar und nennt Beispiele: „‘The Ring‘ ist großartig, bis man weiß: Da sitzt ein Mädchen in einem Brunnen, das echt sauer ist und alle umbringt. ‚The Shining‘ ist auch deshalb viel besser, weil ich bis zum Schluss im Ungewissen bleibe und mich das Ende richtig kirre macht.“

Im Gespräch: Jantje Friese und Baran bo Odar erzählen, wie sie zu Netflix kamen

Wie das Vorbild „Lost“ sprechen auch die Serien von Friese und Odar ein versiertes Publikum an, das die Rätsel gemeinsam mit den Helden auf dem Bildschirm lösen will – nach Möglichkeit sogar schneller. Gleichzeitig bedient eine auf den großen Markt konzipierte Produktion aber auch die vielen Zuschauer, die sich nur unterhalten lassen wollen. Wie wird man den unterschiedlichen Ansprüchen gerecht? „Wir teilen Zuschauer in drei Kategorien ein“, antwortet Friese. Während Odar für die Regie verantwortlich zeichnet, liegt ihr Schwerpunkt beim Schreiben der Geschichte. „Gerade im Mystery-Bereich gibt es Fans, die jeden Code kennen. Die haben alles gesehen, die wissen, wie man Rätsel knackt, und die kommen sehr schnell auf Lösungen. Das ist unsere Hauptzielgruppe. Die sollen eine tolle Seherfahrung haben; nach ihnen richten wir uns aus.“ Aber auch die anderen sollen auf ihre Kosten kommen. Für Menschen, die „länger als die Code-Freaks“ brauchen, streut Friese deshalb mehr Informationen ein. Und dann gibt es auch noch Zuschauer, „die gar nicht Genre-affin sind, die rätseln nicht mit und sind vielleicht vom Partner gezwungen worden, unsere Serie zu gucken“, sagt Friese. „Die brauchen die Information dann am Ende noch mal deutlich ausgesprochen.“

Wenn man bei „1899“ also wirklich mitraten kann – was wäre dann ein Hinweis, auf den man als Zuschauer achten sollte? „Alles ist ein Hinweis“, behauptet Odar und fängt gleich mit dem Titel an: „Wir mögen Symboliken. Und wir lieben Zahlen“, sagt er. „Und die Zahl 1899 ist magisch. Wenn man die 1 und die acht addiert, ist man schnell bei einer 999. Und wenn man das umdreht, ergibt sich die 666: The Number of the Beast.“ Aber auch thematisch führt das Datum ins Zentrum der Serie: „1899 symbolisiert den Schwellenüberschritt. Man ist kurz davor, in etwas Neues zu gehen“, sagt Jantje Friese. „Die alte Welt trifft auf eine neue, Aberglaube und religiöses Denken treffen auf eine wissenschaftliche Weltsicht. Die Konflikte dahinter begleiten uns bis heute.“

Eine weitere magische Zahl sind die drei Staffeln, auf die Friese und Odar ihr Projekt anlegen: „Wie gehen ‚all in‘ und sind sehr risikobereit. Wir haben Netflix gleich gesagt, dass es wieder drei Staffeln sind. Wir werden die erste Staffel nicht so enden lassen, dass sie allein existieren könnte“, sagt Baran bo Odar. Was ist, wenn der Erfolg für eine Fortsetzung nicht reicht? Könnte man die Geschichte auch als Buch zu Ende erzählen? „Eher als Comic“, sagt Friese. „Oder man lässt es“, droht Baran bo Odar. „Wir sind aber auch große Hörspiel-Fans. Und Hörspiele kann man ja billiger produzieren als Fernsehen.“

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