Licht aus  Friesen wollen ihren Sternenkompass zurück

| | 22.11.2022 19:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Spiekeroog ist neben Pellworm die einzige Sterneninsel Deutschlands. Dort ist es besonders dunkel. Das ermöglicht einen herausragenden Blick auf die Sterne. Archivfoto: Andreas Hänel/dpa
Spiekeroog ist neben Pellworm die einzige Sterneninsel Deutschlands. Dort ist es besonders dunkel. Das ermöglicht einen herausragenden Blick auf die Sterne. Archivfoto: Andreas Hänel/dpa
Artikel teilen:

Überflüssige Lampen sollen in Friesland zwischen 22 und 6 Uhr aus bleiben – damit die Sterne an der Küste wieder sichtbar funkeln. Auf der Sterneninsel Spiekeroog ist man da schon deutlich weiter.

Jever - Weniger Licht, mehr Lebensqualität: Eigentlich klingt es ganz einfach, und doch prägen immer mehr unnatürliche Lichtquellen unseren Alltag. Die sogenannte Lichtverschmutzung geht zulasten der Umwelt, der Gesundheit – und nicht zuletzt des Portemonnaies. Und sie trübt die Sicht aufs Wesentliche: das älteste Kulturgut der Menschheit, den Sternenhimmel. Der strahle längst nicht mehr so intensiv auf die ostfriesische Halbinsel herab wie noch vor einigen Jahrzehnten, sagte Frieslands Klimaschutzmanager Valentin Lang. 60 Prozent der Europäer würden bereits die Milchstraße nicht mehr sehen. Die hellen Lichter am Boden machen es immer schwerer, die Himmelskörper zu sehen. Bald wird das auch an der Küste unmöglich – wenn immer mehr Licht die Umgebung verschmutzt.

Was und warum

Darum geht es: Der Landkreis Friesland will mit einem Projekt die Vorzüge dunkler Nächte betonen.

Vor allem interessant für: Sternengucker, Umweltbewusste, Sparfüchse

Deshalb berichten wir: Spiekeroog ist bereits als Sterneninsel mit gutem Beispiel vorangegangen und hat unter anderem die Straßenbeleuchtung verändert. Am Festland gibt es nicht nur in Friesland viele Möglichkeiten zum Sparen, die den Lebensraum von Mensch und Tier nachhaltig verbessern können.

Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de

Das viele Hell wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden von Menschen aus. Sie schlafen schlechter. Für Tiere kann es sogar zu einer tödlichen Falle werden. Mit dem Projekt „Sternenfunkeln über Friesland“ soll es darum künftig dunkler in Friesland werden, so der Wunsch der Initiatoren von Kreisverwaltung und mobiler Umweltbildung Mobilum am Montag im Kreishaus Jever: In der Zeit von 22 bis 6 Uhr werden Lampen in Außenbereichen weitestmöglich ausgeschaltet. Damit, so steht es auf der eigens dafür angelegten Projektseite www.friesland.de/Sternenfunkeln will man Vorreiter sein und eine „Vorbildfunktion für andere küstennahe Landkreise und Städte in der Region“ übernehmen. Auf Spiekeroog kann man darüber nur milde lächeln: Das Eiland ist seit August 2021 als Sterneninsel von der International Dark-Sky Association (IDA) zertifiziert.

Auf Spiekeroog ist es außergewöhnlich dunkel

Aus Sicht von Peter Südbeck, Leiter der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer, ist Spiekeroog damit ein Leitstern. Bei der Beleuchtung ist auf Spiekeroog weniger nämlich mehr. Die Inselbewohner sind voll dabei und ihre Besucher lassen sich inspirieren. „Sie nehmen es mit nach Hause.“ Die Voraussetzungen waren hier schon im Vorfeld bestens. Messungen hatten gezeigt, dass Spiekeroog der dunkelste Ort Deutschlands ist. Mittlerweile hat die Insel ihren Vorsprung ausgebaut, weitere Lichtquellen komplett abgeschaltet oder gedimmt. Sternenführer weihen Gäste in die Geheimnisse der Sterneninsel ein. Das kommt nicht nur Sternenguckern zugute. Im Wattenmeerforum 2019 haben Deutschland, die Niederlande und Dänemark ein trilaterales Netzwerk gegründet, das den Nachthimmel über der Wattenmeer-Region langfristig dunkler machen will.

Aus Sicht von Südbeck kann es im Weltnaturerbe Wattenmeer und den angrenzenden Bereichen gar nicht dunkel genug sein. „Zugvögel orientieren sich am Sternenkompass.“ Umweltpädagogin Petra Walentowitz erklärt es so: „Sterne sind die Landkarte für Zugvögel.“ Lichtverschmutzung legt ihr natürliches Navigationssystem lahm: Sie werden abgelenkt, nehmen dadurch teils kräftezehrende Umwege. Im schlimmsten Fall gehe ihnen unterwegs die Energie aus. Ihre Nahrungsquellen leiden ebenfalls: „Die Hälfte der Insekten sind nachtaktiv.“ Pflanzen und Tiere haben sich über Jahrtausende dem Tag-und-Nacht-Rhythmus angepasst, ergänzt Lang. Vieles ist schon durcheinander. Das Ökosystem gerät aus den Fugen, die Biodiversität leidet.

Valentin Lang und Petra Walentowitz wollen das Sternenfunkeln über Friesland wieder sichtbarer machen und stellten dazu am Montag ein Pilotprojekt vor. Foto: Ullrich
Valentin Lang und Petra Walentowitz wollen das Sternenfunkeln über Friesland wieder sichtbarer machen und stellten dazu am Montag ein Pilotprojekt vor. Foto: Ullrich

Nicht zuletzt ist das Ausschalten von Lampen ein gewaltiges finanzielles Einsparpotenzial: Konkret die Lichtquellen am eigenen Haus und im öffentlichen Raum, die nicht für Sicherheit sorgen. Welche das auf friesländischen Straßen sind, dazu werde auch die Polizei gehört, kündigte Landrat Sven Ambrosy (SPD) am Montag an. Institutionen wie das Schlossmuseum, die Oldenburgische Landschaft oder der Oldenburg-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) schalten aus, was ihnen überflüssig erscheint. Und das langfristig, über die von der Bundesregierung festgelegten Energiesparmaßnahmen hinaus. Jetzt sind die Friesen dran. Anders als auf Spiekeroog winkt allerdings kein schöner, touristisch attraktiver Titel. Allein das „Sternenfunkeln über Friesland“ muss als Anreiz genügen – und vielleicht eine weniger hohe Summe in der Stromkostenabrechnung.

Ähnliche Artikel