Raubzug in Emden  22-Jähriger überfiel Kiosk, Discounter und Tankstelle

| | 07.12.2022 15:44 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Vor dem Landgericht Aurich ging es am Mittwoch um drei Raubüberfälle. Foto: Archiv/Ortgies
Vor dem Landgericht Aurich ging es am Mittwoch um drei Raubüberfälle. Foto: Archiv/Ortgies
Artikel teilen:

Weil er Schulden hatte und Drogen brauchte, hat ein 22-Jähriger Ende 2021/Anfang 2022 in Emden drei Geschäfte überfallen. In einem Fall will er einen Mitwisser unter den Angestellten gehabt haben.

Aurich/Emden - Eine Serie von bewaffneten Raubüberfällen in der Emder Innenstadt hat im vergangenen Winter Aufsehen erregt: An Silvester 2021 wurde ein Kiosk überfallen, am 4. Februar dieses Jahres ein Discounter und am 11. März eine Tankstelle. Dem mutmaßlichen Täter, einem 22-jährigen Emder, wird seit Mittwoch vor dem Landgericht Aurich der Prozess gemacht. Er hat die Taten im Wesentlichen gestanden. Mit den erbeuteten 2600 Euro wollte er Schulden begleichen und seine Drogensucht finanzieren.

Bei der Aussage des Angeklagten ergab sich eine interessante Wendung: Der 22-Jährige behauptete, beim Überfall auf den Discounter habe er einen Komplizen unter den Angestellten gehabt. Der 20-jährige Auszubildende, ein Bekannter von ihm, habe mit ihm gemeinsame Sache gemacht. „Ich habe ihn gefragt, ob er was dagegen hat, wenn ich ihn überfalle.“ Der Bekannte habe verneint – unter der Bedingung, dass er einen Teil der Beute abbekommt. „Er wusste, dass ich mit einer Pistole komme“, sagte der Angeklagte.

Angestellter bestreitet Mittäterschaft

Am Abend des Überfalls wartete der 22-Jährige, bis kein Kunde mehr vor ihm an der Kasse war, präsentierte dem Kassierer eine ungeladene Schreckschusspistole und forderte die Tageseinnahmen. Er erbeutete laut Anklageschrift 2205 Euro. Einige Tage nach dem Überfall will er sich mit dem Kassierer bei einem gemeinsamen Bekannten getroffen und ihm 600 Euro gegeben haben. Außerdem habe er ihm Marihuana verkauft.

Der 20-Jährige sagte am Mittwoch als Zeuge aus. Auf Nachfrage des Gerichts, des Staatsanwaltes und der Verteidigerin stritt er hartnäckig ab, mit dem Angeklagten gemeinsame Sache gemacht zu haben. Er kenne den Mann nur vom Sehen, habe keine Drogen von ihm gekauft und auch keinen gemeinsamen Bekannten besucht. „Ich sitze hier in einer schlechten Position, weil ich nicht beweisen kann, dass es nicht so ist“, sagte der Zeuge.

Als Kunde kannte er sich aus

Der Mann betonte, dass er Opfer sei, nicht Täter. Der Überfall sei ihm auf die Psyche geschlagen. Er sei seitdem introvertiert und gucke sich die Kunden genauer an als früher. „Vorher war das nur abkassieren, abkassieren, abkassieren – Kunde weg.“ Da der Angeklagte nicht den Namen des angeblichen gemeinsamen Bekannten nannte, konnte das Gericht die Spur nicht weiter verfolgen – obwohl sich alle Beteiligten fragen, „ob da was dran sein könnte“, wie Erster Staatsanwalt Frank Lohmann sagte.

Auch das Opfer des Kiosk-Überfalls, die 42-jährige Betreiberin, sagte als Zeugin aus. Am Mittag des Silvestertags hatten der Angeklagte und ein unbekannter Komplize den Kiosk betreten und die Frau mit einer geladenen Druckgaspistole bedroht. Der Angeklagte forderte Geld, griff selbst in die Kasse und verlangte auch die Geldtaschen unter dem Verkaufstresen. Als Kunde des Kiosks kannte er sich dort aus. Trotz der Maskierung sei der Mann ihr gleich bekannt vorgekommen, sagte die Zeugin.

Angestellte wehrte sich mit Hammer

Mit 300 Euro Beute flüchteten die beiden Täter. Mehr Geld habe sie nie in der Kasse, sagte die 42-Jährige. Ihr Kiosk sei schon zum vierten Mal überfallen worden. „Anfang des Jahres war ich so weit, dass ich den Kiosk verkaufen wollte.“ Jetzt in der dunklen Jahreszeit hole sie das Geschehen wieder ein. „Ich bin nicht mehr so oft da. Ich lasse jetzt die Angestellten arbeiten.“ Sie arbeite nur noch mit geöffneter Tür und gucke sich die Kunden anders an als früher.

Da das erbeutete Geld noch nicht reichte, um die Schulden zu begleichen, überfiel der Angeklagte am 11. März eine Tankstelle. Dort traf er auf Widerstand. Die 63-jährige Angestellte schlug ihm mit einem Hammer auf die Schulter und weigerte sich, ihm Geld zu geben. Erst im Nachhinein habe er erfahren, dass das eine Frau war, sagte der Angeklagte.

„Damit willst du mich abstechen?“

Die Zeugin konnte krankheitsbedingt nicht vor Gericht aussagen. Der Vorsitzende Richter Bastian Witte verlas die Aussage, die die Frau bei der Polizei gemacht hatte. Der Täter habe sie mit einem Buttermesser bedroht und gerufen: „Ich stech dich ab, ich stech dich ab“. Sie habe nur gedacht: „Damit willst du mich abstechen?“ und zum Hammer gegriffen. Der Angreifer habe sie dann gegen den Verkaufstresen geschubst, ihr den Hammer weggenommen, sich das Zählbrett mit dem Wechselgeld gegriffen und gesagt: „Ich komme wieder“. Die Beute in diesem Fall: 100 Euro.

Der psychiatrische Gutachter Professor Dr. Wolfgang Trabert hält den Angeklagten trotz der Drogensucht und trotz niedriger Intelligenz für voll schuldfähig. Seine Steuerungsfähigkeit sei zur Tatzeit nicht eingeschränkt gewesen. Der 22-Jährige sei schon als Kind durch aggressives Verhalten aufgefallen und stationär in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt worden. Er sei süchtig nach Cannabis und Kokain und habe offen zugegeben, dass er die Drogensucht durch Klauen und Rauben finanziere. Außerdem habe er sich als Schuldeneintreiber in Emden einen Namen gemacht.

Der Psychiater empfahl die Unterbringung des Angeklagten in einer Entziehungsanstalt für zwei Jahre, denn er wolle seine Abhängigkeit überwinden. Der Mann ist zwar wegen schweren Raubes angeklagt. Nach Angaben des Gerichts kommt aber auch eine Verurteilung wegen bewaffneten Diebstahls in Betracht. Dann würde die Strafe milder ausfallen. Der Prozess wird am 21. Dezember um 9 Uhr in Saal 003 des Landgerichts fortgesetzt. Dann fällt voraussichtlich auch das Urteil.

Ähnliche Artikel