Fischwirte der Nordsee  Die Krabbenfischer von morgen

| | 28.12.2022 19:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eike Groenewold (19, links) und Marvin Oltmanns (20) auf dem Kutter GRE 19 am Greetsieler Hafen. Foto: Böning
Eike Groenewold (19, links) und Marvin Oltmanns (20) auf dem Kutter GRE 19 am Greetsieler Hafen. Foto: Böning
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Die Greetsieler Nachwuchsfischer Marvin Oltmanns und Eike Groenewold geben einen Einblick in ihren Arbeitsalltag. Viele wie sie gibt es nicht mehr.

Es sind besondere Momente, wenn Marvin Oltmanns morgens am Heck des Krabbenkutters steht: in der Hand einen dampfenden Kaffee und vor sich den Sonnenaufgang. „So etwas sieht man nur auf See. Manchmal scheint der Himmel zu brennen“, sagt der Auszubildende zum Fischwirt im dritten Lehrjahr. „Auch die Ruhe an Bord oder außergewöhnliche Fänge sind für mich etwas Besonderes an meinem Job.“

Die Serie „Leven van de See“

Die Nordsee. Mal malerisch ruhig, mal wild und stürmisch. Sehnsuchtsort und Arbeitsort in einem. Es gibt Menschen, die all ihre Facetten kennen, weil sie täglich mit ihr zu tun haben. Das Leben von und mit dem Meer prägt die ostfriesische Halbinsel sogar bis ins Landesinnere hinein. Es ist Nahrungsquelle, liefert Werkstoffe und Zutaten, ist Wasserstraße und manchmal auch Energiespender. In dieser Serie geht es darum, wie sich der Mensch an das Leben am und mit dem Meer angepasst hat. Unter dem Motto „Leven van de See“ berichten Ostfriesen von ihrer Verbindung zur Nordsee. Sie sprechen über ihre Erfahrungen, ihren persönlichen Blickwinkel und ihre Wünsche für die Zukunft.

Die nächste Folge: Am nächsten Donnerstag erzählen junge, selbstständige Fischer, was die Krabbenfischerei braucht, um sich für die Zukunft aufzustellen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de oder 04941/6077-

Wie dieser eine Tag, an dem auf der GRE 19 „Flamingo“ in der Nähe von Cuxhaven ein Stör ins Netz ging. Diese Wanderer zwischen Salz- und Süßwasser galten in der Nordsee als ausgestorben, immer wieder laufen Besatzmaßnahmen. Das Exemplar durfte deshalb weiterleben. So etwas gehört für den 20-jährigen Greetsieler zu den schönen Seiten des Lebens als Nordseefischer – ein Beruf so wechselhaft wie das Wetter auf See.

Die Krabben geben den Takt an

So ganz ungefährlich sei es aber nicht immer. „Es kann schon brenzlige Situationen geben“, sagt Oltmanns, „wenn zum Beispiel das Fanggeschirr beim Fischen an einem Hindernis hängenbleibt und das Schiff in Schieflage gerät.“ Auch die flexiblen Arbeitszeiten erfordern Durchhaltevermögen. „Gefischt wird dann, wenn Krabben da sind. Auch nachts“, sagt er. Viel Schlaf am Stück bekommt der 20-Jährige an Bord nicht.

„Körperlich anstrengend ist der Beruf dank der Kochstraße für die Krabben und den automatischen Sieben für den Fang eigentlich nicht mehr“, sagt der angehende Küstenfischer. Das war früher anders. Trotzdem sei man immer auf den Beinen, das schlaucht. Sonntags geht es los aufs Meer oder in die Elbmündung. Mittwochs ist Halbzeit, dann wird Ladung gelöscht. Erst Freitagmittag geht es fürs Wochenende nach Hause.

Drei Männer und ein Krabbenkutter

Und in den Pausen auf See? „Dann wird gemeinsam Kaffee getrunken oder gegessen, Schlaf nachgeholt oder einfach entspannt“, sagt Oltmanns. „Meist kocht der Chef für uns.“ Wenn der Azubi mit an Bord ist, fahren sie zu dritt auf der „Flamingo“: sein Chef Jann-Tjado Gosselaar, ein Decksmann und Oltmanns. Drei Männer auf einem etwas mehr als 18 Meter langen Schiff und in einer kleinen Kajüte – geht das gut? „Dafür muss man sich schon gut verstehen“, sagt Oltmanns und grinst. „Das passt schon.“ Wenn das Wetter mal keine Wunder parat hält, dann ist das Handy in der Freizeit das Tor zur Welt: „Das Handy ist dann eigentlich immer dabei und meistens haben wir auch Empfang.“

Als Azubi hat er schon auf vielen Kuttern gefischt. Nicht nur von Greetsiel aus. Decksmänner sind rar. Fällt jemand aus, springen die Azubis ein. „Dadurch bin ich ganz schön herumgekommen“, sagt Oltmanns. Aber die Krabbenfangsaison ist für dieses Jahr vorbei. Inzwischen ist die „Flamingo“ in den Greetsieler Hafen zurückgekehrt – die Fischer haben Winterpause. Im neuen Jahr wird der Kutter auf der Werft fit gemacht für die nächste Saison. Marvin Oltmanns geht dann das letzte Mal zur Berufsschule. „Blockunterricht“, sagt er. Dieses Mal sind es zehn Wochen am Stück für die Prüfungsvorbereitung. Als Gesellenstück stellt Oltmanns ein Krabbennetz her. Bei der mündlichen Prüfung muss er beweisen, dass er auch ohne moderne Geräte auf dem Meer navigieren kann. „Die Ausbildung ist sehr vielseitig“, sagt Oltmanns. Auch Maschinenkunde haben die Fischwirte: „Wir müssen uns schließlich zu helfen wissen, wenn es einmal ein Problem am Motor gibt.“

Die Küste trifft sich in der Berufsschule

Alle Azubis zum Fischwirt an der deutschen Nord- und Ostsee treffen sich an der Landesberufsschule in Rendsburg. Für die wenigen Fischwirte, die in Niedersachsen noch ausgebildet werden, lohnte sich keine eigene Berufsschule mehr. Nach Rendsburg kommen die angehenden Fischer aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg. „Wir wohnen dann im Internat“, sagt Oltmanns – nach den ruhigen Monaten auf See ein echtes Kontrastprogramm.

Eike Groenewold hat sich auch auf der GRE 19 eingefunden, er hat das alles gerade hinter sich und der 19-Jährige will weiter als Fischer zur See fahren. „Das war für mich schon früh klar“, sagt Groenewold. Im Gegensatz zu Marvin Oltmanns kommt er zwar nicht aus einer Fischerfamilie mit einer langen Tradition, sein Vater Rolf ist dafür ein begeisterter Quereinsteiger. „Ich wollte unbedingt Fischer werden“, sagt Groenewold. Aber als zwischendurch die Spritpreise in die Höhe schossen und die Kosten explodierten, seien ihm manchmal Zweifel gekommen. Wie geht es mit der Fischerei in Greetsiel weiter? „Ich würde schon gerne irgendwann einen eigenen Kutter haben. Die Frage ist nur, ob man sich das überhaupt noch leisten kann“, sagt Oltmanns. Groenewold nickt, wünschen würden sie es sich beide. Das Wichtigste sei aber, dass der Beruf nicht ausstirbt. Die beiden wollen dafür ihren Anteil leisten, damit der Beruf des Küstenfischers nicht irgendwann ausstirbt wie der Stör in der Nordsee.

„Früher waren wir noch 30 Fischwirte in einem Jahrgang“

Ausbildung Die Zahl der Auszubildenden zum Fischwirt ist stark zurückgegangen, vor allem in der Küstenfischerei

Greetsiel/Oldenburg - „Früher waren wir noch 30 Fischwirte in der Küstenfischerei in einem Jahrgang“, sagt Freerk Looden. Der Fischer aus Greetsiel ist 32 Jahre alt, so lange ist „früher“ also noch nicht her. 2012 hat Looden seine Ausbildung zum Fischwirt abgeschlossen. Zehn Jahre später ist sein erster Auszubildender im zweiten Lehrjahr – dort seien es nur noch eine Handvoll in der Kleinen Hochsee- und Küstenfischerei.

Jetzt sind die meisten Greetsieler Kutter zurück im Hafen. Die Fangsaison ist beendet. Foto: Böning
Jetzt sind die meisten Greetsieler Kutter zurück im Hafen. Die Fangsaison ist beendet. Foto: Böning

Den Überblick über die aktuellen Zahlen hat Jens Martens. Er ist bei der Landwirtschaftskammer in Oldenburg für den Bereich Ausbildung zuständig. Martens kann immerhin vermelden, dass diese geringe Zahl über die letzten Jahre konstant geblieben ist. „Die eingetragenen Ausbildungsverhältnisse im Beruf Fischwirt lagen in Niedersachsen in den letzten drei Jahren bei 25 über alle drei Ausbildungsjahre“, schreibt Martens. Diese Zahl gilt allerdings für zwei Fachrichtungen. Die meisten Auszubildenden werden Fischwirte für die Aquakultur und Binnenfischerei.

Nur noch zehn Auszubildende halten die Fahne hoch

Für die Fachrichtung Küsten- und Kleine Hochseefischerei, wie sie in den 21 Fischereihäfen Niedersachsens notwendig ist, zählt Martens gerade einmal zehn Auszubildende. Die verteilen sich über alle drei Lehrjahre: drei Auszubildende im ersten, vier im zweiten und drei im dritten.

Marvin Oltmanns (links) steht kurz vor der Prüfung zum Fischwirt. Eike Groenewold hat die schon hinter sich. Foto: Böning
Marvin Oltmanns (links) steht kurz vor der Prüfung zum Fischwirt. Eike Groenewold hat die schon hinter sich. Foto: Böning

Dabei gibt es allein in Greetsiel noch zehn gelistete Ausbildungsbetriebe für die Kleine Hochsee- und Küstenfischerei – von insgesamt 36 in elf Fischerorten an der gesamten Nordseeküste Niedersachsens. Ein guter Schnitt für das kleine Fischerdorf im Binnenland. Die meisten der Betriebe haben aber spätestens mit Beginn der Corona-Pandemie keine neuen Auszubildenden mehr aufgenommen. Darunter ist auch Loodens ehemaliger Ausbilder Bertus Looden. Bei ihm hat der letzte Küstenfischer vor etwa drei Jahren ausgelernt.

Seit drei Jahren auf Sparflamme

„Einen Auszubildenden muss man sich zum einen leisten können und zum anderen muss man auch jemanden finden, der Interesse hat“, sagt Bertus Looden. Außerdem: Die finanzielle Situation der Fischer sei in den letzten Jahren nicht leicht gewesen, da sei man mit neuen Auszubildenden zurückhaltend.

Dass es auch nicht gerade einfach ist, einen Auszubildenden zu finden, kann Freerk Looden bestätigen. „Der Beruf ist nicht für jeden was“, so der Krabbenfischer. Er biete deshalb erst einmal ein zweiwöchiges Praktikum an: „Dann sieht man relativ schnell, wer sich für den Beruf eignet.“ In dieser Zeit könnten sich die Praktikanten ein gutes Bild davon machen, was es bedeutet, als Fischwirt auf der Nordsee unterwegs zu sein.

Was die Nachwuchsfischer für den Job mitbringen müssen, dafür nennt Jens Martens jenseits der fachlichen Eignung vor allem eine Voraussetzung: „Sie müssen auch mit stürmischer See zurechtkommen.“ Das sei sogar wichtiger als ein guter Schulabschluss. Mindestens ein Ausreichend bis Befriedigend sollten bei einem Hauptschulabschluss in naturwissenschaftlichen Fächern und Mathe aber drin sein. „Diese Fächer sind für den Beruf wichtig“, so Martens. Für ihn ist ein Schlüssel für steigende Ausbildungszahlen vor allem die Präsenz der Berufsverbände in den sozialen Medien.

Glossar

Fischwirt: Fischwirt ist eine dreijährige anerkannte Berufsausbildung in Fischereibetrieben. Es gibt zwei Fachrichtungen: die an der norddeutschen Küste gängige Kleine Hochsee- und Küstenfischerei sowie die im Binnenland ausgeführte Aquakultur und Binnenfischerei. Zu den Lerninhalten der angehenden Nord- und Ostseefischer gehören Netzkunde, Fangtechnik, Motorenkunde, Navigation, Produktqualität und Vermarktung.

Kapitän in der Küstenfischerei (BKü): Wer eine Ausbildung zum Fischwirt mit dem Schwerpunkt Kleine Hochsee- und Küstenfischerei absolviert, darf noch keinen Kutter steuern. Dazu ist zusätzlich mindestens ein Befähigungszeugnis zum Kapitän in der Küstenfischerei (BKü) notwendig. Um diese zwischen 10 und 13 Wochen dauernde Ausbildung zu absolvieren, muss ein Fischwirt eine Seefahrtzeit von zwölf Monaten im Decksdienst auf Fahrzeugen der Seefischerei nachweisen.

Küstenfischerei: Die Küstenfischerei umfasst Fangreisen in Küstenplätze der Bundesrepublik Deutschland oder benachbarter Küstenländer in einem Abstand von nicht mehr als 30 Seemeilen von der deutschen Küste. Zum Vergleich: Deutschlands am weitesten entfernte Insel Helgoland liegt gut 50 Kilometer vor der Küste Ostfrieslands – das sind 27 Seemeilen. Eine Seemeile entspricht 1,852 Kilometer.

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