Neuer Stadtteil in Aurich Hügel aus der Eiszeit kann Baugebiet nicht ausbremsen
Als vor anderthalb Jahre Pläne für ein Baugebiet in Aurich bekannt wurden, protestieren Naturschützer. Der Investor hat nun reagiert.
Aurich - Wiesen, Zäune und Bäume so weit das Auge reicht: Wer derzeit über die Middelburger Brücke auf der Leerer Landstraße nach Aurich fährt, sieht auf der linken Seite In der Diere ein sattes, grünes Panorama. Rechts schaut man auf Gewerbebetriebe und Einkaufscenter an der Raiffeisenstraße und der Jadestraße. Noch ist es Zukunftsmusik: Doch in einigen Jahren werden sich die beiden Seiten optisch aller Voraussicht nach angeglichen haben. Die Stadt will nämlich, weil es einen Investor gibt, für das 15 Hektar große Areal einen Bebauungsplan aufstellen. Dieser Plan stößt bei Naturschützern auf vehementen Protest. Sie fürchten um die beiden Pingo-Ruinen, die es dort gibt. Die kleinere liegt auf der Gemarkung Kirchdorf, die größere auf der Gemarkung Aurich. Pingo-Ruinen sind Hügel, deren Inneres aus einer Eislinse besteht. Es sind Relikte aus der Weichsel-Eiszeit, die vor 12.000 Jahren endete. Ostfriesland gehört zu den wenigen Regionen in der Welt, in denen sie vorhanden sind.
Was und warum
Darum geht es: Im Süden von Aurich soll ein neues Baugebiet entstehen.
Vor allem interessant für: Menschen, die an der Entwicklung von Aurich interessiert sind.
Deshalb berichten wir: Bei einer Recherche zum Zuschnitt von neuen Wohngebieten ist die Redaktion auf dieses Vorhaben gestoßen. Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de
Der Investor, die Real Immobilien GmbH mit Sitz in Moormerland, sagt, dass sie diese Rarität bei den Planungen berücksichtigen will. „In unserem Bereich liegt nur ein Pingo. Den haben wir lokalisiert. Er wird nicht weggebaggert, sondern bewahrt“, stellte Richard van Düllen von Real Immobilien klar. Die Bodenformation solle von der Bebauung ausgespart bleiben. Sie werde in einen Grüngürtel integriert. Der andere Pingo liege auf einem Privatgrundstück. Damit habe seine Firma nichts zu tun. Derzeit sitze er in vielen Video-Konferenzen mit den Planern und mit Mitarbeitern der Stadt. Es gehe um die Absprache weiterer Details. Er hoffe, dass im April ein erster Entwurf des Bebauungsplans ausgelegt werden könne. Dann hätten die Träger öffentlicher Belange, also Verbände, Vereine oder andere Organisationen, die Möglichkeit, ihre Einwände geltend zu machen. Die würden dann gegebenenfalls im zweiten Entwurf des Bebauungsplans berücksichtigt. Van Düllen stellt sich darauf ein, dass dann auch die Naturschutzverbände ihre Bedenken geltend machen.
Lehrer hat Pingos erforscht
Der Naturschutzbund, der Bund für Umwelt und Naturschutz sowie die Bürgerinitiative Bilanz hatten bereits im Juli 2021 in einem Schreiben an den Landkreis Aurich beantragt, den Landschaftsteil In der Diere unter Schutz zu stellen. Das sei erforderlich, um Lebensstätte, Biotope und Lebensgemeinschaften wild lebender Tiere zu erhalten, hieß es in der Begründung. Was ist daraus geworden? „Wir haben nichts wieder davon gehört“, sagte Johannes de Boer von der Bilanz am Dienstag auf Anfrage der Redaktion. Man habe seinerzeit die Expertise von Axel Heinze eingeholt. Der ehemalige Lehrer aus Esens habe Pingo-Ruinen intensiv erforscht. Außerdem sei er Autor verschiedener Publikationen über geografische und geologische Themen in Ostfriesland. Von Pingos seien in der Region zwei bis drei Dutzend bekannt. Weitere seien die Kleine Zielke in Süddunum oder das Wrokmoor im Friedeburger Ortsteil Hesel. Manche Pingos sind mit Wasser vollgelaufen. Ein Beispiel dafür ist das Frauenmeer nördlich von Timmel. Der Landkreis sagte unterdessen auf Anfrage, dass das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) für die wissenschaftliche Beurteilung von Geotypen, also auch von Pingos, zuständig sei. Es habe die Ausweisung von Pingos An der Diere abgelehnt. „Deshalb werden wir die Unterschutzstellung auch nicht weiter verfolgen“, sagte Kreis-Sprecher Rainer Müller-Gummels.
Richard van Düllen erklärte, sein Unternehmen wolle auf der Fläche eine Reihe von Mehr-, aber auch von Einzel-, Doppel- und Reihenhäusern errichten. Darunter sollen auch 18 Sozialwohnungen mit einer Preisbindung von mindestens 30 Jahren sein. Durch Wärmepumpen und Fotovoltaik würden die Bewohner des Gebiets künftig unabhängig von fossilen Brennstoffen sein. Auf dem Areal soll auch ein neues Domizil für die Feuerwehr entstehen. Das derzeitige Gebäude an der Fockenbollwerkstraße stößt schon seit vielen Jahren an seine räumlichen Grenzen. „Wenn alles nach unseren Wünschen verläuft, haben wir mit dem Projekt bis Ende 2023 Planreife erlangt, das heißt, dass wir dann mit dem Vorhaben anfangen könnten. Tatsächlich wird es aber wahrscheinlich erst im Frühjahr 2024 so weit sein, dass wir mit den Erschließungsarbeiten anfangen könnten“, schätzte der Investor. Welche Pflichten das Unternehmen bei diesem Prozess einzuhalten hat, wurde in einem sogenannten städtebaulichen Vertrag festgelegt. Dieser ist Anfang November von der Stadt und einem Vertreter von Real Immobilien unterzeichnet worden.