Krise in der Landwirtschaft Politik führt die Schweinehalter zur Schlachtbank
Was wäre Niedersachsen ohne seine Schweinebauern? Nach Ansicht von Andree Wolff aus Wiesmoor könnte diese Frage in ein paar Jahren zur – politisch gewollten – Realität werden.
Wiesmoor - Wer „viel Schwein“ hat, dem geht es laut Volksmund ziemlich gut oder er hat in einer bestimmten Hinsicht Glück. In der Wirklichkeit scheint sich dieses Bild gerade zu verkehren. Die real existierenden Schweine scheinen ihren Besitzern nicht nur immer weniger Glück, sondern auf die Dauer eher Unglück zu bringen. Denn die Zahl der Schweinebetriebe geht kontinuierlich zurück.
Was und warum
Darum geht es: Schweine gelten als Glückssymbol. Ihren Bauern bringen sie derzeit kein Glück. Im Gegenteil, viele Schweinezüchter geben auf.
Vor allem interessant für: alle, die gerne Schweinefleisch essen
Deshalb berichten wir: Im Zusammenhang mit einem anderen Artikel machte uns Andree Wolff auf die immer schwierigeren Rahmenbedingungen für die Schweinezucht aufmerksam. Den Autor erreichen Sie unter: j.schoenig@zgo.de
Andree Wolff (28) ist noch da. Sein Betrieb am Rebhuhnweg existiert seit 1965. Aufgebaut wurde der Familienbetrieb noch von seinem Urgroßvater Arend Meyer. „Zu Spitzenzeiten in den 1990er Jahren haben drei Generationen hier auf dem Hof gelebt, zwei davon wirtschaftend“, erzählt Wolff. „Damals konnte man von 80 Sauen gut leben und auch mal in den Urlaub fahren. Und wenn was auf dem Hof gemacht oder neu angeschafft werden musste, dann war das Geld dafür da. Das kann man sich aus heutiger Sicht gar nicht mehr vorstellen.“
Das Gefühl, nicht erwünscht zu sein
Andree Wolff übernahm den Betrieb 2015. In seinen Ställen stehen heute 300 Sauen im geschlossenen System. Das heißt: Alle Tiere, die hier geboren werden, werden auch hier aufgezogen. „Wir züchten alte Rassen wie das Edelschwein“, erklärt Wolff. „Die Jungsauen werden an Betriebe von der Nordseeküste bis ins Münsterland verkauft, dort werden andere Rassen wie Pietrain oder Duroc eingekreuzt.“ Männliche Ferkel werden kastriert und bis zur Schlachtreife gemästet.
Doch auch Wolff stellt sich die Frage: wie lange noch? „Es wird uns Schweinezüchtern inzwischen das Gefühl vermittelt, dass wir in Deutschland nicht mehr erwünscht sind“, sagt er. Verantwortlich dafür macht er die Gesetzgebung, Bürokratie und immer neue Auflagen, die zum Teil widersinnig und nicht erfüllbar sind.
Forderungen, die nicht umsetzbar sind
Ein Beispiel: Die Schweine auf Wolffs Hof werden in der Haltungsform 2 nach Maßgabe der Initiative Tierwohl aufgezogen. Das heißt, Stallhaltung mit zehn Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben. „Die Politik fordert, dass wir auf Haltungsform 3 umsteigen, das wäre Stallhaltung mit Außenklimareizen, mindestens mit offener Front. Das ist aber baurechtlich nicht möglich, weil die Immissionen dann schwerer bewertet werden als durch die Abluftanlage im geschlossenen Stall“, so Wolff.
Ein anderes Beispiel schildert ein Landwirt aus dem Landkreis Friesland, der nicht genannt werden möchte. Er hatte in seinem Betrieb unter anderem Panade aus der Produktion von Tiefkühlkost verfüttert. „Das ist verboten worden, weil die Panade zu viel Mikroplastik enthält“, erklärt er. „Wohl gemerkt: Die gleiche Panade, die für den Lebensmittelhandel freigegeben ist.“ Er selbst hat die Schweinezucht inzwischen aufgegeben.
Politik hat bei der Schweinepest versagt
Zu absurden Vorschriften kommen für Wolff politische Fehlentscheidungen. Ganz vorn steht dort aktuell der Umgang mit der Afrikanischen Schweinepest. „Im Emsland hat es ein infiziertes Tier gegeben und dank des konsequenten Seuchenmanagements vor Ort keine weitere Erkrankung“, erklärt Wolff. „Weil es aber in Ostdeutschland noch Fälle mit Wildschweinen gibt, ist ganz Deutschland offiziell noch Schweinepestgebiet.“ Die Folge ist, dass das „fünfte Viertel“ – Teile wie Schnauze, Schwanz und Ohren, für die es in Deutschland kaum Verwendung gibt – nicht mehr exportiert werden dürfen. „Andere Länder haben rechtzeitig einzelne Schweinepest-Regionen, sodass der Rest des Landes, wo nichts passiert ist, weiter exportieren kann“, sagt Wolff.
Ausgenutzt wurde die Situation unter anderem von Spanien. „Spanien hat dank Subventionen viel Fleisch auf den EU-Markt geworfen, auch Edelteile wie Schnitzel sind so billig nach Deutschland gekommen“, erklärt Wolff weiter. So fiel der Preis für ein Kilogramm Schweinefleisch von 2,04 Euro auf 1,20 Euro. Schwein ist die einzige Fleischsorte, deren Preis in der Krise nicht anstieg. „Natürlich nur für uns Produzenten“, betont Wolff. „Der Lebensmitteleinzelhandel hat sich eine goldene Nase daran verdient. Nicht umsonst steht Fleisch in den Supermarktprospekten immer ganz vorne.“ Mittlerweile bekommen Züchter wie Wolff wieder zwei Euro pro Kilogramm. „Aber dank der gestiegenen Kosten für Energie und Futtermittel zahlen wir auch bei dem Preis drauf“, sagt er. „Im Grunde vernichte ich gerade jeden Tag Eigenkapital.“
Immer mehr Betriebe geben auf
Die Folge: Immer mehr Betriebe geben auf. In ganz Niedersachsen hat sich die Zahl der schweinehaltenden Betriebe laut Zahlen des Landesamts für Statistik seit 2010 von fast 8787 auf nunmehr 4431 nahezu halbiert. Im Weser-Ems-Gebiet ging die Zahl der Betriebe allein in den vergangenen zwölf Monaten um über elf Prozent zurück. „Das ist kein Strukturwandel mehr, sondern ein Strukturbruch“, sagt Wolff. „Es trifft vor allem die kleinen und mittleren Familienbetriebe. Ich kann in dieser Situation auch jeden Landwirtssohn und jede Tochter verstehen, die sagen, sie machen das nicht weiter.“ Wolffs potenzieller Nachfolger heißt Jan und ist erst drei Jahre alt. „Ich würde ihm den Hof gern einmal übergeben können“, sagt er. „Ob ich das schaffe, ist unter den jetzigen Rahmenbedingungen fraglich.“
Zu den politischen Rahmenbedingungen kommt laut Wolff eine Fehleinschätzung, die politisch und gesellschaftlich noch gefährlicher werden könnte: „Ernährungssicherheit hat in Deutschland keinen Stellenwert mehr“, sagt er. „Dabei sind wir EU-Importeur. In Deutschland sind in den vergangenen Jahren so viele Flächen und Betriebe weggebrochen, dass wir nicht mehr genug Lebensmittel für die eigene Bevölkerung produzieren können. Die Politik spricht im Moment nur von Strom und Gas. Sollte Hunger wieder ein Thema werden, haben wir hier ein richtiges Problem.“
Umbruch auch an der Ladentheke
Adolf Hüls, Schweinebauer aus Aurich und Vorsitzender der Ferkelerzeugergemeinschaft Ostfriesland (FEG), kann die Probleme nachvollziehen. „Es kommen aber momentan auch eine Menge Faktoren zusammen, die über die Politik hinausgehen“, sagt er. „Die Verordnungen sind schon hoch geschraubt und wenn man wie Andree Wolff vor gerade einmal zehn Jahren viel in eine Modernisierung investiert hat, kann man jetzt nicht noch einmal eben zwei Millionen Euro in die Hand nehmen.“
Dazu kommt laut Hüls aber auch die allgemeine Marktentwicklung. So ist etwa der Verzehr von Schweinefleisch in Deutschland seit 2014 kontinuierlich zurückgegangen, von fast 39 Kilogramm pro Kopf auf 31 Kilogramm. „Der Trend zu vegetarischer und veganer Ernährung nimmt ja auch zu. Dazu kommt, dass gerade Schweinefleisch in den letzten Jahren auch insgesamt in der Gesellschaft ein negatives Image bekommen hat, schlechter als etwa Rind oder Huhn.“ Oft geht die Legende um, Schweinefleisch wäre ungesünder oder die Tiere würden schlechter gehalten als andere. „Und dann wird Rindfleisch aus Argentinien gekauft, weil die Kunden glauben, da stehen die Tiere zufrieden in der Prärie herum“, so Hüls. „In Wirklichkeit werden die Rinder dort viel industrialisierter gehalten als hier.“
Eine gewisse Mitschuld sieht Hüls aber auch bei der Branche selbst. „Dass sich die Vermarktung immer mehr zentralisiert hat und kleine Vermarkter verschwunden sind, hat uns zunächst vieles erleichtert, weil wir uns auf die Aufzucht konzentrieren konnten“, sagt er. „Es hat uns aber auch abhängiger gemacht. Alternative Vermarktungswege fehlen jetzt und nicht jeder Betrieb kann in die Selbstvermarktung einsteigen.“ Wo die Zukunft letztlich hingeht, vermag Hüls nicht vorherzusagen. „Keiner in der Branche wird sagen können, wie es in zehn Jahren aussieht“, sagt er. „Aber wenn ich sehe, wie viele Fleischersatzprodukte inzwischen auf den Markt kommen . . . Vielleicht ist das wirklich die Zukunft oder zumindest ein großer Teil davon.“