Neuansiedlung  Die Luftretter starten jetzt ab Norddeich

Rebecca Kresse
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Von Rebecca Kresse
| 19.12.2022 18:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Philip Lauffer ist der Leiter des Ambulanzflugdienstes von NHC in Norddeich. Fotos: Rebecca Kresse
Philip Lauffer ist der Leiter des Ambulanzflugdienstes von NHC in Norddeich. Fotos: Rebecca Kresse
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2024 soll auf dem Flugplatz eine neue Station von Northern Helicopter (NHC) in Betrieb gehen. Schon jetzt starten die Ambulanzflüge von Norddeich aus. Das hat für Patienten auf den Inseln Vorteile.

Norddeich - Für die Firma Northern Helicopter (NHC) aus Emden ist es ein weiterer, bedeutender Schritt in der Firmengeschichte, für Norddeich ist es ein Gewinn: Der Spezialist für Offshore-Luftrettung, Offshore-Notfallevakuierung, Ambulanzflugbetrieb und Personentransport wird mit einem Teil des Unternehmens von Emden auf den Flugplatz in Norddeich ziehen. Am Montag setzte NHC-Geschäftsführer Christian Müller-Ramcke gemeinsam mit dem Kooperationspartner Olaf Weddermann Geschäftsführer der Frisia-Luftverkehr GmbH Norddeich (Inselflieger) den ersten Spatenstich für einen neuen Hubschrauber-Hangar auf dem Flugplatz Norddeich. Ab 2024 soll die neue Station in Betrieb gehen. FLN investiert in den Bau rund 2,5 Millionen Euro und sichert durch langfristige Mietverträge mit NHC auch die Zukunft des Flugplatzes, wie Olaf Weddermann am Montag sagte.

Mit dem Hangar soll NHC dauerhaft eine Heimat in Norddeich bekommen. „Aus Sicht der Inselflieger ist das eine für den Standort wichtige Maßnahme, um den Betrieb dauerhaft am Leben zu erhalten“, sagte Olaf Weddermann. Nach Orsted sind die Rettungshubschrauber die zweite Ansiedlung dieser Art am Standort Norddeich.

Standort Norddeich bietet laut NHC großes Entwicklungspotenzial

Aus Sicht von Christian Müller-Ramcke hat die Ansiedlung in Norddeich ein „erhebliches Entwicklungspotenzial“ für die Region die Windindustrie mit Rettungsdienst zu versorgen.

Bereits heute operiert NHC vom Flugplatz Norddeich aus, allerdings mit einer temporären Container-Raumlösung. Ab 2024 wird Northern Helicopter dann die Luftrettung für die Offshore-Windindustrie in der Nordsee sowie einen Ambulanzflugbetrieb für die Ostfriesischen Inseln und das Festland über den neuen Hangar betreiben. Auch individuelle Flugaufträge sind dann ab Norddeich möglich.

Am Standort Norddeich werden Piloten, Notärzte und Notfallsanitäter die Crew der Rettungshubschrauber bilden.

Künftig Nachtflüge möglich

„Wir machen den Patiententransport von den Ostfriesischen Inseln unterhalb eines Notarzteinsatzes“, sagte Herbert Janssen, Prokurist bei NHC, im Gespräch mit unserer Zeitung. Wie ein Krankenwagen an Land transportieren die Mitarbeiter von NHC Patienten von den Inseln zu den Festland-Krankenhäusern in Ostfriesland. Borkum geht in der Regel nach Leer oder Emden. Juist, Norderney und Baltrum gehen häufig nach Norden oder nach Aurich oder nach Emden – je nach Krankheitsbild. Von Langeoog und Spiekeroog wird in der Regel nach Aurich oder nach Wittmund geflogen, so Janssen.

Bisher werden die Patienten lediglich tagsüber transportiert. Künftig darf NHC von Norddeich aus auch nachts starten.

Den Ambulanzflugbetrieb bietet NHC bereits seit dem Jahr 2008 an. Davor mussten die Rettungshubschrauber in Sanderbusch und Groningen häufig die Ostfriesischen Inseln anfliegen, um Patienten zu holen, die eigentlich nicht in einen Rettungshubschrauber gehören, erklärte Janssen. Zum Beispiel Patienten mit einem Armbruch, Beinbruch oder einem entzündeten Blinddarm. All die Dinge, die an Land mit einem Krankenwagen gefahren werden. „Die kann man von den Inseln nicht so einfach mit einem Rettungswagen runterholen“, so Janssen. Zu lange wäre ein Krankenwagen nicht verfügbar, wenn er zunächst mit Hilfe der Fähre zu den Inseln führe, dort den Patienten aufnehmen und wieder per Fähre zurück aufs Festland käme. Deshalb hat das Land Niedersachsen der Firma NHC eine Genehmigung erteilt, für genau diese Dienstleistung.

Standort Norddeich bedient westliche Nordsee

Der Standort Norddeich bietet NHC nach Ansicht von Christian Müller-Ramcke optimale Bedingungen. Einmal durch den vorhandenen Platz, aber auch durch die Kooperation mit FLN. Mit der Bewilligung des 24-Stunden-Flugbetriebs gebe es zudem eine „hervorragende Infrastruktur“. Der Standort liege aber auch taktisch sehr gut. Vor allem für die weitere Aufgabe des Unternehmens, die Offshore-Luftrettung für die Windindustrie. Seit 2011 ist NHC in diesem Bereich tätig. Dafür ist das Unternehmen bisher mit Stationen in St. Peter-Ording und in Güttin auf der Insel Rügen vertreten.

Künftig kommt die Station in Norddeich hinzu. Denn in der westlichen Nordsee werden laut Planungen der Bundesregierung bis zum Jahr 2030 weitere Offshore-Windparks entstehen. Diese sind von der bisherigen Nordsee-Station St. Peter-Ording für NHC nicht in der vorgeschriebenen Zeit von maximal einer Stunde zu erreichen. Dem neuen Standort in Norddeich kommt dann eine ganz besondere Bedeutung zu. „Norddeich ist der einzige Abflughafen, der den Bereich innerhalb von einer Stunde erreicht“, sagte Prokurist Janssen. Schon als die Pläne der Bundesregierung für den Ausbau im Jahr 2020 bekannt wurden, sei dem Emder Unternehmen klar gewesen, dass eine weitere Station für die Nordsee nötig sei. Die Luftrettung in diesem Teil der Nordsee könne nur mit einer zweiten Station in Norddeich sichergestellt werden, sagte Janssen.

Aber auch dem Ambulanz-Flugdienst kommt der neue Standort zu Gute. Für die Patienten hat der Abflug aus Norddeich einen entscheidenden Vorteil: Die Retter sind schneller auf den Inseln und damit schneller beim Patienten, als wenn sie wie bisher von Emden aus starten. „Von Emden nach Borkum dauert der Flug rund 20 Minuten, nach Norderney sind es 17 Minuten“, sagte Janssen. Von Norddeich aus seien es noch sieben bis acht Minuten.

Zurzeit sind in Norddeich pro Besatzung jeweils drei Personen stationiert – ein Pilot und zwei Notfallsanitäter. In der Offshore-Rettung zählen künftig fünf Personen zu einer Hubschrauber-Besatzung: zwei Piloten, ein Winchoperator, ein Notarzt und ein Notfallsanitäter. Alle Besatzungsmitglieder sind laut Herbert Janssen zusätzlich in Höhenrettung ausgebildet, da sie auf Windkraftanlagen unterwegs sind.

In diesem Jahr 850 Flüge im Ambulanzflugdienst

Insgesamt hat NHC zurzeit 89 Mitarbeiter. Weil der ehemalige Mitbewerber Wiking Helikopter Service GmbH im Sommer Insolvenz angemeldet und NHC einen Teil der Firma übernommen hat, werden weitere Mitarbeiter von Wiking hinzukommen.

In diesem Jahr hat der Ambulanz-Flugdienst rund 850 Flüge absolviert. Vor der Corona-Pandemie seien res rund 1000 Flüge gewesen, sagte der Leiter des NHC Ambulanzflugdienstes, Philip Lauffer.

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