Blick ins alte Emden Die „Schulte“ und der unheilvolle Stapellauf
Zeitzeugen und das Ostfriesische Landesmuseum lassen ein Stück Emder Stadtgeschichte lebendig werden: das Schicksal des Frachters „Melanie Schulte“, dessen Stapellauf zum schlechten Omen wurde.
Emden - Den Moment, der zur Emder Legende wurde, erlebte Heinz Esser in der ersten Reihe: Er war ein junger Mann, gerade Anfang 20, und als Inspektor der Reederei Schulte & Bruns für die Abnahme des nagelneuen 10.000-Tonnen-Schiffs mitverantwortlich. Am Mittag des 9. September 1952, einem Dienstag, stand er in einer Helling der Nordseewerke direkt vor dem hoch aufragenden Bug der „Melanie Schulte“. Gleich sollte der Stückgutfrachter vom Stapel laufen – feierlich und traditionell. „Es war erst ein ganz normaler Vorgang“, erinnert sich der 92-Jährige in der Gegenwart. Aber was dann passierte, war nicht normal.
Was und warum
Darum geht es: Das Schicksal des untergegangenen Frachters „Melanie Schulte“ und seine Verbindung und Bedeutung für die Stadt Emden.
Vor allem interessant für: Geschichtsbegeisterte, Hafenkieker und Seefahrer.
Deshalb berichten wir: Am 70. Jahrestags des Verschwindens der „Melanie Schulte“ eröffnet das Landesmuseum eine Sonderausstellung zum Thema. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Viele – auch Heinz Esser – glauben fest daran, dass es ein schlechtes Omen war. In Emden hält sich die Überzeugung, dass der tragische Untergang, der wenige Wochen nach dem misslungenen Stapellauf alle 35 Besatzungsmitglieder im Nordatlantik das Leben kosten und die Menschen in Ostfriesland bewegen sollte, sich an diesem Dienstag auf der Werft bereits anbahnte. Denn nachdem Arbeiter der Werft die Bolzen, die das Schiff in der Helling festhielten, losgeschlagen hatten, rutschte das Schiff nicht wie geplant ins Wasser. „Es blieb nach etwa 15 bis 20 Metern stecken“, so Esser. Vom Kiel sei Rauch aufgestiegen.
Den Schaulustigen stockte der Atem
Den vielen Schaulustigen, die für den Stapellauf in den Hafen gekommen waren, stockte der Atem. Ganz in der Nähe des jungen Inspektors richteten sich auch die Augen des sechsjährigen Alwin Brinkmann gebannt auf den Stahlkoloss, der nicht zu Wasser wollte. Der spätere Emder Oberbürgermeister war mit seinem Vater, der als Schlosser an der „Melanie Schulte“ mitgearbeitet hatte, dabei. „Es gab ein großes Gemurmel“, erinnert er sich an das Raunen. Unter Seeleuten gilt ein missglückter Stapellauf wie ein Fluch. Brinkmann hat noch die Gespräche im Ohr, die auf dem Weg von der Werft hörte. „Die kriegen keine Besatzung“, habe es geheißen.
Am Ende – mit neunstündiger Verspätung und ohne Publikum – fand der Frachter der Emden-Klasse doch noch den Weg ins Wasser. Und es gelang Heinz Esser, der nicht nur Inspektor bei der Reederei war, sondern sich auch um das Personal kümmert, eine komplette Crew zu finden. Er stellte sie zusammen und hielt bis zuletzt – vermutlich als letzter überhaupt in Emden – Kontakt mit Kapitän Heinrich Rohde. In der Nacht vom 21. auf 22. Dezember 1952 verliert sich die Spur des Schiffs und aller 35 Männer – darunter viele Ostfriesen.
Ausstellung gibt Einblick ins Emden 1950er Jahre
70 Jahre später eröffnet das Ostfriesische Landesmuseum an diesem Mittwochabend eine Sonderausstellung zum Schicksal der „Melanie Schulte“. Die Kuratoren um die Direktorin Jasmin Alley rekonstruieren die tragischen Geschehnisse und geben dabei einen tiefen Einblick in die Stimmung in der Stadt zu Beginn der 1950er Jahre. „Ganz Emden hat daran Anteil genommen“, sagt Alwin Brinkmann, der selbst viel über die enge Verbindung etlicher Familien zum Hafen und zur Seefahrt erzählen kann.
Dank Zeitzeugenberichten wie seinem und der Erinnerungen Heinz Essers sollen Besucher der Ausstellung einen lebendigen Eindruck der Geschichte vermittelt bekommen. Ihre Erzählungen seien „die eigentlichen Schätzchen der Ausstellung“, sagt Alley.
Rätselhafte Ursache für den Untergang
Gezeigt werden aber auch Details der Seeamtsverhandlung im April 1953 in Hamburg. In ihr sollte geklärt werden, warum die 35 Männer bei rauer See im eiskalten Wasser ertranken. Restlos aufklären ließ sich das Unglück nie. Heinz Esser hat die Verhandlung aufmerksam verfolgt. Er war gebeten worden, den gesamten Ablauf und Wortlaut zu protokollieren. Seine Aufzeichnungen sind eine der wichtigsten Quellen für ein Theaterstück, das im Frühjahr parallel zur Ausstellung in Emden gezeigt werden soll.
Fragt man Esser nach seiner Erklärung für den Untergang der Melanie Schulte, gibt es für ihn keine zwei Meinungen. Er teilt die Theorie einer verhängnisvollen Fehlentscheidung beim Beladen des Schiffes. An eine Mine oder eine Monsterwelle als Ursache glaubt er nicht. „Ich bin überzeugt, dass das Schiff in einem Wellental auseinandergebrochen ist“, so der langjährige Reederei-Mitarbeiter.
Am 21. Dezember meldete sich der Funker an Bord das letzte Mal ab
Emden - Wenn ein Schiff verschwindet oder untergeht, dann sorgt das für viel Aufregung. Besonders dann, wenn im Nachhinein die Ursache für den Untergang nicht geklärt werden kann. Auch Jahrzehnte nach dem Untergang des Emder Frachters „Melanie Schulte“ sind die genauen Umstände, die zum Tod von 35 Besatzungsmitgliedern geführt haben, nicht entschlüsselt. Es ist nicht das einzige Schiffsunglück, das Rätsel aufgibt.
Das Schicksal der „Melanie Schulte“
Am 21. Dezember 1952 meldete sich der Funker an Bord ein letztes Mal bei Radio Norddeich ab. Zu dieser Zeit befand sich der mit gut 9000 Tonnen Erz aus dem schwedischen Kiruna beladene Stückgutfrachter etwa 90 Seemeilen (167 Kilometer) von der schottischen Hebriden-Inselgruppe entfernt. Ziel war der Golf von Mexiko. Zwei Tage zuvor hatte der Kapitän Heinrich Rhode im Seefunkgespräch mit Emden mitgeteilt, dass das Schiff bei Windstärke 6 gut in der See liege. Das Wetter sollte sich aber verschlechtern. Am 23. Dezember bat die Reederei Schulte & Bruns laut dem damaligen Mitarbeiter Heinz Esser die britische Luftwaffe um Unterstützung. Piloten meldeten bei Aufklärungsflügen einen Ölteppich unbekannten Ursprungs. Erst rund einen Monat nach der letzten Positionsmeldung tauchten Planken, Lukenstücke, eine zerbrochene Tür und ein Rettungsring mit der Aufschrift „Melanie Schulte“ auf. Der Ring kam später als einziges Überbleibsel ins Seemannsheim nach Emden, wo eine Plakette an das Schicksal der 35 verschollenen Besatzungsmitglieder erinnert.
Der Untergang der „Pamir“
Das Ende des Viermastsegelschiffs „Pamir“ im September 1957 ist eines der bekanntesten deutschen Schiffsunglücke. Es sollte am 11. August 1957 seine letzte Frachttour antreten: die Rückreise von Buenos Aires (Argentinien) hin zu seinem Heimathafen nach Hamburg. An Bord waren 3780 Tonnen Getreide, von denen ein Großteil lose auf das Frachtsegelschiff geladen worden war. Am 21. September geriet der Segler in einen Hurrikan. Der Wirbelwind erreichte das Schiff schnell, riss die Segel vom Mast und brachte das Schiff in Schräglage, sodass keine Rettungsboote mehr ins Wasser gelassen werden konnten. Die Besatzung versuchte auf drei beschädigte Rettungsboote, die sich vorher vom Schiff losgerissen hatten, zu retten. 80 von 86 Mann Besatzung ertranken.
Das Rätsel der „Estonia“
Der Untergang der in Papenburg auf der Meyer-Werft gebauten Fähre „Estonia“ am 28. September 1994 gilt als das schwerste Schiffsunglück der europäischen Nachkriegsgeschichte: 85e Menschen verloren auf der Fahrt von der estnischen Hauptstadt Tallinn zur schwedischen Hauptstadt Stockholm ihr Leben in der Ostsee, darunter auch deutsche Passagiere. Nur 137 Personen überlebten. Das Schiff sank. Bis heute ist nicht klar, wie es dazu kommen konnte. Die „Estonia“ war am 27. September 1994 am Abend in Tallinn in See gestochen. Gegen 1 Uhr drang Wasser ins Schiff ein. Hohe Wellen setzten den Bugklappen zu, sie brachen ab, wodurch in kurzer Zeit noch mehr Wasser ins Schiff lief. Die „Estonia“ sank dann sehr schnell: Um 1.29 Uhr brach der Funkkontakt mit der Besatzung ab und verschwand das Schiff vom Radar.
Unter dem Titel „Melanie Schulte – Schiff, Unglück, Mythos“ ist die Sonderausstellung ab dem 22. Dezember 2022 im Landesmuseum für Besucher geöffnet. Sie wird voraussichtlich bis zum 28. Januar 2024 gezeigt. Die Öffnungszeiten des Museums in der Brückstraße 1 in Emden sind dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr. Weitere Details und Informationen auch zur Ausstellung gibt es auf der Museums-Website unter www.landesmuseum-emden.de