Nach etwa 25 Jahren Bio-Landwirt Karl-Heinz Kehl verlässt den Emder Wochenmarkt
Der Bio-Bauer Karl-Heinz Kehl steht in dieser Woche zum letzten Mal auf dem Emder Markt. Er gibt den Stand auf, betreibt seinen Hofladen und den Lieferservice aber weiter.
Emden - Das Angebot auf dem Emder Wochenmarkt an Obst und Gemüse schrumpft. Der Bio-Bauer Karl-Heinz Kehl vom Hof am Dollart in Wybelsum gibt seinen Stand nach etwa 25 Jahren auf. Er wird seine Waren an diesem Sonnabend zum letzten Mal dort anbieten, teilte Kehl dieser Zeitung auf Nachfrage mit. Der 63-Jährige möchte künftig etwas kürzer treten und sich auf den Hofladen seiner Familie in Wybelsum sowie auf die Lieferung von sogenannten Bio-Kisten in Emden und den Nachbargemeinden konzentrieren.
Was und warum
Darum geht es: Der Emder Wochenmarkt verliert einen weiteren Obst- und Gemüsestand.
Vor allem interessant für: alle, die gerne auf dem Wochenmarkt einkaufen und sich für Bio-Produkte interessieren
Deshalb berichten wir: In Emden hatte sich herumgesprochen, dass Karl-Heinz Kehl seinen Verkaufsstand aufgeben will. Die Redaktion suchte deshalb das Gespräch mit dem Betreiber. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
Kehl begründet seinen Entschluss vor allem mit dem hohen Zeitaufwand, den der Verkauf auf dem Wochenmarkt erfordere. Zunächst baute er seinen Stand an allen drei Markttagen auf, zuletzt kam er aber nur noch freitags und sonnabends. „Das hat so viele Betriebsstunden gefressen, dass es zeitlich einfach nicht mehr zu schaffen war“, sagt der Bio-Landwirt. Es habe „links und rechts nicht mehr gereicht“.
Nachfrage der Kunden sinkt spürbar
Hinzu komme, dass er eigentlich einen neuen Verkaufswagen oder -anhänger anschaffen müsse. Eine Investition in dieser Größenordnung halte er aber in seiner Situation für nicht mehr sinnvoll. Ein weiterer Grund für die Aufgabe des Verkaufsstandes auf dem Wochenmarkt sei die spürbar sinkende Nachfrage angesichts der allgemeinen Preissteigerungen infolge des Ukraine-Krieges. Nach dem Hoch während der Corona-Pandemie sei sie in der Zwischenzeit wieder tief nach unten gegangen.
Zufrieden ist Kehl hingegen mit dem Lieferservice seiner Bio-Kisten, die er auch im Abonnement anbietet und deshalb auch Abo-Kisten nennt. Damit bedient er nicht nur Privathaushalte, sondern auch einige Kindergärten, Schulen und kleinere Gemeinschaftsküchen. Gebrauch davon könnten auch die Kundinnen und Kunden machen, die bislang auf dem Markt bei ihm eingekauft haben. Viele seiner Stammkunden zeigten durchaus Verständnis für seinen Weggang.
Es ist der älteste Bio-Betrieb der Region
Die Waren für Bio-Kisten kommen zum Teil vom eigenen Hof. Kehl erzeugt sie aber nicht mehr selbst. Seine Ackerflächen und übrigen Ländereien hat der Bio-Landwirt vor einigen Jahren an seinen ehemaligen Mitarbeiter Rainer Baltrusch verpachtet, der die Landwirtschaft weiter betreibt, mit seinen Erzeugnissen auch den Hofladen und den Lieferservice von Kehl bestückt. „Deshalb können wir auch von hofeigenen Erzeugnissen sprechen“, so Kehl.
Der „Hof am Dollart“ in Wybelsum gilt als ältester Bio-Betrieb in der Region. Heinz Kehl, der Vater von Karl-Heinz Kehl, gründete ihn 1969 nach den Richtlinien des Anbauverbandes Demeter und war damit einer der Pioniere auf diesem Gebiet. Der Hof ist seit Mitte der 1990er Jahre auf dem Emder Wochenmarkt vertreten. Karl-Heinz Kehl hatte sich damals für den Stand entschieden, weil vielen Kundinnen und Kunden der Weg zum Hofverkauf in Wybelsum zu weit war.
Landwirt widmet sich nachhaltigen Projekten
Er gehe „auch mit einem weinenden Auge“, sagt Kehl, denn die Gespräche und Begegnungen hätten immer Spaß gemacht. Zudem sei die Kollegialität unter den Händlern groß. Das sei aber nicht immer so gewesen. Zu seiner Anfangszeit sei der Markt noch „pickepackevoll“ gewesen: „Wir mussten damals noch betteln, um dazwischenzukommen.“
Der 63-Jährige will sich weiterhin nachhaltigen Projekten widmen, die vor allem mehr Wertschätzung von Lebensmitteln zum Ziel haben und die Verschwendung von Nahrungsmitteln eindämmen solle. Sein Betrieb ist unter anderem Partner der Initiative „Foodsharing“ (Essen teilen), die regelmäßig Nahrungsmittel vor der Tonne rettet. Dabei holen Menschen aussortierte Lebensmittel ab und verteilen diese weiter.
Keine neuen Händler für Markt in Sicht
Mit Kehl verlässt der zweite Obst- und Gemüsehändler innerhalb von vier Monaten den Emder Wochenmarkt. Bereits im August hatte der Spargel- und Gemüsehof von Ludger und Maria Holtvogt aus Nikolausdorf seinen großen Stand aufgegeben. Die Inhaber begründeten ihren Entschluss damals hauptsächlich mit einem Mangel an Personal.
Die Stadt Emden als Betreiberin des Emder Wochenmarktes geht unterdessen davon aus, dass in den nächsten ein bis zwei Jahren weitere Händler insbesondere altersbedingt aufhören werden. Hinzu komme, dass Marktstände allem Anschein nach „nicht mehr ausreichende Gewinnaussichten“ versprechen, so Stadtsprecherin Theda Eilers auf Nachfrage.
Stadt sieht keine Lücken im Angebot
Nach ihren Angaben gehen die zuständigen Sachbearbeiter deshalb schon seit langem immer wieder gezielt auf Händlerinnen und Händler auf anderen Märkten zu. Sie seien aber bislang nicht bereit, ihre bisherigen Standorte zugunsten von Emden zu verlassen. Oder sie seien aufgrund von Personalmangel nicht in der Lage, einen weiteren Standort zu beschicken.
Gegenwärtig kommen laut Sprecherin 26 Händlerinnen und Händler regelmäßig auf den Wochenmarkt, aber nicht alle an allen drei Markttagen, die dienstags, freitags und sonnabends sind. Für einen Markt dieser Größe sei das Angebot an Waren „umfänglich“. Lücken in den Sortimenten gebe es nicht.
Märkte kämpfen mit Schwund an Händlern
Das gelte auch für Obst und Gemüse. Es gebe mit Tanja Romanski, die Ware aus der Region anbietet, und Henriette Freerk, die Obst und Gemüse in Bio-Qualität verkauft, noch zwei Anbieterinnen. Hinzu komme der Stand des Bioland-Hofes „Lüttje Plaats“ der gemeinnützigen Gesellschaft Agilio mit saisonalen Angeboten. Dieser Stand sei aktuell aber schon in der Winterpause.
Aktuell liegen der Stadt nach Angaben von Eilers keine Bewerbungen für den Markt vor. Neuzugänge seien deshalb nicht in Sicht. Die Stadt beobachte, „dass sämtliche Wochenmärkte mit einem Rückgang von Händlern zu kämpfen haben“. Häufig würden Stände aus Altersgründen aufgegeben werden, weil sich keine Nachfolger finden.