Osnabrück  Friedrich Vordemberge-Gildewart: Kunst für eine freie Gesellschaft

Stefan Lueddemann
|
Von Stefan Lueddemann
| 19.12.2022 10:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Friedrich Vordemberge-Gildewart, K 166 (das blaue bild), 1940 © Museum Wiesbaden, Archiv Vordemberge-Gildewart Foto: © Museum Wiesbaden, Archiv Vordemberge-Gildewart
Friedrich Vordemberge-Gildewart, K 166 (das blaue bild), 1940 © Museum Wiesbaden, Archiv Vordemberge-Gildewart Foto: © Museum Wiesbaden, Archiv Vordemberge-Gildewart
Artikel teilen:

Er war Avantgardist, avancierte zum Klassiker: Der Osnabrücker Friedrich Vordemberge-Gildewart hat Kunstgeschichte geschrieben. Vor 60 Jahren starb der Mann, dessen Bilder Fanale der Freiheit sind.

„Gestalten! Und nicht malen, modellieren, schwätzen oder dösen. Gestalten! Als heutiger Mensch“: Friedrich Vordemberge-Gildewart ist 25 Jahre alt, als er diese Sätze schreibt. Sein Manifest für die Gruppe K klingt 1924 wie die ganze Epoche der im Rückblick so bezeichneten Zwanziger des vorigen Jahrhunderts: rasch, rapide, ja atemlos. Vordemberge-Gildewart bietet eine Kunst der klarsten Verhältnisse an. Geometrische Grundformen, Primärfarben. What you see is what you get: Diese Kunst bietet, was der Betrachter braucht, um sie nachvollziehen zu können. Dafür bilden Vordemberges Bilder nichts ab, erzählen keine Geschichte, lösen keine Gefühle aus. Harte Kost? Nein, ehrliche Arbeit.

Was bleibt von jener Avantgarde, die vor hundert Jahren antrat, um mit ihrer Kunst das Leben selbst auf ganz neue, weil endlich geklärte Grundlagen zu stellen? Friedrich Vordemberge-Gildewart kommt als Sohn eines Tischlers mitten in der Osnabrücker Altstadt zur Welt, lernt selbst dieses Handwerk. Das klingt gediegen, jedoch nicht nach einem Leben, das den jungen Mann in die Nähe von Kunstgrößen wie Piet Mondrian oder Wassily Kandinsky führen wird. Aber der junge Mann, der seinen Familiennamen um den Namen der Straße Große Gildewart ergänzen wird, ist alert. Und er lässt sich mitreißen von einer Zeit, die das Neue will und nichts als das.

Heute, 60 Jahre nach dem Tod Vordemberge-Gildewarts am 19. Dezember 1962, reicht das allein nicht aus, um sich an diesen Künstler erinnern zu müssen. Ein guter, aber nicht einmal ausreichender Grund wäre auch die Tatsache, dass Gemälde von dem nur 223 Positionen umfassenden Gesamtwerk Vordemberges in allen großen Museumssammlungen vertreten sind, vom Pariser Centre Pompidou bis zum Gemeentemuseum in Den Haag. Nein, Vordemberge-Gildewart verdient die Erinnerung, weil er mit seiner Kunst eine Schönheit geschaffen hat, die als Symbol einer sozialen Balance doch etwas darstellt: die Matrix einer Kultur der offenen Gesellschaft.

Dafür ist Vordemberge durch alle Höhen und Tiefen seines Jahrhunderts gegangen. Er startet mit Tempo in Hannover, hat Erfolg mit Ausstellungen, vernetzt sich in Paris mit den Avantgarden seiner Zeit, muss erleben, wie die Diktatur der Nationalsozialisten ihn ausbremst, steht in Amsterdam ein Exil voller Gefahren durch, entwickelt als Designprofessor an der Hochschule für Gestaltung in Ulm das visuelle Gesicht der jungen Bundesrepublik mit. Das ist sein Lebens- und Werklauf im Schnelldurchgang. Erst mit diesem Stenogramm wird klar, wie sehr dieser Mann der Abstraktion ein Repräsentant der Wirklichkeit politische Zeitläufe ist. Als Vertreter der Konkreten Kunst ist er rubriziert. Dabei wäre Vordemberge als Exilant, ja als politischer Künstler überhaupt erst noch zu entdecken.

Das Museum Wiesbaden, das den größten Bestand an Werken des auch gern als „VG“ bezeichneten Künstlers beherbergt, plant derzeit keine Ausstellung seiner Werke. Und Vordemberges Geburtsstadt Osnabrück? Die Sievert-Stiftung baut das Geburtshaus des Künstlers gerade als Stiftungssitz aus und erhält es damit für kommende Zeiten. Die Stiftung „kunst.konkret.konstruktiv - vordemberge-gildewart hat gerade ein Symposium über „VG“ veranstaltet. Die Stadt Osnabrück feiert 2023 den 375. Jahrestag des Westfälischen Friedens und ruft dazu drei große Osnabrücker auf: den Maler Felix Nussbaum, den Romancier Erich Maria Remarque und Hans Georg Calmeyer, der Juden vor dem Holocaust rettete. Von Vordemberge-Gildewart keine Spur – wieder einmal.

Hinweis zur Transparenz: Der Verfasser ist Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung „kunst.konkret.konstruktiv – vordemberge-gildewart“ in Osnabrück.

Ähnliche Artikel