Ärztliche Versorgung HNO-Arzt aus Friesland will keine Auricher Patienten behandeln
Die aktuelle Infektionswelle erzeugt hohen Leidensdruck, nicht nur bei den Patienten im Landkreis Aurich, sondern auch bei den Ärzten selbst. Einer von ihnen hat jetzt die Reißleine gezogen.
Landkreis Aurich - Ein brechend volles Wartezimmer, Krankmeldungen beim Personal: An einem Montag Anfang Dezember stand ein Hals-Nasen-Ohren (HNO)-Arzt im Landkreis Friesland gefühlt vor einem nervlichen Kollaps. „Die Situation eskaliert hier gerade“, sagte der Mediziner im Gespräch mit der Redaktion. Namentlich möchte er nicht in Erscheinung treten. Alleine telefonisch hätten sich sieben Patienten aus Aurich bei ihm gemeldet, einige davon seien Notfälle gewesen. Sie wollten von ihm behandelt werden, weil sie in Aurich von den dortigen Fachärzten abgewiesen worden seien. Sehr lange Zeit habe er sich immer bereit erklärt, in die Bresche zu springen.
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Doch jetzt sei ein Punkt erreicht, an dem er sage: „Ich nehme keine Patienten aus Aurich mehr an.“ Im Grunde ist die Versorgung mit HNO-Ärzten dort nämlich sehr gut. Es gibt das mit drei Fachärzten besetzte HNO-Zentrum Aurich bei den Ubbo-Emmius-Kliniken (UEK) sowie die Praxis von Holger Claaßen an der Jann-Berghaus-Straße. Offenbar haben diese Praxen ihre Sprechstunden für Patienten, die gesetzlich versichert sind, stark reduziert. Jeder kann das auf den Homepages der jeweiligen Fachärzte nachlesen. Holger Claaßen hat deshalb etwa Kassenpatienten von der Online-Terminvergabe ausgeschlossen. Wer nicht Selbstzahler oder Privatpatient ist, muss sich telefonisch einen Termin besorgen. Im HNO-Zentrum in Aurich darf ein Kassenpatient die digitale Terminvergabe zwar noch nutzen, wird jedoch gegenüber den anderen bei der Zügigkeit und der Quantität der zur Auswahl stehenden Termine deutlich benachteiligt.
Ärzte stehen unter hohem Druck
Die Zwei-Klassen-Gesellschaft bei den Patienten ist kein neues Phänomen. Vielleicht haben sich die Auswirkungen noch verschärft, weil die Zahl der Patienten durch Überalterung angestiegen ist. Die Ärzte stehen unter einem hohen Druck: Sie bekommen pro Patient einmal im Quartal einen Betrag überwiesen, der von der jeweiligen Abrechnungsziffer abhängt. Kommt der Kranke öfter, wird das nicht vergütet. Es wird von den Krankenkassen genau definiert, wie viele Abrechnungsfälle es in einem Quartal geben darf. Wird deren Zahl überschritten, hat der Arzt entweder umsonst gearbeitet oder er muss einen Ausgleich schaffen. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) prüft regelmäßig, ob die Abrechnungen der Ärzte plausibel sind. Sobald sich Widersprüche ergeben, muss der Arzt Geld zurückzahlen.
Viele Patienten und mittlerweile auch etliche Ärzte fragen sich, ob das derzeitige Gesundheitssystem krank ist, zumal ein Ende der Einschränkungen nicht in Sicht ist. So tritt am 1. Januar eine Vergütungsregelung in Kraft, die Kürzungen bei der Behandlung von neuen Patienten vorsieht. Diese sogenannte Neupatientenregelung war erst vor drei Jahren eingeführt worden. Sie sollte dazu dienen, Kassenpatienten schneller zu einem Termin beim Facharzt zu verhelfen. Der hatte nämlich jetzt die Möglichkeit, den neuen Patienten außerhalb des Budgets abzurechnen. Ab 1. Januar soll das Schnee von gestern sein. Dagegen hatte es im Herbst massive Proteste von Medizinern gegeben. In Ostfriesland hatten sich an der Aktion vor allem HNO-Ärzte beteiligt, unter anderem die beiden einzigen Ärzte dieser Fachrichtung in Emden.
Dritte Welle rollt heran
Warum hat sich die Situation im Landkreis Aurich so verschärft? Dieter Krott von der KV in Aurich macht dafür die derzeitige Ausnahmesituation bei der Zahl der Infektionen verantwortlich. Sehr viele Menschen litten an Erkrankungen der Atemwege und suchten deshalb außer einem Hausarzt auch HNO-Praxen auf. „Erst neulich habe ich einem Radio-Beitrag gehört, dass zehn Millionen Deutsche derzeit an Infekten leiden“, sagte Krott. Die erste Welle sei bereits in den Herbstferien zu beobachten gewesen, jetzt rolle die zweite oder dritte mit Macht heran. Der Leidensdruck sei deshalb bei den Patienten, aber auch in den Arztpraxen hoch. Das könne man schon alleine daran ablesen, dass sich in den vergangenen Wochen immer wieder Praxen abgemeldet hätten. Das heißt, dass sie schließen mussten, weil das medizinische Personal selbst erkrankt war. Es lasse sich schwer quantifizieren, wie viele Praxen zeitweise hätten dichtmachen müssen. Im Schnitt könne man von rund fünf Prozent ausgehen.
Grundsätzlich sei der Versorgungsgrad mit HNO-Ärzten im Landkreis Aurich und in Emden sehr gut. Mit 111,8 Prozent werde der Plan übererfüllt. Der Zulassung der HNO-Ärzte liegt ein Schlüssel zugrunde: Auf 31.585 Einwohner komme ein Mediziner dieser Fachrichtung. Dieter Krott wies im Gespräch mit dieser Zeitung auf das Terminservicegesetz hin, das Patienten ermöglichen soll, innerhalb von vier Wochen einen Facharzt-Termin zu bekommen. Es handelt sich dabei um eine bundeseinheitliche Telefonnummer (116 117), die man Tag und Nacht anrufen kann. Dafür ist ein Dringlichkeitscode aus zwölf Ziffern erforderlich, den der Hausarzt mit der ärztlichen Überweisung vergibt – falls er es für notwendig hält. Wer in einer HNO-Praxis abgewiesen werde, könne immer noch diese Nummer anrufen, rät Dieter Krott.