Hamburg  „Machtlos und verunsichert“: Ein Polizist aus Niedersachsen redet Klartext

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 26.11.2022 01:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Immer wieder werden Geldautomaten gesprengt. Ein Polizist erklärt, warum die Beamten kaum eine Chance haben, die Täter zu ergreifen. Foto: dpa
Immer wieder werden Geldautomaten gesprengt. Ein Polizist erklärt, warum die Beamten kaum eine Chance haben, die Täter zu ergreifen. Foto: dpa
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Statistisch fliegt täglich in Deutschland ein Geldautomat in die Luft. Für die Täter - häufig aus den Niederlanden - versprechen die Sprengungen leichte Beute. Die Polizei kann oft nur zusehen. Warum? Im Interview packt ein Polizist aus Niedersachsen aus. „Die Bevölkerung sollte einmal erfahren, wie hilflos wir als Polizei gegenüber den Geldautomatensprengern sind.“

Der Alarmanlage der Bank in Ganderkesee in Niedersachsen heult. Eine Zivilstreife der Polizei nähert sich mit eingeschaltetem Blaulicht und bleibt stehen. Der Fahrer des Fluchtfahrzeugs hupt. Die Komplizen kommen aus dem Bankgebäude, in dem sie gerade einen Geldautomaten gesprengt haben. Sie steigen in den Alfa Romeo, der mit quietschenden Reifen davon rast - die Polizei hinterher.

Anwohner filmten die Szene nach der Geldautomatensprengung in Ganderkesee, bei der die Täter vor den Augen der Polizei entkamen. Handelten die Beamten zu zögerlich? Und warum gelingt es den Ordnungshütern so selten, Automatensprenger zu fassen?

Ein Streifenpolizist, der selbst schon nach Automatensprengungen im Einsatz war, packt im Interview mit unserer Redaktion aus. Er sagt, die Polizei sei machtlos und den Tätern unterlegen: „Momentan haben die Täter in Niedersachsen einen Freifahrtschein.”

Lesen Sie hier das Interview im Wortlaut:

Frage: Sie arbeiten als Polizist in Niedersachsen. Näher eingrenzen wollen wir es hier nicht. Sie haben darum gebeten, dass Ihr Name nicht genannt und Sie auch nicht anderweitig identifizierbar gemacht werden. Warum?

Antwort: Es wird sehr kritisch gesehen, wenn man sich als Polizist öffentlich zu Problemen äußert. Das bringt dienstliche Nachteile mit sich. Das möchte ich verhindern. Aber ich will hier nicht nur für mich, sondern auch für viele meiner Kollegen sprechen. Wir sind der Auffassung, die Bevölkerung sollte einmal erfahren, wie hilflos wir als Polizei gegenüber den Geldautomatensprengern sind.

Frage: Umschreiben wir es vielleicht so: Sie arbeiten im Streifendienst in einer Region, in der Sie und Ihre Kollegen regelmäßig mit dem Phänomen der Automatensprengungen konfrontiert sind. Richtig?

Antwort: Stimmt. Vor wenigen Tagen erst wurde bei einer Bank in den frühen Morgenstunden Alarm ausgelöst. In dem Fall war es vermutlich nur ein Fehlalarm - oder ein Test von Tätern, um zu gucken, wie schnell die Polizei vor Ort ist. Auch so etwas gibt es. Bei zwei tatsächlichen Sprengungen war ich selbst unmittelbar als einer der ersten Polizisten vor Ort. Sie erfahren dann auf der Anfahrt per Funk, dass Anwohner eine Explosion gemeldet haben und im Zweifelsfall noch ein Auto mit laufendem Motor vor der Bank steht. Was auch häufig vorkommt: Nach Sprengungen außerhalb unseres Zuständigkeitsgebietes werden wir an Autobahnausfahrten postiert, um die Täter auf der Flucht abzufangen. Aber das funktioniert ohnehin nicht, wenn die Täter nicht selbst einen Unfall bauen.

Frage: Warum gelingt es so selten, Täter zu fassen, wenn man den Modus Operandi der Banden doch so gut kennt? Es gibt dieses Augenzeugenvideo aus Ganderkesee, bei dem die Polizei eine, gelinde gesagt, unglückliche Rolle spielt...

Antwort: Tatsächlich hätte ich selbst auf den Pkw oder den aus der Bank kommenden Täter geschossen. Rechtlich wäre das zulässig zur Fluchtverhinderung. Aber ich kann die Kollegen gut verstehen. Sie haben im Einsatz nur Sekundenbruchteile, um möglicherweise folgenschwere Entscheidungen zu treffen. Das ist alles nicht so einfach wie im Film. 

Frage: Werden solche Situationen nicht trainiert?

Antwort: Wir trainieren solche Situationen nicht und werden nicht darauf vorbereitet, obwohl es zu so vielen Sprengungen kommt. Die Polizei Niedersachsen hat kein Konzept gegen dieses Phänomen. Es wird seit Jahren hingenommen und die Kollegen mit ihren Entscheidungen und Unsicherheiten alleine gelassen. Was macht man als Polizist, wenn man die Täter noch an der Bank antrifft? Das Fluchtfahrzeug rammen? Aussteigen und schießen? Anstelle von konkreten Handlungsanweisungen habe ich sogar eher den Eindruck, wir Beamte werden da von oben noch eingeschüchtert.

Frage: Wieso das? 

Antwort: Die Automatensprenger setzen mittlerweile nicht mehr Gas, sondern Sprengstoff ein. Der liegt im Zweifelsfall noch hinten im Kofferraum des Fahrzeugs neben vollen Benzinkanistern. Die gehören meist zur Standardausstattung der Sprenger-Autos, damit sie auf der Flucht schnell nachtanken können, ohne groß nach einer Tankstelle suchen zu müssen. Vor einiger Zeit wurde einmal das Video eines polizeieigenen Experiments ins Intranet der Polizei hochgeladen: Da wurde sehr gezielt auf ein genau so beladenes Auto geschossen. Das ist natürlich spektakulär explodiert. Ein regelrechtes Schreckensszenario wurde so aufgebaut. Das bleibt im Hinterkopf, wenn Sie dann zum Einsatz rausfahren. Und dann kommt es zu solchen Bildern wie in Ganderkesee, die aber die Realität widerspiegeln: Wir, die Polizisten, sehen tatenlos zu. Wir sind machtlos und verunsichert. 

Frage: Warum gelingt es nicht, die Täter unterwegs zu stoppen?

Antwort: Die Verfolgung können wir uns eigentlich schenken. Spätestens auf der Autobahn kommen wir eh nicht mehr hinterher. Die Täter setzen meist auf hochmotorisierte Audis, die locker 250 bis 300 km/h schaffen. Unser Passat-Streifenwagen schafft vielleicht 220. Da haben wir keine Chance. Selbst Polizeihubschrauber sind schon abgehängt worden. Es gibt zwar sogenannte Stopsticks, die vor flüchtende Pkw geworfen werden können und die Reifen aufschlitzen. Aber die sind nicht in jedem Streifenwagen vorrätig. Führt die Flucht dann auch noch über eine Landesgrenze, etwa nach Nordrhein-Westfalen, wird es noch einmal schwieriger: Eine vernünftige Kommunikation mit den Kollegen ist kaum möglich, da sie auf anderen Frequenzen funken. Versuchen Sie mal das Funkgerät bei einer Hochgeschwindigkeitsverfolgung vernünftig einzustellen… 

Frage: Sie fühlen sich also den Tätern unterlegen?

Antwort: So ist es. In vielfacher Hinsicht. Die Fluchtwagen sind mittlerweile teilweise mit Blaulicht ausgerüstet. So verschaffen sich die Täter freie Fahrt Richtung Niederlande und wir kommen nicht hinterher. Zudem: Die Niederländer scannen an der Grenze alle Kennzeichen. Des Öfteren schicken sie Hinweise an die deutsche Polizei: Dieses oder jenes Kennzeichen hat gerade die Grenze passiert, es ist entweder gestohlen oder schon mal im Zusammenhang mit Automatensprengungen aufgefallen.

Frage: Was passiert nach einem solchen Hinweis?

Antwort: Auf deutscher Seite nicht mehr viel, bis es dann einige Stunden später irgendwo kracht. Es existiert in Niedersachsen die ganz klare Rechtsgrundlage im Polizeigesetz, dass Kennzeichenlesesysteme zur Verhinderung erheblicher Straftaten eingesetzt werden dürfen. Dass dies in diesem Zusammenhang, auch mit Schwerpunktkontrollen zu tatkritischen Zeiten mal passiert wäre, habe ich noch nicht erlebt.

Frage: Aus der Politik wird gefordert, Automaten nachzurüsten. Banken geloben Besserungen.

Antwort: Ganz ehrlich? Für mich sind das Worthülsen. Es ist seit Jahren bekannt, dass Deutschland das ausgewählte Ziel ist, weil die Banken ihre Automaten nicht ausreichend schützen. Offenbar ist den Banken das Geld und die Gesundheit Unbeteiligter egal. Selbst wenn nun die Automaten nachgerüstet werden: Das wird Jahre dauern, bis jeder Automat umgestellt ist. Und so lange wird das mit den Sprengungen weitergehen. Und bis dahin sollen wir weiter zuschauen? 

Frage: Welche Konsequenz ziehen Sie?

Antwort: Ich bin so weit, dass ich sage: Wenn wir alarmiert werden, lassen wir uns auf der Anfahrt ein bisschen mehr Zeit. Dann treffen wir vor Ort die Täter nicht an, sparen uns die Verfolgungsjagd und können in Ruhe den Tatort aufnehmen. Momentan haben die Täter in Niedersachsen einen Freifahrtschein. Schlimmstenfalls werden Sie im Nachhinein zufällig ermittelt, weil in einem verunfallten Pkw eine DNA-Spur gesichert wurde.

Mittlerweile hat auch die Gewerkschaft der Polizei auf dieses Interview reagiert - und legt nach: Bei Verfolgungsjagden komme die Polizei den Panzerknackern kaum hinterher, sagt GDP-Chef Jochen Kopelke. Was er konkret fordert, lesen Sie hier.

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