Intelligent einkaufen in Aurich Wer den Strichcode sucht, braucht etwas Geduld
Seit dem 1. Dezember wird im Combi XL am Pferdemarkt in Aurich ein Scan-an-Go-System angeboten. Ob und wie das funktioniert, hat Gabriele Boschbach erkundet.
Aurich - Volle Gänge und lange Schlangen an den Kassen − wer vor den Feiertagen im Supermarkt einkauft, ist mächtigem Gedränge ausgesetzt. In Zeiten explodierender Nasen und frei flottierender Viren möchte niemand unfreiwilligem Körperkontakt ausgesetzt sein. Wer auf Abstand gehen will, kann auf digitale Einkaufen setzen. Wie das funktioniert, kann man seit 1. Dezember unter anderem im Combi Xl in Aurich ausprobieren. Dort bietet der Lebensmittelkonzern Bünting mit Sitz in Nortmoor (Samtgemeinde Jümme) ein neues Verfahren an. Es nennt sich Self-Scanning und Self-Checkout. Hinter diesen Anglizismen steht das Angebot, seine Waren selbst mit einem Barcodelese-Gerät zu erfassen. Wenn der Einkauf abgeschlossen ist, darf man auch selbst zahlen − an einem Terminal mit einem Electronic-Cash-System. Das heißt, dass die Kassiererin bei diesem autonomen Akt des Einkaufens nicht mehr erforderlich ist.
Was und warum
Darum geht es: Das Scan-and-Go-System im neuen Combi erfordert eine kurze Eingewöhnungsphase.
Vor allem interessant für: Kunden, die auf autonomes Einkaufen setzen und selbst die Kontrolle über den gesamten Prozess vom Einchecken bis zum Bezahlen haben wollen.
Deshalb berichten wir: Bei der Eröffnung des neuen Combi wurde von Bünting auf das neue Verfahren aufmerksam gemacht. Wir waren neugierig, wie das in der Praxis aussieht. Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de
Doch wie funktioniert das? Ist es so einfach, dass man nicht darüber berichten müsste? Oder gibt es Tücken, die man bei oberflächlicher Betrachtung nicht erahnt? Ich will es ausprobieren. Weil ich noch ein paar Fragen an Bünting hatte, habe ich mich am vergangenen Donnerstag an den Presssprecher des Konzerns gewandt und ihm von dem Selbstversuch berichtet. „Dann müssen Sie aber 24 Stunden vorher unsere Kundenkarte, nämlich die Moin-Card, beantragen“, machte mich der Sprecher auf einen wichtigen Punkt aufmerksam. Blitzschnell rechnete ich mir aus, dass die Zeit dafür nicht ausreichen würde. Für Freitag hatte ich einen Termin mit Klaus Ortgies, dem Fotografen, fest vereinbart. Es gab keinen Spielraum und keine Alternative. Die Rettung war eine Freundin, die mir ihre Moin-Card anbot. Gesagt, getan.
Der Scanner steckt fest
Dem Kunden schwirrt bei den vielen Anglizismen rund um den Einkauf ohne Kassierer der Kopf. Sehr erdverbunden, ja geradezu beruhigend kommt die Moin-Card daher. „Anker der Region“ steht auf der Karte. Dicke Taue in hellblauer Farbe unterstreichen den regionalen Charakter. Das hat sich die Werbeabteilung von Bünting clever ausgedacht. Die Moin-Card zücke ich am Freitagvormittag für meinen Einkauf im Combi XL am Pferdemarkt. Das wichtigste Hilfsmittel: ein Scanner. Der steckt zusammen mit zwei Dutzend weiteren Lesegeräten in einer Aufladestation mit Kunststoffmulden. Ich will einen herausziehen − und stoße prompt auf Widerstand. Der Scanner steckt fest. Es ist so verriegelt, wie man das von Ladekabeln bei E-Autos während des Ladevorgangs kennt. Ich versuche es mit einem anderen Scanner. Derselbe Effekt. Wozu habe ich eigentlich die Moin-Card?, schießt es mir in den Sinn. Ich halte sie vor das Rack. Jetzt leuchtet ein Scanner neongrün auf. Ich kann ihn herausziehen. Dem Einkauf steht nichts mehr im Weg.
In der Gemüse-Abteilung wandern drei Süßkartoffeln in den mitgebrachten Beutel. Ich halte den Strichcode vor den Scanner. Keine Reaktion. Auch mit einer Veränderung des Abstands erziele ich keinen Erfolg. Klaus Ortgies hält mein ungeschicktes Hantieren im Bild fest. Als er alle Fotos im Kasten hat, sagt er leicht genervt: „Du musst mit dem Scanner auch intuitiv agieren.“ Ein Satz wie ein Faustschlag. Fehlt mir diese Form von Intuition? Klaus übernimmt die Regie. Er bringt Strichcode und Scanner so zusammen, dass die Süßkartoffeln endlich vom System erfasst werden. Außerdem drückt er auf eine schmale, hellgraue Taste, die den Laserstrahl aktiviert. Die hatte ich glatt übersehen. Auf dem kleinen Display ist zu lesen: Süßkartoffel, 626 Gramm, 2,50 Euro. Nach diesem holperigen Auftakt geht es bei den weiteren Artikeln sehr viel besser. Also stimmt doch alles mit meiner Intuition. Bewusst steuere ich das Regal mit den Bockwürsten an. Am Freitag gab es ein einmaliges Angebot, eine Sorte von einem Hersteller aus dem Sauerland. Dafür gab es einen Adventsrabatt von 30 Prozent. Kaum eingescannt weist das Display auch die Vergünstigung aus.
Rabatte sind abhängig vom Status
Die gibt es mit der Moin-Card bei zahlreichen Kooperationspartnern von Bünting. Dazu gehören auch Museen im Nordwesten, darunter das Klimahaus und das Auswandererhaus in Bremerhaven. Zehn Prozent des Eintritts werden bei Vorlage der Moin-Card erlassen. Weitere Vergünstigungen winken, und zwar abhängig vom Status. Ab 20 Einkäufen im Gesamtwert von 500 Euro pro Jahr wird der Bronze-Status erreicht. Schafft ein Kunde 40 Einkäufe im Gesamtwert von 1000 Euro, gibt es Silber, ab 60 Einkäufen im Wert von 1500 Euro wird der Gold-Status erreicht. Je nach Status kann der Karteninhaber von Angeboten, Gewinnspielen oder Sonderaktionen profitieren.
Davon bin ich noch weit entfernt. Ich habe neun Produkte im Warenkorb und will meinen Einkauf mit einem Kasten Mineralwasser abschließen. Wo finde ich bei diesem Artikel wohl den Strichcode? Ich betrachte den schweren Kasten von allen Seiten. Es ist keine Markierung zu erkennen. Wieder einmal rettet mich Klaus Ortgies. Er deutet nur kommentarlos nach oben. In rund zwei Meter Höhe ist an einer Hängeleiste über den Getränkekisten ein Strichcode samt Artikelbeschreibung angebracht. Ich recke mich nach oben und lese die Information ein: Zwölf Flaschen Vilsa à 0,7 Liter für 3,99 Euro zuzüglich 3,30 Euro Pfand. Jetzt geht es ab zur Kasse. Dort schließe ich den Einkauf ab, aktiviere einen Button. Der Preis von 30.01 Euro wird an das System übertragen. Ich lege meine EC-Karte an das Lesegerät. Wieder Fehlanzeige. „Wie schaffst du es normalerweise nur einzukaufen?“ fragt Klaus mich und verdreht die Augen. Ich schaue genau auf das Display.
Beim nächsten Mal wird es geschmeidiger
Offenbar habe ich versäumt, auf den Weiter-Button zu klicken. Nachdem ich mit der Moin-Card die Ausgangs-Schranke geöffnet habe, kann ich mit meinem Wagen das Geschäft verlassen. Eine halbe Stunde habe ich für diesen Einkauf benötigt. Am Freitagvormittag war nicht viel Betrieb. Zwei von acht regulären Kassen mit Kassiererin sind geöffnet. Nur drei, vier Kunden stehen an. „Wahrscheinlich wären wir mit einem konventionellen Einkauf schneller gewesen“, schätzt Klaus. Der hat Fotos gemacht. Das kostet Zeit. Außerdem musste ich mich mit der Technik vertraut machen. Beim nächsten Mal wird alles schon sehr viel geschmeidiger funktionieren. Davon bin ich überzeugt.
Doch wie sehen das andere Kunden? Die Anfrage der Redaktion bei Bünting, wie viele Männer und Frauen das Scan-and-Go-Verfahren bisher genutzt haben, konnte am Freitag aus betriebsinternen Gründen nicht beantwortet werden. Das galt auch für weitere Fragen zu dem System. Das Scan-and-Go-Verfahren ist nicht einzigartig. Etwas ähnlich bietet das Unternehmen Edeka mit seinen Easy-Shoppern an. Das sind intelligente, mit Scannern und Bildschirmen ausgestattete Einkaufswagen. Easy Shopper wurde nach zweijähriger Entwicklungsphase Ende 2018 als Pilotprojekt in Porta Westfalica bei Bielefeld getestet. Ein Jahr später wurde es in einigen Märten eingeführt. „Der Easy Shopper wird aktuell sehr gut angenommen, vor allem von Kunden mit größeren Einkäufen. Kunden aller Altersklassen nutzen den innovativen und modernen Einkaufswagen“, sagte eine Unternehmenssprecherin. Insbesondere unter älteren Kunden sei er sehr beliebt, da der Umpack-Stress an der Kasse vermieden werde. In den Märkten gebe es ausgebildete Service-Mitarbeitende, die Kunden beraten. Christian Brahms von den Multi-Märkten in Emden und Leer machte noch präzisere Angaben. Er sagte, dass im Schnitt 15 bis 25 Prozent seiner Kunden den Easy Shopper einsetzen. Zum Wochenende und vor Feiertagen steige der Anteil. Sein Unternehmen bewerbe den intelligenten Einkaufswagen regelmäßig in Handzetteln, im Markt direkt und über die sozialen Netzwerke. Seine Beobachtung: „Die beste Werbung sind kürzere Wartezeiten vor Feiertagen.“
Beim Einkaufstest habe ich an die Warenwelt in den 60er Jahren gedacht. Frau Dienstühler war die Tante Emma meiner Kindheit. Sie betrieb einen kleinen Lebensmittelladen im sauerländischen Meinerzhagen. Das Verkaufsgeschäft war so groß wie heute ein durchschnittliches Appartement, 35 bis 40 Quadratmeter. Frau Dienstühler holte die Waren, die der Kunde verlangte, aus den Regalen, und legte sie auf die Theke. Bezahlt wurde bar. EC-Cash gab es allenfalls in Science-Fiction- Romanen. Das Sortiment umfasste schätzungsweise rund 500 Artikel. Milch wurde aus einem Tank in mitgebrachte Flaschen gefüllt. Diese Tante-Emma-Läden gehören der Vergangenheit an. Selbstbedienung ist der etablierte Standard. Jetzt steht der Lebensmittelhandel vor einer weiteren Veränderung: Der Kunde emanzipiert sich von der Kasse. Eine Revolution steht bevor.
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