Osnabrück „Gräfin Mariza“ am Theater Osnabrück: Operette vom Allerfeinsten
Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ zählt zu den ganz großen Würfen der Operette. Am Theater Osnabrück wird daraus ein grandioses, glitzerndes Fest.
Draußen schneit es, Kinder betteln die Passanten an, Menschen wärmen sich am Feuer in Mülltonnen. Drinnen bringen Champagner und schwüle Erotik die Stimmung zum Siedepunkt. Wenn schließlich Baron Dragomir Populescu auf einem Podest nach oben schwebt und „Braunes Mädel von der Puszta“ ins Mikro singt, steigert sich die Extase unter wirbelnder Musik zum Exzess. Unter Fetisch-Ledermützen verschwimmen Geschlechtergrenzen im schummrigen Rotlicht. Was zählt, ist der Rausch des Moments, nicht das Morgen.
Es ist kein Zufall, dass Regisseur Matthias Oldag hier auf der Bühne des Theaters am Domhof in Osnabrück an die Weltvergessenheitsexzesse aus „Babylon Berlin“ erinnert. Die Serie spielt in der explosiven Welt der 1920er Jahre, und da siedelt Oldag auch Emmerich Kálmáns Operette „Gräfin Mariza“ an. 1924 ist sie in Wien herausgekommen, als niemand vom Gestern hören wollte und niemand an Morgen dachte. Kálmáns melancholisches Meisterwerk also als Parabel auf den Wahnsinn jener „Goldenen Zwanziger“, die heute so eine schaurige Faszination auf uns ausüben? Ja, das zeigt uns Oldag.
In erster Linie beschert er aber rauschende Operette vom Allerfeinsten. Frack und funkelnde Roben prägen die Szene, es glitzert und leuchtet allüberall - Ausstatter Darko Petrovic erfüllt alle Erwartungen, die das Genre Operette stellt. Doch diese Glitzerwelt hat den Boden unter den Füßen verloren hat: Es regnet Geldscheine vom Himmel, die das Papier nicht wert sind, auf das sie gedruckt sind, und wenn Fürst Dragomir eine Konfetti-Rakete abfeuert, schmeißen sich alle auf den Boden, als würde der Knall verdrängte Kriegstraumata antriggern.
Im langen, schweren Mantel und mit dem Koffer in der Hand betritt Graf Tassilo die Szene, als käme er direkt vom Schlachtfeld eines verlorenen Krieges. Den um sein Vermögen hat er ebenfalls verloren, er muss sein Geld als Türsteher im Nachtclub der Gräfin Mariza verdienen. Er war „einst ein reicher Czárdáskavalier“, singt er; jetzt ist er zum Schrankenwärter zwischen den Welten der Gewinner und der Verlierer geworden.
Natürlich kriegen er und die kapriziöse Mariza sich am Ende, lösen sich alle Probleme in Wohlgefallen auf. So ist die Operette: Sie muss nicht die Probleme der Welt lösen. Aber Oldag verweist sehr wohl auf den gefährlich brodelnden Morast, auf dem Kálmáns Operette entstanden ist. Doch er macht das, ohne das Stück und das Genre zu überfrachten. Die Regie wirkt wie mit leichter Hand hingeworfen, weil brillante Ideen und Pointen präzise umgesetzt sind.
Nun könnte man sagen, all das ist ja nicht so schwer angesichts eines Stücks, das einen Hit an den nächsten reiht: „Wenn es Abend wird“, „Komm mit nach Varasdin“, „Auch ich war einst ein feiner Czárdaśkavalier“ - die Liste ist lang. Tatsächlich beruft sich der musikalische Leiter Daniel Inbal in dienender Bescheidenheit auf Kálmáns tolle Musik. Damit hat er Recht, doch der Erfolg stellt sich keineswegs von alleine ein, sondern weil Inbal mit dem Osnabrücker Symphonieorchester die schwebende Leichtigkeit dieser Musik genauso entfaltet wie ihre Glut und ihre opernhafte Dramatik, der elegante Modetanz schwebt, der Walzer schwingt, der schwerblütige Czárdás wirbelt.
Dazu kommt ein brillantes Ensemble. Susann Vent-Wunderlich in der Titelrolle und James Edgar Knight als Graf Tassilo ergänzen sich mit ihren großen Stimmen perfekt und zeigen dabei viele Nuancen. Julie Sekinger als Lisa und Olga Privalova als weissagende Sängerin Manja begeistern genauso, und einen besonderen Applaus verdient sich Andreas Rainer als Baron Zsupán: Der radebrecht herrlich im ungarischen Akzent, fügt sich gekonnt in Tanz- und Spielszenen und ist dabei erst am Tag der Premiere für den erkrankten Aljoscha Lennert eingesprungen - Bravo! Mark Hamman schließlich füllt die Rolle des intriganten Fürst Dragomir Poplescu mit seiner Silbermähne perfekt. Der Chor singt wunderbar (Einstudierung: Sierd Quarré), wird organischer Teil der Choreografien und macht den alkoholbedingten Verfall der Sitten schön anschaulich.
Für die Choreografien ist Kati Farkas zuständig, und die zeigt einmal mehr in Osnabrück, wie gut sich Studierende des Instituts für Musik (IfM) ins Ensemble einfügen und setzt mit Emanuela Vurro vom Tanzensemble als Tänzerin Manja tolle Akzente. Sehr schön auch: Michal Majersky wechselt vom Stuhl des Konzertmeisters in eine seltene Bühnenrolle und übersetzt als Geiger mit langem Haar und langem Mantel Tassilos Schmerz und Glut in schmelzende Geigentöne. Ronald Funke darf schließlich in einer herrlichen Rolle als Charleys, Verzeihung: als Tassilos Tante sächselnd sämtliche Konflikte lösen und das Happy End einleiten. Ein zauberhafter Abend.