Osnabrück Frohlocken: Wenn die Freude einfach nur überschäumen will
Wer frohlockt heute noch? Das Verb ist aus der Mode gekommen. Dabei bleibt es wertvoll, weil es so viel mehr meint, als einfach nur Spaß zu haben. Eine Sprachkolumne über das Frohlocken.
Trommelwirbel, Trompetenschall und dann das „Jauchzet, frohlocket“: Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ startet mit einem Funkenflug purer Freude. Sie ist so groß, dass kaum Zeit bleibt, sie zu äußern – so sehr quillt sie über. Dabei müssten die Verben eigentlich umgestellt werden. Müsste man nicht zuerst frohlocken, um dann jauchzen zu können? Mit anderen Worten: Kommt der Gefühlsimpuls nicht vor seiner Äußerung?
Gleichviel. Im emotionalen Überschwang dürfen die Bezüge schon einmal durcheinandergehen. „Lasset das Zagen, verbannet die Klage, stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!“: So geht der Text des Weihnachtsoratoriums weiter, mit einem eindeutigen Appell.
Aber frohlockt heute noch jemand? Empfindet man nicht einfach Freude oder – um diese abgegriffene Wortmünze zur Hand zu nehmen – schlicht nur Spaß? Das Frohlocken meint entschieden mehr. Wer frohlockt, der kriegt sich, alltäglich gesagt, vor Freude nicht mehr ein.
Das vrolocken gehört als Verb in das späte Mittelhochdeutsch. So sagt es das etymologische Wörterbuch. Das Wort meint nicht nur Freude selbst, sondern auch seinen explosiven Ausdruck. Wer frohlockt, der springt vor lauter Freude. Und jauchzt am besten gleich dazu. So viel Freude – die muss schon der Himmel senden.
Dabei gehört zum Frohlocken auch ein nicht so freundlicher Beiklang. Wer frohlockt, der triumphiert auch, macht sich womöglich über den Schaden, den andere haben, lustig. Mit der reinen Freude, die sich selbst genügt und sich am liebsten aller Welt mitteilen möchte, ist es beim Frohlocken eben nicht immer getan.
Gleichviel. Wer nicht mehr weiß, wie auf rechte Weise zu frohlocken ist, der mag es wieder lernen: mit dem Dienstmann Aloisius. In „Ein Münchner im Himmel“, einem Evergreen des Zeichentricks von 1962, fährt der nach seinem Ableben in den Himmel hinauf, sitzt grantelnd mit der Harfe auf Wolke und singt verdrossen: „Luja, sag ich“. Wenn das nicht die rechte Art ist, einmal so richtig aus Herzensgrund zu frohlocken.