Norderstedt  Neue Wege in der Landwirtschaft: So kreativ führt eine Bäuerin ihren Hof

Inga Gercke
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Von Inga Gercke
| 07.12.2022 11:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die 31-jährige Kathrin Rehders aus Norderstedt leitet einen landwirtschaftlichen Betrieb. Weibliche Betriebsleiterinnen sind nach wie vor unterrepräsentiert. Foto: Michael Ruff
Die 31-jährige Kathrin Rehders aus Norderstedt leitet einen landwirtschaftlichen Betrieb. Weibliche Betriebsleiterinnen sind nach wie vor unterrepräsentiert. Foto: Michael Ruff
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Die Landwirtschaft ist eine Männerdomäne? Ja, aber die Frauen sind auf dem Vormarsch. So wie Kathrin Rehders. Neben Ackerbau hat sie sich viele weitere Geschäftsmodelle aufgebaut.

Kathrin Rehders ist Landwirtin. Der Hof der 31-Jährigen liegt im schleswig-holsteinischen Norderstedt. Doch die Frage, was für eine Art Hof das ist, den sie führt, kann die junge Landwirtin gar nicht so einfach beantworten. „Das ist schwierig zu erklären“, sagt Rehders. „Ich habe halt einen Gemischtbetrieb“.

Da ist zum einen der klassische Ackerbau. Ihre Erzeugnisse vermarktet die junge Landwirtin direkt. Hinzu kommen Gemüsegärten, die Kathrin Rehders vermietet. Sie betreibt auch eine Biogasanlage, welche Speisereste in Energie umwandelt. Daneben hält sie Schafe, Pferde, Esel und Hühner. Für letztere kann man Patenschaften übernehmen. Zudem bietet sie auf ihrem Hof Bauernhofpädagogik an – inklusive Eselsspaziergängen für Kinder. Und sie ist Imkerin, „das mache ich zusammen mit meiner Schwester“.

„Ich kann nicht behaupten, dass mir irgendwann langweilig ist“, sagt die Landwirtin. Und dann wäre da noch ihr kleiner Sohn, der seit einem Jahr fast immer und überall dabei ist. Mit ihrem Ehemann führt sie eine Fernbeziehung, auch er ist Landwirt. 50 Kilometer trennt das Paar. „Das ist halt so“, sagt Kathrin Rehders.

Vor zwei Jahren übernahm die 31-Jähriger den Hof von ihren Eltern. Ihre ältere Schwester, die im Sinne der klassischen Hofnachfolge eigentlich an der Reihe gewesen wäre, wollte nicht. Dass eine Hofleitung in weiblicher Hand liegt, ist in Deutschland immer noch die Ausnahme: Landwirtschaft ist größtenteils eine Männerdomäne.

Allerdings holen die Frauen langsam auf. Laut Zahlen des Statistikamtes Nord wurden im Jahr 2020 in Schleswig-Holstein 1406 Betriebe von Frauen geführt – das sind knapp zwölf Prozent und damit zwei Prozent mehr als vor zehn Jahren. 

In Niedersachsen wurden nur rund zehn Prozent aller Betriebe 2020 von einer weiblichen Führungskraft geleitet. Im Vergleich der Altersgruppen zeigt sich jedoch, dass dieser Anteil langsam zunimmt. Bei den 35- bis unter 44-Jährigen lag der Anteil bei 12,3 Prozent. In der Altersgruppe der 55- bis 64-jährigen Personen waren es nur 8,8 Prozent der Betriebe. 

Brandenburg hat mit 18 Prozent den höchsten Frauenanteil an den Geschäftsführungen, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen und Sachsen mit jeweils 17 Prozent. Den niedrigsten Betriebsleiterinnenanteil weist Bayern mit neun Prozent aus.

Allerdings zeigen die Zahlen auch: Von den weiblich geführten Höfe arbeiteten 70 Prozent der Frauen in Teilzeit und lediglich 30 Prozent in Vollzeit. „Viele Menschen wissen gar nicht, dass die Frauen häufig die Strippen im Hintergrund ziehen. Während der Mann draußen auf dem Trecker sitzt, kümmert sich die Frau drinnen um die Rechnungen, Bestellungen und so weiter“, sagt Kathrin Rehders.

Oft seien es Familienangehörige – Frauen oder Mütter – die im Verborgenen wirkten. „Schreibtischarbeit ist aber eine total wichtige Arbeit. Nur sieht das irgendwie keiner.“

Apropos Schreibtischarbeit: Kathrin Rheders erinnert sich an eine Mitgliederversammlung der Kreisjägerschaft: „Bei solchen Treffen stellt sich oft die Frage: Wer schreibt das Protokoll? Dann gucken sich alle kurz um, aber eigentlich ist allen klar: Die Schreibarbeit übernimmt die Frau.“

Stören oder gar ärgern tut das Kathrin Rehders nicht wirklich. „Mir liegt das halt auch. Ich kann einfach gut organisieren und bin strukturiert. Deshalb funktioniert auch viel, was ich mir so vornehme.“ Wobei, und dafür sei sie sehr dankbar: Sie bekomme noch viel Unterstützung von ihren Eltern. Außerdem habe sie einen festen Mitarbeiter sowie zur Erntezeit Saisonkräfte.

Mit ihren Ideen, ihren vielen Standbeinen, wie sie sagt, will Kathrin Rehders die Landwirtschaft aber nicht revolutionieren. Abgesehen davon, dass sie selbst von ihren Projekten überzeugt sei, spiele noch eine andere Sache eine wichtige Rolle: „Wenn ich mich zukünftig nur auf beispielsweise Schweinemast konzentrieren wollte, ginge das nicht. Ich müsste einen Stall bauen, der den aktuellen EU-Richtlinien entspräche. Das sind Investitionen, die man für zehn oder mehr Jahre rechnet. Aber keiner weiß, welche Regeln nächstes Jahr kommen“, sagt sie. 

Deshalb bleibe sie bei ihren vielen kleineren Standbeinen, „die möglichst gutes Geld abwerfen.“ Ob sie für dieses Geschäftsmodell von ihren männlichen Kollegen belächelt werde, wisse sie nicht. „Ich glaube nicht. Zumindest bekomme ich davon nichts mit“, sagt sie. „Und wenn, dann wäre mir das aber egal, ich mag meine Ideen.“

Der Erfolg gibt ihr Recht. Die mietbaren Gemüsegärten seien dafür ein gutes Beispiel, so Rehders. Das Prinzip ist einfach: Es gibt einen großen Acker, der in einzelne Parzellen eingeteilt wird. Die kann man mieten. Im Frühjahr pflanzt sie Gemüse ein, damit die Mieter im Sommer ernten können. Aber mit dem Pflanzen ist es nicht getan. Die Mieter kämen nämlich rund um die Uhr – Sonntage nicht ausgeschlossen.

„Dann wird hier auch mal der Hof zugeparkt, was für Ärger sorgen kann.“ Was nämlich viele Mieter der Gemüsegärten nicht bedenken: Auf einem landwirtschaftlichen Betrieb wird oft auch am Sonntag gearbeitet. Schlimm sei das nicht – „aber man muss immer überall ein Auge drauf haben.“

Die studierte Agrarwissenschaftlerin hat schon seit ihrer Kindheit immer auf dem Hof mitgearbeitet. 2015 hat sie zudem noch ihre Ausbildung zur Bauernhofpädagogin abgeschlossen.

Mit diesen Qualifikationen gehört Kathrin Rehders zu den 42 Prozent der schleswig-holsteinischen Betriebsleiterinnen und Geschäftsführerinnen, die eine landwirtschaftliche Berufsbildung mit Abschluss haben. 58 Prozent ihrer Kolleginnen können ausschließlich praktische Erfahrung in der Landwirtschaft nachweisen.

Und was macht die Landwirtin, um mal herunterzukommen? „Ich versuche mindesten ein bis zweimal in die Woche mit meinem Pferd in den Wald zu kommen“, sagt sie. Da könne sie dann auch mal abschalten. Das Handy sei zwar mit – für den Notfall –, aber für diese Momente nehme sie sich bewusst zurück. 

Wie sehen ihre Pläne für die Zukunft aus? „Das kann ich nicht sagen. Da müsste ich mal in Brüssel nachfragen.“ Am Ende des Tages müsse sich jeder Landwirt an die EU-Richtlinien halten. „Da ist es auch egal, ob du ein Mann oder eine Frau bist“, sagt Rehders.

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