Pubertät und Politik in Emden Das beste Jugendparlament Deutschlands
Das Jugendparlament in Emden litt unter Geburtswehen und heftigen Kinderkrankheiten. Doch die Gruppe hat sich entwickelt. Nach einer schwierigen Findungsphase formuliert sie selbstbewusste Ziele.
Emden - Es gab Phasen, sagen sie, da wären sie am liebsten aufgestanden und hätten alles hingeworfen: Die Stimmung in der Gruppe war mies, der Kontakt zu den Fraktionen im Emder Rat schlecht und überhaupt hatten sie sich das mit der Politik irgendwie alles ganz anders vorgestellt. Doch im Kern hielt das erst im Sommer 2021 gegründete Emder Jugendparlament zusammen. Nach überstandener Sinnkrise und einer neuen Zusammensetzung erhebt es jetzt mehr denn je Anspruch darauf, in der Stadt mitzuregieren. Dazu gibt es ein neues Ziel: „Wir wollen das beste Jugendparlament in Deutschland sein“, sagt Jannik Vogler und grinst. Er meint es ernst.
Was und warum
Darum geht es: Das Jugendparlament in Emden und die Frage, wie sich junge Menschen für Politik und eine lebendige Demokratie motivieren lassen
Vor allem interessant für: Jugendliche in Emden, aber auch Erwachsene, die sich mehr politisches Engagement in der Gesellschaft wünschen
Deshalb berichten wir: Das Jugendparlament zog in einer öffentlichen Sitzung im Emder erfrischend selbstkritisch eine Zwischenbilanz. Nach dem bemerkenswerten Auftritt im Ratssaal hat der Autor den Vorstand um ein weitergehendes Gespräch gebeten. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Der Elftklässler des Johannes-Althusius-Gymnasiums ist Teil des Vorstands jener Gruppe, die die Interessen der 13- bis 21-Jährigen in Emden vertritt. So alt dürfen die Mitglieder des Jugendparlamentes (JuPa) bei ihrer Wahl sein. Jannik Vogler ist 16. Zusammen mit dem gleichaltrigen JuPa-Vorsitzenden Malte Kröger-Vodde und dem 18-jährigen Sprecher des Gremiums, Ihno Tammena, hat er einem Treffen mit dieser Redaktion zugestimmt.
Ganz anders als im Politik-Unterricht
Ein paar Tage zuvor hatten die drei gemeinsam mit Sanja Neemann, die im JuPa die Geldflüsse verantwortet, in aller Öffentlichkeit einen erfrischend selbstkritischen Bericht gegeben. Vor Ratsmitgliedern und Verwaltungsangestellten räumten sie im Jugendhilfeausschuss ihre Startschwierigkeiten ein. Die meisten der internen Probleme resultierten demnach aus falschen Erwartungen, organisatorischen Schwächen und vor allem: Unerfahrenheit. „Es ist nicht die Demokratie, die ich im Politik-Unterricht in der Schule kennenlerne“, sagt Malte Kröger-Vodde. Was er meint: Es hat eine Zeit gedauert, bis sie geblickt haben, dass sich Dinge oft anders bewegen lassen, als durch Redebeiträgen, Diskussionen und Abstimmungen in Ratsausschüssen.
Politik und Einfluss, so eine der zentralen Erkenntnisse für die Gruppe, funktioniert vor allem über Netzwerke und mit Hilfe der richtigen Ansprechpartner. Gemeint ist damit keine Hinterzimmer-Klüngelei. Ideen lassen sich eben auch in einer Demokratie effektiver in Netzwerken und durch direkte Gespräche umsetzen, findet Ihno Tammena. „Es motiviert mich, wie viel man bewegen kann“, stellt der Auszubildende fest.
Holprige Zusammenarbeit mit den Fraktionen
Anfangs überwog allerdings häufiger das Gefühl, zu scheitern oder im kommunalpolitischen Ausschussalltag fehl am Platz zu sein. Ihno Tammena sieht einen Grund dafür in der mangelnden „Legitimation“. Weil sich lediglich 15 Jugendliche für das JuPa in Emden hatten aufstellen lassen, waren alle auch ohne Abstimmung automatisch gewählt. Der angehende KfZ-Mechatroniker sieht darin ein Problem. Er hält deswegen eine deutlich höhere Beteiligung und damit auch Akzeptanz unter den Jugendlichen für notwendig.
Jannik Vogler erklärt seine anfänglichen Zweifel und die Verunsicherung auch mit der zunächst holprigen Zusammenarbeit mit den Ratsfraktionen. „Ich hatte richtig Bock, mich zu beteiligen“, sagt er. Er habe aber schnell gemerkt, dass er sich mit seinen Fragen in den Ausschüssen nicht richtig verstanden fühlte.
Das sind die Themen des JuPa
Mittlerweile haben sie als Gruppe gelernt, den Kontakt zu den Fraktionen auch außerhalb von Sitzungen zu suchen. Sie würden sich besser vorbereiten und die etablierten Ratsmitglieder gezielter ansprechen, sagen sie. Wie erfolgreich dieser Weg sein kann, macht Jannik Vogler am Beispiel Schulausstattung fest. Er ist überzeugt, dass das Thema auch deswegen in diesem Jahr immer wieder in Emden debattiert worden ist, weil das JuPa es in den Fraktionen platzieren konnte. Ein zweites wichtiges Thema, bei dem sie mittlerweile das Gefühl haben, etwas zu erreichen, ist das offene W-LAN. Hier seien sie mit ihren Interessen bei Emden Digital willkommen gewesen, berichten die Vorstandsmitglieder.
Am ersten Dezemberwochenende fuhren fünf Emder JuPa-Vertreter nach Hannover. Sie waren eingeladen von einer Initiative dort, die auch in der gut 530.000 Einwohner zählenden Landeshauptstadt ein Jugendparlament aufbauen will. Die Gastgeber erhoffen sich, von den Erfahrungen der Ostfriesen zu profitieren. „Wir haben den ganzen Tag in Workshops geholfen“, berichtet Malte Kröger-Vodde.
Zu viele Gymnasiasten und zu wenig Diversität
Wenn es darum geht, selbst zu lernen und sich weiterzuentwickeln, orientiere sich der Emder JuPa-Vorstand nach eigener Aussage an den kommunalen Jugendparlamenten in Leipzig, Ingolstadt und Göttingen. Zu verbessern gibt es in ihren Augen noch jede Menge. Derzeit seien viel zu wenige Schulen und Schulformen in ihrer 15-köpfigen Gruppe vertreten, sagen sie selbstkritisch. Sie seien zu viele Gymnasiasten und auch in anderen Punkten wie dem Geschlecht zu wenig divers, finden sie.