Dernau Atomangriff: Wie könnte man eine Atombombe überleben?
Atombomben haben eine enorme Zerstörungskraft. Durch den Krieg in der Ukraine scheint ein Atomschlag plötzlich wieder realistisch. Die Angst, dass eine Atommacht ihre Nuklearwaffen einsetzt, wächst. So schützen Sie sich im Ernstfall.
Ein Blitz so hell, dass er schwere Verbrennungen hervorrufen kann. Eine Druckwelle, die Menschen, Autos und Häuser durch die Luft schleudert wie Spielzeug. Eine Feuerwalze heißer als die Sonne, die Holz und Stein im Radius von Dutzenden Kilometern verdampfen lässt wie Wasser in der Bratpfanne. Stürme, die stärker sind als Hurrikans oder Tornados, knicken Bäume um wie Zahnstocher und zermahlen Wolkenkratzer zu Staub. Schwarzer Regen fällt vom Himmel und verstrahlt alles, was noch lebt. Eine Atomexplosion ist verheerend.
Und dennoch gibt es einiges, was man tun kann, um eine solche Attacke zu überleben. Heike Hollunder leitet die Dokumentationsstätte Regierungsbunker bei Dernau. Dort wäre einst die Bundesregierung im Falle eines Atomangriffes unterkommen. Zudem forscht sie zu Regierungsbunkern in ganz Europa. Die Expertin gibt Tipps, um einen Atomangriff zu überleben.
Frage: Frau Hollunder, welche Vorkehrungen würden Sie empfehlen, um sich gegen einen Atomangriff abzusichern, wenn man gerade keinen Regierungsbunker zur Hand hat?
Antwort: Hollunder: Der beste Schutz vor Atomangriffen ist Abrüstung und eine friedliche Lösung von Konflikten.
Frage: Ob Konflikte, in denen Atomwaffen eingesetzt werden, friedlich gelöst werden, haben unsere Leser wahrscheinlich nur bedingt in der Hand.
Antwort: Wenn es zu einem Atomangriff kommt, stehen die Überlebenschancen recht schlecht. Selbst wenn man den Angriff überlebt, besteht eine hohe Chance, dass man durch den Fallout, also radioaktiv verseuchten Niederschlag, krank wird. Seit 1961 hat sich in den Empfehlungen dort nicht sehr viel geändert.
Frage: Was ist 1961 passiert?
Antwort: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz hat damals eine sechsseitige Broschüre mit dem Titel „Jeder hat eine Chance” herausgegeben.
Frage: Was wird dort empfohlen?
Antwort: Erstmal in einem Schutzraum Zuflucht suchen. Das kann eine U-Bahn-Station oder ein Keller sein. Jedenfalls ein Raum mit massiven Mauern. Die können schonmal eine Menge Strahlung abhalten. Am besten funktioniert Stahl oder Beton. Fachwerk oder Holz ist nicht so ideal.
Frage: Also möglichst in die U-Bahn?
Antwort: Das ist tatsächlich ein guter Instinkt. Viele Schächte, die während des kalten Krieges gebaut wurden, haben abriegelbare Bereiche und eine Notversorgung mit Lebensmitteln. In Berlin gibt es sogar Notküchen. Gleiches gilt auch für viele Tiefgaragen.
Frage: Was ist mit klassischen Bunkern?
Antwort: Die gibt es in Deutschland kaum noch. Die wurden mittlerweile alle aufgegeben. Man muss sich also selbst etwas suchen. Wenn man nichts findet, soll man sich in einen Graben legen (lacht). Ich finde es immer schwierig darüber zu sprechen.
Frage: Warum?
Antwort: Weil diese Tipps manchmal so absurd sind. 1978 war die offizielle Empfehlung, die Aktentasche über den Kopf zu halten und nicht in den Lichtblitz zu schauen, damit man nicht erblindet. Wir haben in der Schule in Bitburg noch den Film “Duck and cover” geschaut, mit der kleinen Schildkröte. Dort wurde geraten, sich zu ducken und den Kopf mit den Händen zu beschützen. Mein damaliger Freund hat sich gemeldet und gesagt, was das alles für ein Quatsch ist und wurde erstmal ein paar Tage lang nach Hause geschickt.
Frage: Es ging wahrscheinlich auch ein bisschen um Sicherheitstheater. So ähnlich wie die Betonpoller in den Fußgängerzonen, die vor einem Terroranschlag schützen sollen.
Antwort: Das ist sicherlich so. Zudem war es den Amerikanern sehr wichtig, dass die Bevölkerung vorbereitet ist. Der dritte Weltkrieg hätte ja wahrscheinlich in Deutschland stattgefunden und man wollte nicht, dass Panik ausbricht. Die Bundesregierung hat die Evakuation in den Regierungsbunker auch regelmäßig geübt. So oft, dass sich einige Beamte von den Listen haben streichen lassen und sich damit entschieden haben, im Ernstfall in Bonn zu bleiben.
Frage: Wenn man sich auf die Aktentasche verlassen muss, stehen die Chancen wahrscheinlich nicht allzu gut. Wie lange muss man in seinem Schutzraum bleiben?
Antwort: Mindestens zwei Tage, bis das meiste radioaktive Material aus der Luft ist. Der Regierungsbunker war zum Beispiel für 30 Tage ausgelegt, weil die Amerikaner davon ausgegangen sind, dass die Kampfhandlungen dann abgeklungen sind. Man sollte das verstrahlte Gebiet dann möglichst schnell verlassen.
Frage: Wie bereitet man sich auf so eine lange Zeit vor?
Antwort: Wenn man sich vorbereiten will, sollte man genügend Nahrungsmittel, Wasser, Medikamente, Sanitätsmaterial bevorraten. Nahrungsmittel sollten am besten in einer Konservendose oder verschweißt sein, um möglichst viel Radioaktivität abzuhalten. Wenn man keinen luftdichten Bunker mit Filteranlage hat, kann man sich vor der Strahlung nicht hundertprozentig schützen. (Lesen Sie dazu: Notvorrat: Lebensmittel, die Sie auf jeden Fall zu Hause haben sollten)
Frage: Im Ernstfall ist mit Internet und Strom wahrscheinlich nicht zu rechnen. Wie kann man Kontakt mit der Außenwelt halten?
Antwort: Man sollte außerdem ein Radio bei sich haben, um eine Verbindung zur Außenwelt zu haben. Dieses sollte unbedingt kurbel- oder batteriebetrieben sein. Rundfunksignale können auch über weitere Strecken versendet werden. Es kann überlebenswichtig sein, Ratschläge von Fachleuten, Regierung und Katastrophenschutz zu empfangen.
Frage: Im Grunde also genau die gleiche Vorbereitung, wie auf ein Erdbeben oder einen Stromausfall. Lohnt es sich, in spezialisierte Ausrüstung wie Strahlenschutzanzüge zu investieren?
Antwort: Die Zivilschutzkonzepte haben das bis jetzt nie vorgesehen. Wechselkleidung ist sicherlich nicht schlecht, wenn man aus irgendeinem Grund nach draußen muss. In diesem Fall sollte man auch sein Gesicht möglichst abdecken. Etwa mit einem Schal vor dem Gesicht oder einer Corona-Maske.
Frage: Wie sieht es mit Jodtabletten aus?
Antwort: Wenn man alles in Anspruch nehmen will, sollte man sich auch dort bevorraten. Kaliumjodtabletten können verhindern, dass Strahlung in den Körper gelangt. Schaden können sie nicht und wurden bis jetzt auch immer empfohlen. Das Leben wird einem das jedoch nicht retten und eine öffentliche Bevorratung gibt es auch nicht mehr.
Frage: Keine Bunker, keine Sirenen, keine Jodtabletten. Wurde der Zivilschutz in Deutschland vernachlässigt?
Antwort: Das kann man auf jeden Fall sagen. Es geht dabei ja nicht nur um die Atomkriege. Der Regierungsbunker liegt ja im Ahrtal. Hier hat es in der Flutnacht kein Sirenengeheul gegeben und man hatte keine Möglichkeit, die Bevölkerung rechtzeitig zu warnen.
Frage: Wie sollte ich meinen Wohnort wählen, wenn ich einem Atomangriff aus dem Weg gehen möchte?
Antwort: In einem Atomkrieg wären die Städte natürlich eher im Fadenkreuz. Wenn der Atomangriff kommt, sollte man jedoch zu Hause bleiben. Die Straßen werden voll sein und werden eigentlich für Truppenbewegungen gebraucht. Ein Atomangriff dürfte jedoch kaum ohne Vorwarnung passieren. In den Wochen zuvor hat man noch genug Zeit aus seinem Ballungszentrum zu flüchten.
Frage: Wie weit sollte ich im Zweifel weg?
Antwort: Man sollte schon 30 bis 50 Kilometer vom Einschlagsort entfernt sein, wenn man eine realistische Chance haben will.
Frage: Wie würde man überhaupt von einem Atomangriff erfahren?
Antwort: Er würde sicherlich nicht komplett überraschend kommen. Die Situation würde sich Monate und Wochen vorher zuspitzen. Im Zweifel würde es einen Alarm über das Cell-Broadcast-System geben und, wenn sie noch vorhanden sind, über Sirenen. Ob die Leute dann wissen, was zu tun ist und was die Signale bedeuten, ist dann die nächste Frage.