Keerlke-Preis verliehen  Johann Saathoff – der Ostfriese, der den Bundestag „platt“ macht

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 22.11.2022 13:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der Vorsitzende von Oostfreeske Taal, Hans Freese (Mitte), und Laudator Frank Baumann (rechts) übergaben in einer Feierstunde in Hinte den Keerlke-Preis an Johann Saathoff. Foto: J. Doden
Der Vorsitzende von Oostfreeske Taal, Hans Freese (Mitte), und Laudator Frank Baumann (rechts) übergaben in einer Feierstunde in Hinte den Keerlke-Preis an Johann Saathoff. Foto: J. Doden
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Er spricht Platt, wann immer es geht. Nur in einem Fall traute er sich nicht: Wie und warum sich der Politiker Johann Saathoff den „Ostfriesen-Oscar“ verdiente.

Pewsum/Hinte - Es ist schon ein paar Jahre her, aber diese Rede hallt immer noch nach: „Ich werde auch heute noch oft darauf angesprochen, selbst von Taxifahrern in Berlin“, sagt Johann Saathoff über seinen Auftritt vom 2. März 2018 im Bundestag. Der SPD-Abgeordnete aus Pewsum, der in der Zwischenzeit zum Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesinnenministerium aufstieg, schrieb damals Parlamentsgeschichte: Es war die erste Rede im Bundestag auf Platt.

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Auch viele Ostfriesen werden sich erinnern: Saathoff konterte seinerzeit eine AfD-Initiative zur Verankerung von Deutsch als Landessprache im Grundgesetzt. „Düütsland word neet armer dör anner Sprackenr, Düütsland word rieker.“ Deutschland werde nicht ärmer durch andere Sprachen, sondern reicher, sagte der ostfriesische Politiker vor dem Parlament in Berlin. Und die Fraktion der AfD saß betreten da. Kein Zwischenruf, außer einem „Oh“. Am Schluss klatschte einer der AfD-Abgeordneten sogar selbstvergessen mit.

Plattdeutsche Rede wurde berühmt

Die im Netz millionenfach geklickte Rede ist aber nur ein Beispiel seines unermüdlichen Einsatzes für die Pflege der plattdeutschen Sprache. Dafür zeichnete der Verein Oostfreeske Taal ihn vor wenigen Tagen bei einer heiteren Feierstunde in Hinte vor mehr als 150 Gästen aus Politik, Verwaltung und Kultur mit dem Keerlke-Preis 2022 aus. Dieser „Ostfriesen-Oscar“ gilt als einer der wichtigsten plattdeutschen Auszeichnungen im Nordwesten.

Der Vorsitzende von Oostfreeske Taal, Hans Freese, begrüßte im Hotel Novum in Hinte zahlreiche Gäste aus Politik, Verwaltung und Kultur. Foto: J. Doden
Der Vorsitzende von Oostfreeske Taal, Hans Freese, begrüßte im Hotel Novum in Hinte zahlreiche Gäste aus Politik, Verwaltung und Kultur. Foto: J. Doden

Saathoff habe die plattdeutsche Sprache nach Berlin in den Bundestag getragen und die Sprache damit einer breiten Öffentlichkeit ins Bewusstsein gerufen, heißt es in der Begründung des Vorstandes von Oostfreeske Taal, dem Verein für ostfriesische Sprache und Kultur.

Die Romanfigur Keerlke gab den Anstoß

Der Preis ist eine Ton-Figur, die Christian Eisbein aus Esens nach der gleichnamigen Romanfigur von Wilhelmine Siefkes schuf. Saathoff begegnete ihr bei der Preisverleihung nicht zum ersten Mal. Erste Berührungspunkte damit hatte er bereits 2013 nach seiner Wahl zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister der Gemeinde Krummhörn.

Damals stand eine hölzerne Keerlke-Figur in der Grundschule Pewsum, in der der Gemeinderat tagte. Sie gab quasi den Anstoß dafür, das Plattdeutsche auch in die Politik zu bringen. Gemeinsam mit dem damaligen Ersten Gemeinderat und späteren Nachfolger im Bürgermeisteramt, Frank Baumann, ebenfalls ein bekennender Platt-Fan, machte er das Plattdeutsche „politikfähig“.

Liedtexte als Quelle der Inspiration

Nach seinem Einzug in den Bundestag knüpfte der Sozialdemokrat daran an. Seine ersten Worte vor dem Parlament sprach er auf Platt. „Der Bundestag fand das cool, einige fanden es aber auch peinlich“, erinnert sich Saathoff. Seitdem verwendet er in seinen Reden immer wieder plattdeutsche Begriffe und Sprüche. Oft zitiert er dabei Liedtexte des ostfriesischen Sängerbarden Hannes Flesner, die für ihn „eine Quelle der Inspiration“ sind. Mittlerweile würden einige Kolleginnen und Kollegen auch schon darauf warten.

Seine Reaktion auf den AFD-Antrag im Jahr 2018 war allerdings auch mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Denn der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble („Der kann selbst kein Hochdeutsch“ ) habe die plattdeutsche Rede zunächst nicht zulassen wollen und schließlich Saathoff dazu gedrängt, auch einige Sätze auf Hochdeutsch zu sagen.

Die Stenographen kamen ins Schwitzen

Ins Schwitzen kam vor allem der Stenographische Dienst des Bundestages, der alle Reden mitschreiben und dokumentieren muss. Die Parlamentsverwaltung bediente sich schließlich der Hilfe eines Fachmanns vom Institut für Niederdeutsche Sprache in Bremen, der der ostfriesischen Regional-Sprache mächtig war, die Rede am Fernseher verfolgte und zügig übersetzte.

Saathoff nutzt das Plattdeutsche nicht zum Spaß, sondern ganz bewusst. Für ihn es ein klares Bekenntnis zu seiner ostfriesischen Heimat: „Ich möchte nicht verstecken, wo ich herkomme“. Trotz aller Unterschiede gebe es für ihn auch „kein richtiges und kein falsches Platt“. Er meint: „Jeder der Plattdeutsch spricht, spricht das beste Platt der Welt.“

Es gibt jetzt auch einen Parlamentskreis

Das gilt auch für den Parlamentskreis Plattdeutsch, den der 55-Jährige zusammen mit seiner FDP-Bundestagskollegin Gyde Jensen aus Schleswig-Holstein Anfang dieses Jahres aus der Taufe hob. In solchen inoffiziellen Parlamentskreisen schließen sich Abgeordnete zusammen, die ein gemeinsames Interesse verbindet.

Sie sangen im Duett: der Emder Musiker Berthold Tuitjer und der Krummhörner Ex-Bürgermeister Frank Baumann präsentierten Lieder des ostfriesischen Sängerbarden Hannes Flesner. Foto: J. Doden
Sie sangen im Duett: der Emder Musiker Berthold Tuitjer und der Krummhörner Ex-Bürgermeister Frank Baumann präsentierten Lieder des ostfriesischen Sängerbarden Hannes Flesner. Foto: J. Doden

Die Idee hatten Saathoff und Jensen schon 2018 auf einer Dienstreise in der Ukraine. Beide stellten fest, dass viele Kolleginnen und Kollegen Platt sprechen. Den Parlamentskreis möchten sie zum Austausch sowie zur Vernetzung mit allen Plattprootern im Bundestag nutzen. Angeschlossen haben sich mittlerweile Abgeordnete aus mehreren Bundesländern.

Wann kommt die nächste plattdeutsche Rede?

Wann er seine nächste Rede im Bundestag halten wird, weiß Saathoff noch nicht. Als Parlamentarischer Staatssekretär habe er nicht mehr so oft Gelegenheit dazu. Allerdings könne er in diesem Amt das Platt auch in andere Institutionen tragen. Nur bei seinem ersten Auftritt vor dem Bundesverfassungsgericht habe er sich noch gescheut, Platt zu sprechen. „Ich habe zwar kurz gezuckt, mich aber dann doch nicht getraut“, räumt Saathoff ein.

Der Politiker wuchs als „Emder Pottjekacker“ - so nennen viele Krummhörner die Bewohner der Nachbarstadt - und als Sohn Platt sprechender Eltern auf. Seine Mutter habe mit ihm immer auf Platt geschimpft. Das sei häufig der Fall gewesen. „Und so habe ich in Zeiten höchster Erregung oft viel mitgekriegt“, sagt er augenzwinkernd.