Wacken  Neues Wacken-Buch: Einführung ins „perfekte Paralleluniversum“ friedlicher WOA-Fans

Anna Krohn
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Von Anna Krohn
| 06.12.2022 10:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
So sieht es aus, das neue Wacken-Buch: 450 Seiten, auf denen es vor allem um die besondere Spezies „Metalhead“ geht. Foto: Anna Krohn
So sieht es aus, das neue Wacken-Buch: 450 Seiten, auf denen es vor allem um die besondere Spezies „Metalhead“ geht. Foto: Anna Krohn
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Die Autoren Lydia Polwin-Plass und Michael Gläser wollen mit ihrem Werk ergründen, wie Metalheads wirklich ticken, wie sie leben, was sie antreibt – und warum und inwiefern sie so extrem friedliebend sind, so schwarz und abgefahren sie auch daherkommen.

Es gibt nichts, was es nicht gibt, wenn es um das Wacken Open Air (WOA) geht. Jeder nur denkbare Werbe-Artikel existiert, von T-Shirt, Kondom und Kugelschreiber bis hin zur Christbaumkugel. Unlängst gibt es WOA-Kreuzfahrten oder Wacken-Bier, den ersten Wacken-Film „Full Metal Village“ gab es 2006 und derzeit wird eine Wacken-Serie gedreht.

Ein Wacken-Buch aber, das gab es doch noch nicht, oder? Falsch, es gibt fast zwei Hände voll, zuletzt erschien „Wacken für Beginners“ von Regine Rauin (2019), und es gibt sogar zwei Wacken-Krimis der Wewelsflether Autorin Heike Denzau. Keines aber ist den Menschen als das eine Wacken-Buch im Kopf geblieben, keines verbindet man direkt und exklusiv mit dem weltgrößten Heavy-Metal-Festival im Kreis Steinburg. Kann „Wacken – das perfekte Paralleluniversum“ mit dem interessanten Untertitel „Was die Gesellschaft von Metalheads lernen kann“ das vielleicht erreichen?

Es stammt von Lydia Polwin-Plass und Michael Gläser und ist seit einigen Wochen auf dem Markt. Die Autoren mit Doktortitel – sie promovierte in Publizistik, er ist promovierter Biologe – sind Metalheads aus Überzeugung und schon etliche Male auf dem WOA gewesen. In ihrem Sachbuch gehen sie auf 450 Seiten der Frage nach, wie Metalheads – das bedeutet übrigens schlicht „Anhänger/Fan der Musikrichtung und Subkultur Heavy Metal“ – denn eigentlich wirklich sind, wie sehr Dinge wie Toleranz, Hilfsbereitschaft, Empathie und auch Inklusion und soziale Projekte eng mit diesen Menschen verbunden und somit in der Metal-Szene verankert sind.

Sie finden es überaus wichtig, diese Dinge zu beleuchten, denn bei keiner anderen Gruppe musikliebender Menschen sei die Wahrnehmung in der Gesellschaft so extrem fern von der Realität. Polwin-Plass und Gläser analysieren deshalb das „Feindbild Heavy Metal“, basierend darauf, dass es bis vor einigen Jahren noch hieß: „Metal ist aggressiv. Die Fans sind asozial, düster, arbeitslose Looser, dem Teufel verfallen und allesamt dazu verdammt, schwerhörig zu werden.“

Wie die meist schwarz gekleideten und düster anmutenden Metalheads wirklich ticken („vorbildliches soziales Gefüge von gelebter Freiheit, unbeirrbarer Toleranz und jederzeit angebotener Hilfsbereitschaft“), wie sie leben und welche nahezu besondere Sphäre sie umgibt, ergründen die Autoren anhand von Gesprächen mit Metal-Musikern, den WOA-Veranstaltern Thomas Jensen und Holger Hübner, Einsatzkräften von Polizei, DRK oder Feuerwehr, mit Metalheads und Nicht-Metalheads.

Als Gesprächspartner tauchen auch Steinburger Persönlichkeiten auf, etwa Michael Kappus, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie und ärztlicher Direktor des Klinikums Itzehoe. Zu ihm schreiben die Autoren:

Kappus hat die Metalheads deshalb kennen und irgendwie auch lieben gelernt, wird im Kapitel „Die Friedfertigkeit der Metalheads“ mit den Worten zitiert:

Diese Art von Patienten würden in ihrer Kluft „ja immer etwas verwegen“ aussehen, „aber die Leute sind außerordentlich freundlich und friedlich“. Kappus bezeichnet sie gar als „sehr liebenswürdig und unproblematisch, egal aus welcher Nation“. Na wenn das kein Ritterschlag für die Metalheads ist.

Und Sabrina Wiese, die Leiterin des Stabsbereichs 1 der Polizeidirektion Itzehoe war und den polizeilichen Einsatz während des WOA plante (jetzt leitet sie die Regionalleitstelle in Elmshorn), sagt: „Das ist der friedlichste schwarze Block der Welt.“ Das Publikum sehe zwar „ein bisschen böse aus, dunkel gekleidet, wilde Frisuren und tätowiert“, aber:

Mehr als 75.000 Menschen aus der ganzen Welt kommen bei einem WOA für eine knappe Woche zusammen. Immer wieder hört man, dass das Mega-Festival friedlicher ist als manch kleine Landjugend-Party. Aus dem Polizeibericht zum WOA 2019 wird im Buch dann auch zitiert:

Die Autoren lassen natürlich zahlreiche Erläuterungen nicht aus, zum Metalgruß/Pommesgabel und zu Aktivitäten wie Headbanging, Circle Pit, Schlammschlachten und Bierkonsum. Campground-Rituale werden erklärt, Kultobjekte des WOA (vom Bändchen bis zum Festivalbecher) beschrieben, die WOA-Geschichte erzählt. Und natürlich werden wichtige Institutionen wie Wacken Foundation, Wacken Music Camp, das WOA-Blutspenden oder die Initiative „Lautstark gegen Krebs“ vorgestellt, die auf dem WOA entstand.

Was die Autoren hier erarbeitet haben, hat auf jeden Fall Hand und Fuß, und es steckt viel eigene, echte Metalhead-Erfahrung drin. Das Buch geht mehr in die Tiefe als manch anderes Wacken-Erklärbuch. Ob es ein ganz besonderes Wacken-Buch ist? Fest steht: Wer es gelesen hat, wird Metalheads vermutlich lieben.

Erschienen ist das Buch (ISBN 9783 949452 727) im Berliner Verlag „Hirnkost“. Es kostet 29 Euro.

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