Krieg in Europa Die verzerrte Weltsicht des Kreml
Nach längerer Sendepause haben Kanzler Olaf Scholz und Russlands Präsident Wladimir Putin wieder miteinander telefoniert – einer Lösung im Ukraine-Krieg kommt man gleichwohl nicht näher. Und nun?
Wer gehofft hatte, mit dem Rückzug der russischen Armee aus Cherson und den Rückeroberungen besetzter Gebiete durch die Ukraine könne ein Ende des Krieges näherrücken, ist eines Besseren belehrt. Auch im Telefonat zwischen Kreml-Chef Wladimir Putin und Kanzler Olaf Scholz hat sich keinerlei Entgegenkommen Moskaus abgezeichnet. Im Gegenteil. Die „militärische Spezialoperation“ gehe selbstverständlich weiter, heißt es im Kreml.
Der dortigen Lesart zufolge sitzen die eigentlichen Aggressoren ohnehin im Westen. Deutschland und seine Verbündeten verfolgten eine „zerstörerische Linie“; die eigentliche Ursache dafür, dass sich Kiew nicht auf Verhandlungen mit Moskau einlasse, seien die militärischen und finanziellen Hilfen aus dem Ausland. Hinter den Mauern des Kreml die Luft offenbar so dünn, dass es einem die Sinne vernebelt – und alle Fakten vergessen macht. Schließlich waren es russische Truppen, die in die Ukraine einmarschiert sind.
Frühestens wenn sich 2023 herausstellen sollte, dass keine Kriegspartei wirkliche militärische Fortschritte machen kann, könnte die Bereitschaft beider Kriegsparteien zu Gesprächen wachsen. Nur wenn Deutschland und die Partner an Waffenlieferungen und Finanzhilfen für Kiew festhalten, kann die Ukraine in eine vielversprechende Verhandlungsposition kommen.
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