Hamburg  Ach, du lieber Himmel: Gottesdienst in Hamburger Striplokal

Dagmar Gehm
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Von Dagmar Gehm
| 19.12.2022 15:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
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Mit Sündern kennt man sich auf St. Pauli aus. Doch es gibt auch die andere Fraktion. Gottes Bodenpersonal scheut keinen Ort.

Durch Susis Show Bar flattert der Engel von St. Pauli. Unter den riesigen Flügeln trägt Nicole Lack und Leder. „Sonst ziehen die Mädels viel mehr aus“, verkündet der Barbetreiber Christian Schnell. Glaube und Kiez – ein Widerspruch?

Der Adventssonntag am Beatles-Platz/Ecke Reeperbahn und Große Freiheit wirft Fragen auf: Wieso hält ein Pfarrer im Epizentrum sündigen Treibens einen Gottesdienst ab? Warum liest der Kultwirt vom Elbschlosskeller, Daniel Schmidt, dort aus seinem Buch, in dem auch der erwähnte Kiezpastor Frank Hoffmann zu Wort kommt? Und warum ist Christiane Schüddekopf als Vorstand des Fördervereins Kinder-Hospiz Sternenbrücke e.V., am Ende hocherfreut?

„Ob Prostituierte, Tänzerinnen oder Türsteher – aus vielen Gesprächen weiß ich, dass die Menschen auf St. Pauli daran interessiert sind, über Glauben zu sprechen“, sagt Pastor Hoffmann. „Ich habe gemerkt, dass viele Menschen auf St. Pauli sich nicht in die Kirche trauen. Also halte ich den Gottesdienst im Rotlichtviertel ab.“

Seit 2016 werden in Susis Show Bar zweimal im Jahr Gottesdienste gefeiert, mit zweijähriger Corona-Unterbrechung. „Jetzt wollen wir wieder hochfahren.“ Eigentlich hat Frank Hoffmann Design studiert und in Werbeagenturen gearbeitet. „Ein Gotteserlebnis hat mich zu Christus geführt. Ich begann, mit Obdachlosen und Junkies zu arbeiten, war beim Hilfsverein Alimaus mit einem katholischen Diakon tätig, später an einer freien Kirche als Pastor.“ Inzwischen ist er auf St. Pauli nicht mehr nur geduldet, sondern wird voll akzeptiert und respektiert.

Christian Schnell war von vornherein aufgeschlossen, die Kirche in Susis Show Bar zu holen: „Vor einigen Jahren ist Frank Hoffmann an uns herangetreten. Hier Gottesdienste zu feiern, fanden wir großartig. Es gibt keinen besseren Ort als hier auf der Reeperbahn, um auch jüngere Menschen für den Glauben zu begeistern. Wir haben Respekt vor der christlichen Veranstaltung, wollen aber gleichzeitig einen Einblick geben, was in der Show so vor sich geht. Auch in einem Striplokal kann man an Gott glauben.“

Daniel Schmidt begann mit 18 Jahren, im Elbschlosskeller zu arbeiten. „Ich bin ein Mensch, der in der Vergangenheit sehr oft der Versuchung erlegen ist, habe Drogen als Genussmittel angesehen. Dem Glauben war ich nicht sehr nah. Jetzt bin ich so viel stärker und gefestigter. Der Glaube hilft mir dabei, diesen Weg beizubehalten. Ich finde, dass gerade die Reeperbahn und der Glaube sehr gut zusammenpassen. Als wegen Corona 42 Menschen starben, die ich gut kannte, hatte ich mich wieder in Alkohol gestürzt. Aber in vielen Telefonaten und Gebeten hat mich Frank aufgebaut.“

Den vierten Advent nutzten die Veranstalter als Charity-Spenden-Event für das Kinder-Hospiz Sternenbrücke. „Über 1700 Euro sind zusammengekommen“, freut sich Christiane Schüddekopf. „Das hat meine Erwartungen weit übertroffen. Nur zu 60 Prozent sind die Kosten für das Hospiz durch Kranken- und Pflegekassen gedeckt. Die übrigen 40 Prozent müssen wir über Spenden finanzieren. Damit können wir insgesamt zwölf Familien mit ihren unheilbar kranken Kindern bei uns aufnehmen.“

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