Osnabrück Islam-Experte: Die WM in Katar steht als Symbol für die Gier im Fußball
Mit Katar findet die Fußball-WM erstmals in der arabischen Welt statt. Die Kritik ist groß - immer berechtigt? NOZ-Sportchefin Susanne Fetter war in Katar und hat dort Islamwissenschaftler Sebastian Sons getroffen. Zurück in Deutschland verabredeten sie sich noch einmal zum Gespräch.
Als wir Sebastian Sons das erste Mal treffen, sitzt er in einem Tagungsraum eines Hotels in Doha. Zum Auftakt einer Recherchereise gibt er einen kurzen Überblick über die rasante Entwicklung Katars und das politische Geflecht der Golfregion. Der Berliner Islamwissenschaftler bereist regelmäßig die arabische Welt. Im Interview kurz vor der Fußball-WM spricht er über die homophoben Äußerungen des WM-Botschafters Khalid Salman, über die Kritik an Katar und erklärt, in welchem Punkt er Uli Hoeneß widerspricht.
Frage: Herr Sons, der katarische WM-Botschafter Khalid Salman hat kürzlich mit homophoben Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht und Schwulsein als „geistigen Schaden“ bezeichnet. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie das gehört haben?
Antwort: Zuallererst war ich sehr irritiert von diesen Äußerungen. Gerade auch, dass sie jemand tätigt, der sich in den letzten Jahren und Monaten professionell mit dem Turnier beschäftigt hat und viel mit westlichen Medien zu tun hatte. Solche Ansichten sind absolut inakzeptabel. Interessanterweise gab es von ihm ein Statement dazu, das hierzulande aber nicht mehr aufgegriffen wurde.
Frage: Was hat er denn zu seiner Entgleisung gesagt?
Antwort: Er meinte, er habe eigentlich die Frage beantwortet, wie sich Alkohol auswirke. Bei seinen Antworten sei es gar nicht um Homosexualität gegangen. Wie das einzuschätzen ist, kann und möchte ich gar nicht beurteilen. Ich fand es aber interessant, dass es keine Versuche von deutschen Medien gab, mit ihm im Nachklang darüber zu sprechen. Wie gesagt, die Äußerungen sind inakzeptabel. Die Geschichte ist für mich aber auch ein Beispiel für den sehr schrillen und emotional kontroversen Diskurs, den wir gerade über die WM führen.
Frage: Gibt es denn in Katar andere Sichtweisen, oder steht diese Meinung stellvertretend für die Gesellschaft?
Antwort: Ich habe bei meinen Besuchen in Katar und anderen arabischen Ländern in privaten Gesprächen ähnliche Aussagen gehört. Ohne Frage ist Homophobie ein Problem in vielen islamischen Gesellschaften. Homosexualität steht ja nicht nur in Katar unter Strafe. Es gibt sicher viele Menschen in der Region, die sich von den Aussagen des WM-Botschafters abgeholt fühlen. Aber das heißt nicht, dass es keine anderen Meinungen gibt. Ich kenne Menschen in Katar, die sich von solchen Ansichten distanzieren und nicht einverstanden sind mit der Missachtung von Rechten der Homosexuellen. Wie bei vielen Themen rund um diese WM ist die Situation oft vielschichtiger.
Frage: Die Kritik wird gerade in Deutschland immer lauter. Macht Katar das nervös?
Antwort: Ich glaube, ja. Auch wenn man in Katar stets betont, dass andere Länder wie Brasilien oder Argentinien das bei weitem nicht so kritisch sehen. Die Kritik aus Europa nutzt dem Ansinnen Katars ja nicht. Das Erfolgsmodell ist darauf ausgerichtet, dass man als verlässlicher und wohlgelittener Partner in der Welt bekannt ist und intensive Geschäfts- und Wirtschaftsbeziehungen auch zu Ländern wie Deutschland unterhält. Das wankt aktuell und erzeugt durchaus Druck.
Frage: Kurz vor dem Start der WM verhärten sich die Fronten.
Antwort: Gefühlt geht es gerade auf beiden Seiten nicht mehr darum, miteinander zu reden, sondern nur noch übereinander. Es kommt kaum noch zum Dialog. Das ist sehr schade.
Frage: Viel Kritik ist aber doch berechtigt.
Antwort: Natürlich! Hier geht es um fehlende Rechte von Arbeitsmigranten und Frauen oder die Diskriminierung von Homosexuellen. Das muss man alles kritisieren – und auch hart. Mir fehlt es trotzdem manchmal an gewisser Trennschärfe.
Frage: Was meinen Sie genau?
Antwort: Wir haben etwa Diskussionen um die Winter-WM, darüber, ob und in welcher Form Alkoholkonsum möglich ist oder darüber, dass Katar kein Recht habe, eine WM auszurichten, weil die Fußballkultur fehle. Dabei gibt es ein großes Interesse in der Region am Sport. Die Fußballkultur ist da, sie ist nur eine andere, als wir sie kennen. Diese Kritik ist für mich eurozentristisch und wird in Katar oft als überheblich wahrgenommen. Und das lenkt meiner Meinung eher von den Dingen ab, die es wirklich zu kritisieren gibt.
Frage: Wo sehen Sie die größten Chancen auf einen Dialog mit Katar?
Antwort: Bei der Verbesserung der Situation der Migranten – vor allem in deren Heimatländern. Katar ist Teil eines ausbeuterischen Systems, alleiniger Täter ist es nicht. Die Ausbeutung von Migranten ist ein grenzüberschreitendes, globales Phänomen, das in ihren Heimatländern beginnt und in dem es viele Profiteure gibt, die schlichtweg kein Interesse daran haben, dass ihre Privilegien abgeschwächt werden und ihre Einnahmequellen versiegen.
Frage: Was könnte Deutschland hier tun?
Antwort: Ich halte es für einen Versuch wert, mit katarischen Entwicklungsorganisatoren ins Gespräch zu kommen und zu schauen, wie man Gastarbeiter und ihre Familien in den Heimatländern besser unterstützen kann, dass sie etwa nicht auf illegale Agenturen reinfallen und sich hoch verschulden. Oder dass die Wiedereingliederung von zurückkehrenden Migranten besser gelingt.
Frage: Muss man nicht auch in Katar selbst auf eine Verbesserung der Bedingungen einwirken?
Antwort: Selbstverständlich. Aber ich glaube, es besteht mehr Potenzial, mit Katar zusammenzuarbeiten, wenn sich nicht alles auf Katar selbst konzentriert, sondern wenn Katar auch zeigen kann, dass man versucht, in anderen Ländern Unterstützung zu leisten. Dennoch muss man weiter darauf hinwirken, dass sich die Reformen, die Katar bereits auf den Weg gebracht hat, nicht zurückdrehen lassen und dass auch nach der WM ein Augenmerk darauf gelegt wird. Das erreicht man über politischen Druck, aber auch durch eine kritische mediale Begleitung. Die darf nach der WM nicht wieder abebben. Dabei muss man aber auch darauf schauen, wie es in anderen Golfmonarchien aussieht. Die Probleme, darauf weist Katar zu Recht hin, sind regionaler Natur. Außerdem sollte versucht werden, im politischen und medialen Dialog zu bleiben.
Frage: Sie sprachen es an, Katar hat Arbeitsrechtsreformen eingeleitet – auf dem Papier mögen sie vorhanden sein, in der Praxis eher selten.
Antwort: Die schleppende Umsetzung ist das massive Problem. Zumal die Reformen sich bisher weitgehend auf die WM-Baustellen konzentriert haben. Die Situation dort hat sich tatsächlich etwas gebessert, aber das betrifft eben nur 1,8 bis 2 Prozent aller in Katar lebenden Migranten.
Frage: Ein Großteil arbeitet im häuslichen Bereich...
Antwort: ...und hier ist die Situation besonders schlimm. Vor allem Frauen leiden unter struktureller Ausbeutung, Gewalt, Misshandlungen. Es kommt zu Vergewaltigungen, Diebstahl, Lohn wird vorenthalten. Und weil das alles im Verborgenen stattfindet, können sich die Frauen nur schwer wehren. Das gibt Anlass zur Sorge. Hier muss dringend etwas getan werden.
Frage: Sehen Sie eine Chance, dass das gelingt?
Antwort: Es ist schwierig. Dieses System nutzt vielen Katarern. Die Regierung müsste ihnen Privilegien nehmen, um die Ausbeutung zu bekämpfen, und somit fürchten, dass Teile der Bevölkerung ihr die Loyalität entziehen. Der politische Wille, etwas zu ändern, ist also eher gering. Auch hier wird es nur gehen, wenn man versucht, Katar einzubinden. Man muss Druck ausüben und gleichzeitig Angebote zum Dialog machen.
Frage: Katar bindet sich durch Investitionen auch in deutsche Unternehmen zunehmend ein. Ist da nicht Vorsicht geboten?
Antwort: Wir müssen genau schauen, wo sind Zusammenarbeit und Dialog gut und wo nicht. Wir sollten sehr vorsichtig sein, welchen Einfluss Staaten wie Katar auf unsere Wirtschaft und Wissenschaft haben. Hier wird viel Geld für Lobbyarbeit ausgegeben. Wir dürfen nicht in irgendwelche PR-Fallen tappen und uns vor den Karren autokratischer Systeme spannen lassen. Gleichzeitig wird in der Wirtschaft mehrheitlich betont, dass Katar ein verlässlicher Geschäftspartner ist.
Frage: Wo sehen Sie weitere Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit Katar?
Antwort: Ich halte Rüstungslieferungen jeglicher Art für problematisch, auch wenn Katar keinen Krieg im Jemen führt wie etwa Saudi-Arabien. In diesem Zusammenhang sehe ich übrigens auch die Entscheidung der Bundesregierung, Leistungen im Rüstungsbereich an Saudi-Arabien zu genehmigen, kritisch. Das ist ein problematisches Signal und führt dazu, dass man viel Vertrauen verliert – übrigens auch auf arabischer Seite. Dort wird oft eine gewisse Doppelmoral kritisiert, es heißt: Der Westen betone gerne die Menschenrechte, aber nur solange es seine eigenen Geschäftsinteressen nicht berührt.
Frage: Ein Argument vieler Befürworter dieser WM ist es, dass die Aufmerksamkeit, die das Event mit sich brachte und bringt, etwas verbessert hat. Stimmt das?
Antwort: Ich glaube nicht, dass der Fußball das bewirkt hat. Da würde ich etwa Uli Hoeneß klar widersprechen. Die WM alleine hat nicht dazu beigetragen, die rechtliche Situation für die Gastarbeiter in Katar zu verbessern. Es war der externe Druck von Menschenrechtsorganisationen, von Medien, Politik und Gewerkschaften. Darüber hinaus war die WM-Vergabe ein Treiber und Katalysator für die Modernisierung Katars, seine Infrastruktur weiter auszubauen und sich zu öffnen.
Frage: Diese Öffnung ist aber nur schwer sichtbar.
Antwort: Das mag sein, aber sie ist durchaus existent. So hat sich etwa das Bildungssystem massiv verbessert, was gerade die Situation der Frauen beeinflusst, denn der weibliche Anteil der Studierenden liegt bei 60 Prozent. Katarische Frauen sind sichtbarer auf dem Arbeitsmarkt, teilweise auch in der Politik. Das hat auch mit der Strategie Katars zu tun, sich zu modernisieren und wirtschaftlich und gesellschaftlich zu liberalisieren ohne die eigenen Wurzeln zu vergessen.
Frage: Katar schiebt häufig die Kultur vor, um sich gegen Kritik zu wehren.
Antwort: Das katarische Narrativ ist oft: Jeder ist willkommen, aber haltet euch bitte an unsere Regeln. Der Emir hat es vorgegeben, und viele meiner katarischen Gesprächspartner sehen das durchaus kritisch. Sie sagen es nicht öffentlich, aber im privaten Gespräch klingt eine gewisse Frustration an, weil man etwa, was die Situation von Frauen oder Homosexuellen betrifft, eine andere Meinung hat. Hier geht es um Menschenrechte. Und die sind kein Bestandteil einer Kultur. Hier ist Katar verpflichtet, diese einzuhalten, und muss sich der Kritik stellen – das gilt aber auch für die FIFA. 2010 spielte die Rolle von Menschenrechten keine Rolle bei der Vergabe der WM. Das muss sich ändern.
Frage: Dafür war offenbar Korruption ein Faktor. Sollte die Vergabe der WM nicht auch noch einmal stärker in den Fokus rücken?
Antwort: Auf jeden Fall. Diese Entfremdung zwischen vielen Fans und dieser kapitalistischen und kommerzialisierten Fußball-Ausbeutungsstruktur, in der reiche greise Männer das Geschäft seit Jahrzehnten unter sich aufteilen und keine Rücksicht mehr auf die Menschen nehmen, die ins Stadion gehen und die den Sport lieben und ihn eigentlich wieder zurückwollen – diese Kluft ist enorm groß geworden. Ich glaube, dass die WM jetzt in Katar stattfindet, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Und ich glaube, die FIFA hat das verkannt.
Frage: Auch das spielt in die Kritik an Katar hinein.
Antwort: Das Turnier steht als Symbol für die Ausbeutung und die Gier im Fußball. Für Korruption und die Entfremdung der Fans. Die WM ist mittlerweile der Inbegriff eines aus dem Ruder gelaufenen Fußball-Systems. Wenn die FIFA ihren eigenen Status sichern und Reputation zurückgewinnen will, dann muss sie darauf reagieren.
Frage: So ist die erste Fußball-WM in einem arabischen Land mit einem riesigen Makel versehen. Hätte es nicht eine andere Lösung gegeben, dieses Turnier in die islamische Welt zu tragen?
Antwort: Hat die arabische Welt eine WM verdient? Meiner Meinung nach definitiv. Muss das Katar sein? Da bin ich mir nicht sicher. Für eine panarabische WM ist die Region leider oftmals viel zu zerstritten. Hätte es nicht eine der großen Fußballnationen in der arabischen Welt sein können? Schwierig. Syrien und der Irak befinden sich im Krieg und verschwinden im Chaos. In Ägypten, das sich 2030 mit Saudi-Arabien und Griechenland bewerben will, haben wir eine Diktatur, in der Menschenrechte noch massiver verletzt werden als in Katar. Dort werden Menschen in Gefängnissen umgebracht und gefoltert, politische Gefangene gibt es zuhauf. Sollte die FIFA etwas gelernt haben, kann diese Bewerbung aus Menschenrechtsperspektive eigentlich keine Chance haben.