Streit um Förderschule Lernen  Emotionale Debatte um Erhalt der Pestalozzischule in Leer

Tobias Rümmele
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Von Tobias Rümmele
| 16.11.2022 18:17 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Bei einer Demonstration Anfang November setzten sich Lehrkräfte und Eltern von Kindern, die die Pestalozzischule in Leer besuchen, für deren Erhalt ein. Foto: Wolters
Bei einer Demonstration Anfang November setzten sich Lehrkräfte und Eltern von Kindern, die die Pestalozzischule in Leer besuchen, für deren Erhalt ein. Foto: Wolters
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In wenigen Jahren sollen die Förderschulen im Land schließen. Im Leeraner Kreistag wird deshalb leidenschaftlich über die Zukunft der Pestalozzischule gestritten.

Landkreis Leer - Im vergangenen Landtagswahlkampf war der Erhalt der Förderschule Lernen eines der zentralen Themen der CDU. Doch die Christdemokraten verloren die Wahl, flogen aus der Landesregierung. Stattdessen sitzen nun die Grünen am Kabinettstisch in Hannover. Die CDU fordert trotzdem weiterhin, dass die Förderschulen in Niedersachsen auch über das Jahr 2028 hinaus betrieben werden. Im Kreistag haben sie deshalb einen Antrag eingebracht. Die Forderung: Der Landkreis, der rechtlich nicht die Möglichkeit hat, die Förderschule zu erhalten, möge doch zumindest an die Regierung in Hannover appellieren, ihre Haltung in dieser Frage zu überdenken.

Was und warum

Darum geht es: Das politische Tauziehen um die Zukunft der Förderschulen.

Vor allem interessant für: Eltern, Pädagogen

Deshalb berichten wir: In einem Ausschuss des Kreistags wurde leidenschaftlich debattiert.

Den Autor erreichen Sie unter: t.ruemmele@zgo.de

Auch wenn es nur um einen Appell geht, dessen politische Wirkung völlig unklar ist, entbrannte sich in der jüngsten Sitzung des Ausschusses für allgemein- und berufsbildende Schulen eine lebhafte Debatte über Sinn und Unsinn der Förderschul-Abschaffung. Melanie Nonte (CDU) sagte, dass eine Stellungnahme des Landkreises durchaus hilfreich wäre. Nach der Landtagswahl sei es nun höchste Zeit für ein entsprechendes Votum des Kreistages.

Vorwurf der Ideologie

Nontes Parteikollegin Gitta Connemann, die für die CDU auch im Bundestag sitzt, sprach sich voller Emotion für die Förderschule aus. „Am Ende ist das Wohl der Kinder entscheidend“, sagte sie. Es könne sein, dass es nicht gelingt, bis 2028 ein neues Bildungssystem für Schüler mit Förderbedarf innerhalb der Regelschulen aufzubauen, „dann gibt es gar kein System mehr. Dann ist es futschikato!“, so Connemann. Den Vertretern von SPD und Grünen, die sich bislang im Kreistag gegen einen Appell an die Landesregierung stellten, warf sie vor, „absolut verantwortungslos“ zu handeln. „Schulpolitik sollte pragmatisch sein und nicht ideologisch“, sagte die Christdemokratin.

Der Grüne Tammo Lenger wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Es gebe innerhalb der Regelschulen bereits große Erfolge bei der Inklusion von Kindern mit Förderbedarf. In den kommenden Jahren gebe vor der Schließung der Förderschulen noch eine Menge zu tun. „Aber jetzt beginnt eben etwas Neues“, so Lenger. Entschieden werde in dieser Frage ohnehin in Hannover und nicht in Leer. Deshalb sei die Kreistagsgruppe SPD/Grüne/Linke nicht bereit, dem Antrag der CDU zu folgen.

Schulleiter brachte die Wendung

An der Debatte des Ausschusses waren auch Redebeiträge von Lehrkräften und Eltern von Kindern, die die Pestalozzischule in Leer besuchen, zugelassen. Eine Mutter berichtete, dass es viele Kinder gebe, die es nicht schaffen könnten in den Regelschulen zu bestehen. Dafür fehlten Lehrkräfte und die Klassen seien viel zu groß. Es gebe einen großen Bedarf an Förderschulplätzen.

Als Pestalozzi-Schulleiter Bernhard Dudzik das Wort ergriff, kippte die Debatte. Er hielt einen flammenden Appell für den Erhalt seiner Schule. „Unter meinen Kollegen gibt es niemanden, der gegen Inklusion ist, aber nicht jedes Kind kommt in der Inklusion klar“, so der Pädagoge. Eine Auflösung der Förderschulen Lernen in Niedersachsen könne den Mangel an Sonderpädagogen in den Regelschulen nicht beheben. Dass in seiner Schule die Kinder genau richtig unterstützt werden, davon soll sich der Kreistag nach dem Willen Dudziks selbst ein Bild machen. „Ich lade Sie ein. Kommen Sie doch in unsere Schule!“, so der Schulleiter. Es war eine Einladung, der alle Mitglieder des Ausschusses folgen wollten. So stellte die CDU ihren Antrag vorerst zurück. Stattdessen soll im Dezember ein gemeinsamer Besuch der Pestalozzischule stattfinden. Erst danach soll erneut debattiert und abgestimmt werden.

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