Köln Tommi Schmitt über Selbstzweifel und sein „Wohlfühl TV“-Konzept
Durch den Erfolgspodcast „Gemischtes Hack“ wurde Tommi Schmitt bekannt. Mit seiner Late Show „Studio Schmitt“ auf ZDFneo hat er sich von der Stimme am Mikrofon zum Fernsehgesicht weiterentwickelt. Wo der Detmolder als Nächstes hinwill, erzählt er uns im Interview.
Tommi Schmitt hat die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Wir treffen ihn in einem Hotel unweit des Kölner Doms. Bei einer Tasse Kaffee gibt Schmitt Einblicke in seine rasante Karriere vom Podcaster zum Fernsehmoderator, spricht über seinen Medienkonsum und Heimatbesuche in Ostwestfalen.
Frage: Tommi, Lust auf ein paar langsame Fragen im Sitzen?
Antwort: Oh ja (lacht). Ist das wirklich eine Rubrik oder war das nur ein Gag?
Frage: Nur ein Gag, weil es in der ersten Staffel von „Studio Schmitt“ die schnellen Fragen im Stehen gab. Und in der aktuellen Staffel anfangs im Sitzen, jetzt aber wieder im Stehen. Ich bin ganz durcheinander.
Antwort: Das ist einfach der Tatsache geschuldet, oder beziehungsweise das ist das Schöne, dass wir bei ZDFneo sind und ganz viel ausprobieren können.
Frage: Du hast kürzlich auch etwas ausprobiert, einen „News-Detox“. Verzichtest Du heute noch auf den täglichen Nachrichtenkonsum?
Antwort: Es wird jetzt wieder besser. Es war schon so, dass mir das Anfang des Herbstes alles zu viel wurde. Dann stellt sich auch die Frage: Was bringt das eigentlich, so vollumfänglich informiert zu sein?
Frage: Du hast Dich mal als „analogen Typen“ bezeichnet. Wie kann man das sein, wenn der eigene Erfolg so stark von den sozialen Medien abhängt?
Antwort: Das stimmt. In meinem Verbreitungsweg bin ich ganz bestimmt nicht analog. Aber ich persönlich habe da eher so Präferenzen zu. Ich bin da sehr Boomer-haft. Ich bin wie ein 60-Jähriger gefangen im Körper eines 33-Jährigen. Ich würde zum Beispiel nie mit ‘nem Kindle in den Urlaub fliegen. Ich würde eher mehr Gepäck aufgeben, um drei Bücher mehr mitzunehmen.
Frage: Die Überforderung junger Menschen mit dem medialen Überangebot ist sicher ein großes Thema unserer Zeit.
Antwort: Ja, ich glaube, das fühlen gerade alle, wie die jungen Leute sagen. Wir sind gerade an einem Entertainment-Scheideweg. Du hast die Verfügbarkeit von Allem, aber dadurch dann auch wieder nicht, weil die Möglichkeiten einfach zu groß sind und dann so ein Verdruss einsetzt. Zeitgleich hast du mit TikTok eine App, die dir Entertainment bietet in Sekunden. Du hast hier einen Opa, der einen Hund aus der Pfütze rettet. Weinen, nächstes. Du siehst, wie jemand das Geschlecht seines Kindes erfährt. Ach, toll. Nächstes. Jegliche Emotionen unter einer Minute, da können Fernsehsender gar nicht mithalten.
Frage: Vielleicht kapert die ältere Generation ja bald TikTok. Dann ist der Trend auch wieder vorbei.
Antwort: Wie als damals die Sparkasse mit „I bims, 1 Konto vom Anlage her“ kam. Da wusste ich, jetzt ist es vorbei (lacht).
Frage: Wann hast Du gemerkt, dass es Dich in die Öffentlichkeit zieht?
Antwort: Das kam relativ spät. Ich war in der Schule schon nie dieser Klassensprecher-Typ. Ich hab‘ mich aber immer extrem für Medien interessiert und schon mit Zehn den Spiegel und den Stern gelesen. Und ich hatte immer so ein Feuer in mir, was ich nicht ganz deuten konnte. Was Journalisten auch haben, so eine kreative Ader, die befriedigt werden muss.
Frage: Wie kam der Erfolg dann zustande?
Antwort: Ich kam so ein bisschen wie die Jungfrau zum Kinde dazu. Ich war erst Fernsehautor in Köln. Das wusste ich relativ zügig, dass ich das cool finde. Dann habe ich ja mit Felix (Lobrecht, Anm. d. Red.) den Podcast begonnen, weil ich dachte, es wäre cool, wenn ein Autor und jemand, der auf der Bühne ist, sich über die Medienbranche unterhalten.
Frage: Heute schreibst Du nicht mehr nur Gags und hostest Euren Podcast.
Antwort: Ja, zu Vielem bin ich dann automatisch gekommen. Es wollten plötzlich Leute, dass wir zusammen auf die Bühne gehen. Das war eh lustig: Ich war ja Autor bei Klaas‘ (Heufer Umlauf, Anm. d. Red.) Sendung Late Night Berlin und war da aber zeitgleich zu Gast mit Felix. Und da habe ich gemerkt: Das gefällt mir auch. Ich hatte vorher schon als Autor oft die Möglichkeit, bei manchen Dingen vor die Kamera zu kommen – da hatte ich aber nie Bock drauf. Hätten mich die Mechanismen da nicht reingeschubst durch den Erfolg des Podcasts, hätte ich das nie ausprobiert. Ich fand es immer super, Gags zu schreiben und dann zu sagen: Macht ihr mal, ich geh‘ nach Hause.
Frage: Vermisst Du das manchmal, jetzt wo Du so viel in der Öffentlichkeit stehst?
Antwort: Jein. Das Gute ist, es ist noch alles sehr erträglich und entspannt. Die Leute, die mich ansprechen, sind mir eigentlich immer sehr zugetan.
Frage: Hättest Du vor fünf Jahren, als die erste Folge „Gemischtes Hack“ veröffentlicht wurde, glauben können, was danach alles passieren würde?
Antwort: Nee. Das ist ja völlig absurd gelaufen. Es war erstens wirklich gar nicht geplant, deswegen konnte ich es mir schon nicht vorstellen. Wenn das jetzt so ein Plan gewesen wäre, hoffentlich werden wir Europas erfolgreichster Podcast und hoffentlich kriege ich ‘ne Fernsehshow, dann hätte ich gesagt: Sehr unrealistisch. Aber das stand ja gar nicht auf der Karte.
Frage: Wie ist das auf Heimatbesuchen bei Deinen Eltern in Detmold, musst Du heute noch die Spülmaschine ausräumen?
Antwort: Ja selbstverständlich, da gelten die ganz alten Regeln. Also wenn ich da ankomme und erzählen will, gestern habe ich Johannes B. Kerner interviewt, dann freuen die sich kurz – aber dann kriege ich auch direkt ‘nen Anschiss, wenn ich den Wäschekorb nicht mit hochnehme. Das ist ja auch richtig so.
Frage: Machen Familien in Detmold immer Spaziergänge zum Herrmannsdenkmal? Die Figur war ja mal auf Deinem TV-Pult zu sehen.
Antwort: Exakt. Also wenn man eins kann in Detmold, dann ist es Spazierengehen. Es ist wie das Auenland, da kommst du richtig runter.
Frage: In Detmold spricht man Hochdeutsch. Dein Podcastpartner Felix Lobrecht spricht mit „Berliner Schnauze“, was die Leute ja auch mit ihm assoziieren. Würdest Du gerne einen Dialekt sprechen?
Antwort: Nee, nicht so gerne. Ich finde es ganz cool, das als Basis zu haben und dann Dialekte nachmachen zu können. Das finde ich witziger.
Frage: Ist das der Grund für Deine vielen Imitationen?
Antwort: Ich glaube schon. Wir haben echt tolle Dialekte in Deutschland, ich finde die alle charmant auf ihre Art. Vor allem gibt es so nette Dialekte wie hessisch, rheinländisch, norddeutsch...
Frage: Es gibt ja nicht nur Dialekte, sondern auch Eigenarten, mit denen manche Personen sprechen. Stell Dir vor, Gerhard Schröder, Ralf Möller, Rainer Callmund und Du wärt in einem Raum. Worüber unterhaltet Ihr Euch?
Antwort: Oh Gott! Wahrscheinlich kriege ich von allen erstmal eine aufs Maul, weil ich die immer versuche zu imitieren. Keine Ahnung. Rainer Callmund und Ralf Möller waren bestimmt schon mal bei „Grill den Henssler“ in einem Raum.
Frage: Wie gehst Du persönlich mit negativer Kritik und Misserfolgen um?
Antwort: Generell kann ich immer ganz gut vergessen. Es ist nichts, was mir lange anhängt. Das klingt jetzt sehr klischeehaft, aber ich nehme das gerade sehr als Geschenk wahr, was so passiert. Und selbst wenn in dieser Phase Dinge nicht so funktionieren, wie jetzt bei LOL zum Beispiel (Comedy-Format von Bully Herbig, Anm. d. Red.), finde ich das eher witzig. Scheitern ist ja das Schönste.
Frage: Das musst Du bitte genauer erklären. Bei LOL bist Du früh ausgeschieden.
Antwort: Genau, aber trotzdem kann man ja theoretisch nochmal reingehen und Faxen machen. Aber ich habe gemerkt, ich bin nicht so der Clown. Und das dann so zu sehen, dass jemand wie ich in so einer Sendung völlig fehl am Platz ist und währenddessen bemerkt: „Mist, hier sind ja Anke Engelke und Bastian Pastewka.“ Dann versuche ich im Nachhinein zuhause nicht so zu sein, dass ich denke: „Oh Gott, wie peinlich“, sondern es irgendwie amüsant zu finden. So gehe ich mit Fehlern um. Ich versuche, mich in der Retrospektive über mich selbst lustig zu machen, das hilft. Weil ich ansonsten auch eher ein Mensch bin, der zu Selbstzweifeln neigt.
Frage: Kommen wir zu Studio Schmitt. Ist die Sendung für Dich wie ein in Erfüllung gegangener Traum, weil Du dort Menschen einladen kannst, zu denen Du früher selbst aufgeschaut hast?
Antwort: Ja, definitiv. Bei Kevin Trapp war es so, dass ich dachte, wie krass, dass der da rauskam und sich Zeit genommen hat für mich. Eine Woche, bevor der das Europa League Finale gespielt hat, kommt der aus Frankfurt, besorgt sich ein ICE-Ticket… Das sind so Situationen, wo ich merke, dass die Leute einen Aufwand betreiben, um zu kommen. Das finde ich sehr kurios.
Frage: In einem Kommentar auf YouTube schreibt jemand über Deine Sendung: „Ich als 1989 Geborener fühle mich abgeholt.“ Ist das das Konzept der Show, die Generation Y zu bedienen?
Antwort: Das finde ich ein sehr schönes Kompliment. Das ist wirklich ein bisschen das Konzept. Ich versuche, ganz normal mit den Leuten zu reden. Ich bin nicht der große Journalist dabei, der auf Biegen und Brechen etwas rauskitzeln will, was sofort zitierfähig ist. Ich will auch, dass sich die Leute wohlfühlen.
Frage: Im Sommer hast Du Dich im neuen TV-Format „Draußen“ noch stärker auf die Einzelperson fokussiert. Dieser Ansatz ist dem Journalismus ja durchaus ähnlich. Wir richten schließlich auch häufig den Scheinwerfer auf eine Person, die dadurch in einem bestimmten Licht erstrahlt.
Antwort: Genau richtig erkannt. Das klingt immer so cheesy und pathetisch, aber es ist wirklich meine Motivation, den Menschen an sich dahinter zu begreifen. Das hat mich immer interessiert. Und das ist es, wo ich hinwill. Ich will die Leute nicht fertigmachen, sondern mich mit denen unterhalten. Auch wenn dann manche sagen, das sei ja ein bisschen dünn, gerade in diesen Zeiten. Den Vorwurf halte ich gerne aus.
Frage: Welche Dinge machst Du nur, wenn Du sicher bist, dass niemand hinsieht?
Antwort: Diese Dinge gibt’s nur auf meinem OnlyFans-Account. Und ich singe. Ich singe manchmal sehr laut in meiner Wohnung.
Frage: Wie sieht es denn bei Dir zuhause aus, führst Du ein richtiges Spießerleben mit Hecke schneiden und den Nachbarn über den Zaun anbrüllen?
Antwort: Gar nicht, aber wo ich mich krass verändert habe: Ich bin plötzlich total ordentlich geworden. Mittlerweile, wenn Kumpels vorbeikommen, nehme ich denen die Jacke ab. Und die fragen dann: Wo ist mein Rucksack? „Den hab ich da oben in den Schrank getan.“
Frage: Wie viele Bücher liegen in den Schränken und welches liest Du zurzeit?
Antwort: Hunderte! Ich glaube, bei mir siehts aus wie in der Kemenate von Richard David Precht. Ich lese zurzeit drei parallel. Jetzt gerade, weil es die ganze Zeit liegen geblieben ist, von Heinz Strunk, Ein Sommer in Niendorf. Dazu Freizeit von Karla Kaspari und die Helmut Dietl-Biographie von Claudius Seidl.
Frage: Abschließend gefragt: Ist fantastisch eigentlich Dein Lieblingswort?
Antwort: Ja, ich glaube das ist leider mein Lieblings-Füllwort. „Tatsächlich“ habe ich wegbekommen. Ich glaube, ich bin früh von Harald Schmidt indoktriniert worden. Diese Haltung, alles erstmal gut zu finden. Alles immer „fantastisch“, diesen Sarkasmus und Zynismus über alles, über die ganze schlimme Weltlage zu legen, finde ich sehr gut. Nein, ich finde es fantastisch.