Offshoreausbau in der Nordsee  Made in Germany? Branche sieht Aufholbedarf an der Küste

| | 14.12.2022 16:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein sogenanntes Errichterschiff vor einem Windrad im Offshore Park Riffgat vor Borkum. Foto: Oltmanns
Ein sogenanntes Errichterschiff vor einem Windrad im Offshore Park Riffgat vor Borkum. Foto: Oltmanns
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Die Ausbauziele für die Offshore-Windenergie sind klar. Doch wer soll das alles bauen? An der Küste fehlt‘s an Werften und starken Häfen, kritisiert die Branche. In einen Hafen kommt aber Bewegung.

Küste - Angesichts des geplanten massiven Offshore-Ausbaus hat der Branchenverband BWO den Druck auf die deutschen Küstenländer erhöht. Mehr starke Häfen an der Nordseeküste und mindestens eine große Werft für den Bau von Konverterplattformen seien dringend nötig, erklärt BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm am Dienstagabend in einer Gesprächsrunde, die es nur virtuell gibt. Der Offshore-Ausbau, sagt er in dem Online-Talkformat, berge zwar Chancen, aber „die Weichen dafür müssen erst noch gestellt werden“.

Was und warum

Darum geht es: Die Offshore-Branche fordert Werften und strake Häfen an der Nordsee.

Vor allem interessant für: Küstenbewohner

Deshalb berichten wir: Der Branchenverband BWO hat zu einem Online-Talk eingeladen.

Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de

Digital zugeschaltet sind die Adressaten seiner Forderung: die Energie- oder Wirtschaftsminister aus Niedersachsen (Olaf Lies, SPD), Mecklenburg-Vorpommern (Reinhard Meyer, SPD) und Schleswig-Holstein (Tobias Goldschmidt, Grüne). Die drei Politiker betonen übereinstimmend, die Ausbauziele der Offshore-Windenergie für die Küstenländer seien eine gewaltige Herausforderung. Man sähe natürlich den Handlungsbedarf, so die Politiker, sie verweisen aber auch auf die enormen Investitionssummen. „Entweder gehen wir in die Knie oder wir überlegen uns, wie wir das hinbekommen“, sagt Reinhard Meyer aus Mecklenburg-Vorpommern. Mit Betonung auf das Hinbekommen. Olaf Lies aus Niedersachsen will den Schwung aus den LNG-Vorhaben mitnehmen: „Wir sind jetzt Überzeugungstäter beim Thema Geschwindigkeit!“

Offshore-Wind in Zahlen

Nach Angaben der Bundesregierung waren Ende 2020 insgesamt rund 1500 Offshore-Windenergieanlagen mit einer Gesamtkapazität von etwa 7.7 Gigawatt am Netz. Zusammen haben die Offshore-Windparks in Deutschland nach vorläufigen Daten der Übertragungsnetzbetreiber im Jahr 2020 rund 27 Milliarden Kilowattstunden Strom eingespeist. Das sind rund zehn Prozent mehr Strom als im Vorjahr.

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Vor diesem Hintergrund sind die Ausbauziele sportlich. Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag festgehalten, dass sie den Ausbau der erneuerbaren Energien stark forcieren will. Windenergie und hier vor allem die draußen auf See erzeugte Windkraft soll in der Energiewende eine große Rolle spielen. Die Kapazitäten für Windenergie auf See sollen auf mindestens 30 Gigawatt (GW) bis 2030, 40 GW bis 2035 und 70 GW bis 2045 gesteigert werden. Das ist etwa eine Verzehnfachung der Leistung in den nächsten 23 Jahren.

Die fehlende Werft

Die Gesprächsrunde macht gleich mehrere Mängel deutlich. Vor allem diesen: „Wir brauchen dingend eine Werft für den Bau von Konverterstationen“, so BWO-Geschäftsführer Thimm. Aktuell können sie in Deutschland nicht gebaut werden. Diese riesigen Plattformen sind sozusagen Herzstück der Offshore-Windparks. Ihre Aufgabe: Sie machen den von den Windanlagen produzierten Strom fertig für den Transport von See an Land. Konkret wandeln sie den Drehstrom in Gleichstrom um, so kann die Energie verlustärmer über längere Strecken transportiert werden. An Land wird dann zurückgewandelt.

Die Konverterstation DolWin Kappa wird aus dem spanischen Hafen Cadiz abgeholt. Foto: Tennet
Die Konverterstation DolWin Kappa wird aus dem spanischen Hafen Cadiz abgeholt. Foto: Tennet

Konverterplattformen sind riesige Gebilde, die in Wassertiefen von 27 bis 40 Meter installiert werden und dann noch 40 bis 60 Meter aus dem Wasser herausragen. So beschreibt es das Leitungsbauunternehmen Tennet, das für die eigenen Offshore-Leitungssysteme in der Nordsee solche Plattformen bauen lässt. Erst diesen Sommer brachte das größte Arbeitsschiff der Welt die neu gebaute Konverterstation DolWin Kappa im Auftrag von Tennet in die Nordsee, etwa 40 Kilometer nördlich der Insel Juist. Dort soll sie ab kommendem Jahr am Eingang zu mehreren Windparks ihre Arbeit aufnehmen. Gebaut wurde sie übrigens im spanischen Cadiz. Auf Nachfrage bei Tennet heißt es noch: Die Plattform davor, BorWin Gamma, wurde 2018 in Dubai gebaut und aktuell entsteht DolWin Epsilon in Singapur.

Die mögliche Werft

Aufträge, die man gern auch in Deutschland sähe, nahe der eigenen Windparks. Und möglicherweise tut sich da auch etwas. Für Teile des Geländes der ehemaligen MV Werften in Rostock-Warnemünde gibt es offenbar Interessenten, die dort Konverterplattformen bauen möchten. Das bestätigt Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Meyer im Online-Talk. Allerdings gibt es wohl noch Gesprächsbedarf mit dem Bund, da die deutsche Marine das ehemalige Werftengelände zur Instandhaltung ihrer Schiffe nutzen will. Konkret geht es demnach um Sicherheitsfragen.

BWO-Chef Thimm spricht sich auch für „mindestens einen, wenn nicht zwei starke Häfen für die Nordsee“ aus. Die Häfen, erklärt er auf Nachfrage, sind das Sprungbrett für die Errichtung der Offshore-Windparks in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ). Sie brächten Ausrüstung und Personal an die Standorte der Windparks. „Es erscheint uns geboten, dass wir uns bei unseren deutschen Ausbauzielen nicht nur auf die europäischen Nachbarhäfen verlassen, sondern eigene Anstrengungen unternehmen, unsere eigenen Häfen zu ertüchtigen und auszubauen“, so Thimm. In Niedersachsen sind das bisher vor allem Cuxhaven, Emden sowie Norden/Norddeich.

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