Emder Boss Winter im Interview „Die finanzielle Lage bei Kickers ist angespannt“
Das Jahr für Kickers Emden war eine Achterbahn der Gefühle. BSV-Boss Dr. Jörg Winter äußert sich darüber, wie der Regionalligist die Krise meistern möchte und wie es bei der Kaderanpassung aussieht.
Nach dem überraschenden Aufstieg folgte eine desaströse Hinrunde, der Klassenerhalt ist kaum mehr möglich. Wie ist Ihre Gefühlslage?
Dr. Winter: Mit ein bisschen Abstand muss man sagen, wir erleben das, was den Fußball ausmacht, nämlich die außergewöhnlichen Emotionen, die der Sport mit sich bringt. Im Frühjahr dieses Jahres hatte uns niemand den Aufstieg zugetraut. Da gab es eine Euphorie in Emden, da habe ich heute noch Gänsehaut. Am Delft wurden über das Pfingstwochenende die Kickers-Fahnen gehisst. Jetzt hat es in den Regionalliga-Monaten bisher leider nicht geklappt, das ist sehr blöd, wir sind enttäuscht und traurig.
Welche Vorwürfe machen Sie sich? Was hätte man anders machen müssen?
Dr. Winter: Ehrlich gesagt, eigentlich gar nichts. Wir haben den Rahmen vorgegeben, den wir von Kickers geben können. Wir haben einen Profitrainer, der die Spieler weiterentwickeln muss. Dass wir neue Spieler nicht so schnell nach Emden kriegen oder weiterentwickelt bekommen, da kann Stefan Emmerling auch nichts dafür. Viele sagen, Ihr hättet gar nicht erst aufsteigen dürfen, das war der Fehler. Das geht aber nicht: Wir spielen hier Leistungsfußball, und wenn wir die Möglichkeit haben aufzusteigen, dann versuchen wir das. Wenn es dann nicht klappt und wir haben alles getan, was sportlich und finanziell möglich war, dann ist es so.
Planen Sie jetzt schon für die Oberliga oder wie ist Ihre Herangehensweise?
Dr. Winter: Man muss keine Atomphysik studiert haben, um zu sehen, dass der Klassenerhalt sehr weit weg ist. Die Herangehensweise ist aber genauso wie das Annehmen des Aufstiegs. Wir sind zwei Spiele über der Halbzeit. Jetzt muss man kämpfen, auf dem Platz und um den Platz. Wir können jetzt nicht zehn Drittliga-Spieler holen, um auf Biegen und Brechen die Liga zu halten. Trotzdem muss alles im Rahmen der Möglichkeiten versucht werden, die Liga zu halten. Weil wir auch nicht wissen, was in dieser Liga passiert. Kriegen wirklich alle Vereine eine erneute Lizenz und machen auch weiter? Wir planen mit voller Wucht, die Regionalliga zu halten. Parallel haben wir natürlich einen Plan B.
Sie führen gerade Gespräche mit der Mannschaft. Wie ist der aktuelle Stand hinsichtlich der Personalplanungen?
Dr. Winter: Wir müssen die Mannschaft verkleinern. In der Spitze hatten wir einen Kader mit 29 Spielern, wir möchten auf eine Stärke von rund 21 kommen. Sieben bis acht Spieler werden uns verlassen, die Gespräche laufen noch. Holger Wulff und Ayo Adeniran sind bekanntlich schon weg. Wir befinden uns aber auch in Verhandlungen mit zwei neuen Spielern. Da wir mit zwei Plänen fahren, muss auch die Mannschaft ausgewählt werden. Was ist der Kern des Teams? Wer ist in der Lage, mit Ergänzungen in der Regionalliga zu bestehen? Und wer kann uns auch in der Oberliga helfen, das ist die Idee. Die Mannschaft darf ja auch bei einem Abstieg nicht auseinanderbrechen.
Nach dem sportlich schlechten Halbjahr: Wie ist die finanzielle Situation bei Kickers Emden?
Dr. Winter: Die Lage ist angespannt. Es fehlt durch fehlende Zuschauereinnahmen eine Summe um die 50.000 Euro. Wir haben mit 800 Zuschauern vor der Saison kalkuliert, jetzt liegen wir knapp über 600. Dazu kommen noch fehlende Catering-Einnahmen. Der Kickers-Fan muss sich aber keine Sorgen machen, da wir von vorneherein vorsichtig gearbeitet haben. Wir stehen nicht vor der Insolvenz. Das werden wir hinkriegen, das ist unsere Aufgabe vom Vorstand.
Wie wollen Sie den Verlust auffangen?
Dr. Winter: In dem wir neue Sponsoren gewinnen, neue Spenden einnehmen, und auf der Ausgabenseite den Kader verkleinern, da werden wir nicht drumherum kommen. Er muss qualitativ besser und kleiner werden. Die Spieler wissen, dass wir knapp auf Kante genäht haben.
Aus Spielerkreisen ist zu hören, dass teilweise noch Gehälter und Prämien ausstehen. Wie ist da Stand der Dinge?
Dr. Winter: Gehälter können immer mal ausstehen, weil zum Beispiel Sponsoren auch noch rückständig sind. Daher sind wir auch regelmäßig im engen Austausch mit dem Mannschaftsrat. Sponsoren haben ja auch ihre Gründe, warum eine Zahlung erst verspätet geleistet werden kann. Es kann auch leider immer mal zu Verschiebungen bei den Gehaltszahlungen kommen. Aber wir haben eine große Vertrauensbasis und setzen auf Verständnis, einige Spieler sind ja schon seit Jahren bei uns. Unter meiner Führung hat Kickers Emden immer alle seine Verbindlichkeiten bezahlt.
Bei einem solchen Punktestand wird bei anderen Vereinen über die Trainerposition diskutiert. Wie stehen Sie zu Stefan Emmerling?
Dr. Winter: Der Reflex ist immer da, bei sportlichem Misserfolg den Trainer zu wechseln. Aber man muss sich ja auch überlegen, was das für uns bedeuten würde. Würde die Mannschaft mit einem anderen Trainer mehr Punkte holen? Wir verfolgen mit Stefan Emmerling ein Gesamtkonzept. Zusammen mit Albert Ammermann war ich 2019 in Bochum und habe lange mit Stefan Emmerling gesprochen. Es geht uns darum, eine sportlich breite Basis aufzubauen. Aufgrund von Corona konnten wir viele Punkte noch gar nicht umsetzen. Wir brauchten einen Profi, der weiß, wie es geht. Das ist eine langfristige Geschichte. Wir müssen uns davon lösen, ihn am Punktekonto festzumachen, sondern was leistet er im und am Verein.
Stefan Emmerling hat noch einen Vertrag für die kommende Saison. Würde Sie mit ihm auch einen Neustart in der Oberliga machen?
Dr. Winter: Ja, natürlich, ich wiederhole mich da, es geht ums Gesamtkonzept. Es ist sicher leichter, unser Konzept umzusetzen, wenn wir in der Regionalliga sind.
Ein Thema schwebt ja immer noch im Raum. Daniel Franziskus hat in der letzten Woche im Interview mit einer anderen Zeitung erklärt, dass er nach wie vor Sportdirektor bei Kickers Emden sei, einen Vertrag bis zum 30. Mai 2024 habe, Gehalt beziehe und sich regelmäßig mit dem Vorstand austausche. Wie ist da Stand der Dinge?
Dr. Winter: Es gibt keinen Sportdirektor, wir haben diese Position auch nicht. Ich weiß auch nicht, warum er immer wieder – trotz einer Verschwiegenheitsklausel, gegen die er immer wieder verstößt – aus seinen Verträgen zitiert. Wir tun es nicht. Auf das Niveau möchte ich mich nicht begeben. Ich verstehe auch nicht, was Daniel Franziskus damit erreichen möchte, ohne dass er alle gegen sich aufbringt. Wenn wir sagen, der Vertrag ruht, dann ruht er, und zwar auf allen Fronten.
Das heißt, es werden auch keine Gehälter bezahlt?
Dr. Winter: Er ruht auf allen Fronten.
Nach den öffentlichen Äußerungen: Ist da eine Zusammenarbeit mit Daniel Franziskus in der Zukunft noch denkbar?
Dr. Winter: Im Moment sehe ich hier für ihn keine Zukunft. Das Thema nervt und bringt Unruhe.
Würden Sie rückblickend sagen, bei dem Thema haben wir auch Fehler gemacht?
Dr. Winter: Mit Sicherheit, da hätten wir uns anders mit ihm auseinandersetzen müssen, definitiv. Wir möchten das Thema jetzt beenden, solche Schauplätze können wir nicht gebrauchen.
Ein schweres Halbjahr steht vor Kickers Emden. Über welche kurzen Schlagzeilen würden Sie sich am Ende der Saison freuen?
Dr. Winter: (überlegt sehr lange) Nicht aufgegeben, weitergemacht und belohnt worden. Belohnt worden würde auch heißen, wenn durch starke Auftritte in den letzten Spielen 1000 Zuschauer kommen. Schön wäre natürlich, wenn wir die Klasse – wie auch immer – halten würden.
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