Landwirte hoffen aufs Land Strackholterin hofft auf mehr Tierschutz vom Land
Tierschutz, Lebendtransporte, Klimawandel: Was erhoffen sich hiesige Bauern von der neuen Landesregierung? Eine Strackholterin und Verbandsvertreter erklären, was ihnen wichtig ist.
Strackholt - Vor wenigen Tagen ist der Strackholter Landwirtin Maren Osterbuhr der Schreck in die Glieder gefahren – und eine vage Sorge, die sie seit Längerem umtrieb, hat sich in handfestes Bangen verwandelt: Nur ein paar Meter abseits einer Fläche, auf der bis zum Wochenende noch Kühe von ihr weideten, ist ein Kalb tot aufgefunden worden. Mit Bissspuren, die einen Wolfsriss mindestens denkbar erscheinen lassen. Wir haben uns eigentlich mit ihr getroffen, um über Wünsche von Bauern an die neue Landesregierung und die neue Ministerin Miriam Staudte (Grüne) zu sprechen – weil sie unabhängig von Positionen der diversen Bauernverbände über das soziale Netzwerk Instagram regelmäßig Agrarthemen erklärt, Stellung nimmt und Hofeinblicke gewährt. Rund 22.000 Menschen folgen ihr dort.
Schon während des Treffens sagt sie: „Ich wünsche mir, dass die neue Landesregierung mithilft, auch politisch einen Rahmen zu schaffen, mit dem die Wolfsbestände reguliert werden können. Ich liebe Tiere generell über alles, Wölfe zu schießen ist mir eigentlich zuwider. Aber wir haben sechs Herden, die wir in diesem Jahr so lang wie noch nie auf der Weide lassen konnten – und wir stehen vor der Frage: Weidehaltung oder Wolf?“, sagt sie. „Wolfsschutzzäune haben sich in der Praxis nicht bewährt und sind zudem von Arbeitsaufwand und Unterhalt kaum zu händeln. Auch verhindern sie Wildwechsel. Und Hütehunde – wie sollen wir das regeln? Wir bräuchten allein zwölf.“ Ottmar Ilchmann, Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, nennt die Konzepte zum Herdenschutz „zunehmend illusorisch: Weidehalter verabschieden sich resigniert von dieser so gewünschten Haltungsform“. Der Vizepräsident des niedersächsischen Landvolks, Manfred Tannen (Westbense), ergänzt: „Wir brauchen ein Wolfsbestandsmanagement. Das ist eine Baustelle für unsere Bundesregierung. Die könnte und muss eine Zahl für Niedersachsen festlegen, wo aus ihrer Sicht ein günstiger Erhaltungszustand des Wolfes erreicht ist. Denn die Population wächst weiter, und Entnahmen müssen dort passieren, wo wir Weidehaltung haben.“
Klimawandel stärker in den Blick nehmen
Dies ist nur ein Punkt, an dem die Landwirtin Handlungsbedarf sieht. Denn dass es selbst Ende Oktober noch um die 20 Grad warm und im Herbst überraschend trocken war, sorgte zwar dafür, dass sie ihre Kühe verblüffend lange auf der Weide halten konnte. „Stattdessen haben wir aber im Hochsommer wegen Dürre auf der Weide zufüttern müssen, und da brauchen wir zwingend neue Konzepte und Lösungen, bei denen ich auch auf Unterstützung der Landesregierung hoffe“, sagt sie. Die hat im Koalitionsvertrag auch tatsächlich ein „Sonderprogramm Klimawandel“ für Landwirtschaft und Forst versprochen.
Ziel: Klimaschutz und die Anpassung an die Folgen des Klimawandels fördern, die Zuschüsse für die Bewältigung von Extremwetterfolgen stärken, sparsamere Beregnungs- und klimafreundlichere Anbautechniken fördern. „Klimaschutz und auch Tierschutz müssen zudem in den Lehrplänen für Agrarstudiengänge endlich in deutlich größerem Maße Berücksichtigung finden“, sagt die 35-Jährige. „Wir gehen mit Tieren und dem sich wechselnden Klima um, das braucht aber eine profundere Basis.“
Hoffen auf Stroh- und Weideprämie
À propos Tierschutz:„Ich würde mir wünschen, dass auch in Niedersachsen der Bau von Tierwohlställen gefördert wird und das auch rückwirkend für diejenigen, die da schon in Vorleistung gegangen sind“, sagt sie. Eben das fordert auch Ilchmann, der ergänzt: „Hierbei muss auf eine Bevorzugung kleinerer und mittlerer Betriebe geachtet werden, der Umbau darf nicht zum Beschleuniger des Strukturwandels werden.“ Osterbuhrs Familie hat vor zehn Jahren einen solchen Stall errichtet, die Tiere liegen auf Stroh, können sich frei im Stall bewegen. Zweimal täglich wird neu eingestreut. „Das machen wir bislang aus eigener Tierliebe, es rechnet sich nicht, bedeutet sogar zusätzliche Kosten und Mehraufwand. Aber mir ist es das wert“, sagt sie.
Der Wunsch passt zum im Koalitionsvertrag von Rot-Grün festgehaltenen Punkt, die Landwirtschaft beim Wandel hin zu „tiergerechteren Haltungsformen“ begleiten, in die Verantwortung nehmen und fördern zu wollen, weil Tierwohl gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. „In NRW gibt es etwa eine Prämie für Betriebe, die Tiere im Stall auf Stroh halten. So etwas könnte hier auch greifen“, sagt Maren Osterbuhr. Ebenso müsse der Weidegang als natürlichste Haltungsform der Tiere auch gefördert werden, findet die Strackholterin ebenso wie Ilchmann, der darauf pocht, zumal die vorige Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) eine Weideprämie schon zugesagt hatte.
Keine Tiertransporte in Drittstaaten
Ebenso setzt sie Hoffnungen in die Pläne der Regierung, regionalere Landwirtschaft zu fördern: dezentrale Schlachthöfe, kurze Wege, Vermarktung nah an den Erzeugern. „Das ist ökologisch und auch aus Tierschutzsicht wichtig“, sagt die Strackholterin. Für Ilchmann „ist die Verarbeitung in Niedersachsen mit seinen Großschlachtereien und -molkereien schon viel zu stark konzentriert und auf Weltmarkt statt auf Versorgung der Regionen ausgerichtet“. Manfred Tannen sagt: „Regionalität wird das neue Bio.“ Uneinig sind beide sich, wenn es um lange Transporte von lebenden Tieren, etwa Rindern, in Länder außerhalb der EU geht – etwa, wenn Kühe aus Ostfriesland nach Marokko vermarktet werden. Laut Koalitionsvertrag will die Landesregierung alles dafür tun, dass solche Transporte „grundsätzlich nicht mehr möglich sind“. Osterbuhr findet: „Das ist höchste Zeit und essenziell wichtig. Da muss es aber auch drum gehen, keine Umwege über andere EU-Staaten zuzulassen. Grundsätzlich ist es an der Zeit, solchen Transporten ein Ende zu setzen, mit denen Landwirte hier Tiere, die sie nicht mehr haben möchten, im Zweifel zum Schächten nach Marokko schicken.“
Während Bayern etwa eine Liste von 17 Nicht-EU-Staaten festgelegt hat, in die keine Lebendtransporte mehr direkt abgefertigt werden dürfen, sind solche Transporte zuletzt unter anderem von dort über den Landkreis Aurich gebracht und abgewickelt worden. Tannen hingegen argumentiert: „Zuchtvieh-Exporte sind ein wichtiges und unverzichtbares Standbein für Milchviehbetriebe. Statt pauschal zu urteilen, sollten wir schauen, wie man noch tierfreundlichere und überprüfbare Transportbedingungen schafft, auf festgelegten Routen.“ Doch Osterbuhr geht es vor allem auch darum, dass Tierschützer in der Vergangenheit immer wieder dokumentiert haben, dass die Zuchttiere nach nur kurzer Melkzeit, an die Hitze nicht angepasst, geschächtet werden und qualvoll sterben. „Davon lenken die Exporteure ab, indem sie nur auf die Transportbedingungen hinweisen, und es geht doch darum, dieses grausame Treiben zu verhindern – und da hoffe ich aufs Land“, sagt sie.
Schulterschluss mit Umweltschützern
So tief die Gräben zwischen den Lagern noch vor wenigen Jahren schienen: Einig sind sich alle befragten Landwirte, dass alle künftigen Herausforderungen „nur zu meistern sind, wenn Bauern und Umweltschützer Hand in Hand gehen“, wie Osterbuhr sagt. Auch Tannen sagt: „Wir mögen in der Sache hart streiten, aber das Miteinander und der Grundkonsens, den wir auch im Projekt ,Niedersächsischer Weg‘ geschafft haben, sind unverzichtbar. Wir brauchen den Austausch und auch den Schulterschluss.“ Peter Habbena, Landeschef im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter, sagt: „Die Regierung muss vermitteln. Landwirtschaft ist nicht der Verursacher des Klimawandels, sondern ein Teil der Lösung.“ Auch Ilchmann setzt auf den Niedersächsischen Weg. „Mit seinem konsensorientierten Ansatz ist er geeignet, Konflikte zwischen Landwirtschaft und Umweltschutz zu entschärfen. Seine Maßnahmen müssen aber nach dem guten Aufschlag jetzt in die Regionen, in jeden Landkreis getragen werden, und die ambitionierten Ziele müssen finanziell abgesichert werden.“
Externe Investoren schüren Sorgen
Sorgen bereitet den Landwirten allesamt auch, dass Finanzinvestoren in wachsendem Maße scharf sind auf Agrarflächen als Spekulationsobjekte. „Die Flächen werden knapper, steigende Pachtpreise erschweren das Wirtschaften zunehmend“, sagt Osterbuhr. „Ich finde schon, Bauernland gehört weiter in Bauernhand.“ Auch Ilchmann sagt, Niedersachsen brauche „ganz dringend“ eine Reform des Bodenrechts, „die diesen Namen auch verdient“ und fügt an: „Auch in unserem Bundesland muss das Vordringen außerlandwirtschaftlicher Investoren und generell die Konzentration in den Händen von immer weniger Eigentümern unterbunden werden. Zusätzlich macht der Pachtpreisanstieg vielen bäuerlichen Betrieben das Leben schwer.“
Grundsätzlich, findet Osterbuhr ebenso wie Ilchmann, „ist es vor allem wichtig, dass wegweisende Entscheidungen jetzt auch angepackt werden“. Der Klostermoorer ergänzt: „Die Ungewissheit ob wichtiger Zukunftsentscheidungen zerrt an den Nerven auch aller andern, führt zu Mutlosigkeit und Frust und im schlimmsten Fall zur Hinwendung zu radikalen Positionen. Hier bedarf es seitens des neuen Ministers/der neuen Ministerin einer raschen Ermutigungsoffensive. Die lange bekannten und aufgeschobenen Probleme müssen endlich gelöst werden.“