Jahresrückblick Emden 2022 Pleite, Hoffnung und ein blaues Wunder
Fosen, Neutorstraße, Wasserstoff und mehr: Es war ein bewegtes Jahr in Emden. Die Redaktion blickt zurück.
Emden - Kurz vor dem Beginn des neuen Jahres halten die Reporterinnen und Reporter der Emder OZ-Redaktion für einen Moment inne und blicken zurück. An manches aus diesem turbulenten Jahr 2022 erinnert man sich gerne, einiges hat man schon fast vergessen und anderes wiederum würde man am liebsten verdrängen. Aber lesen Sie selbst.
Wieder eine Werften-Pleite
Die Hoffnung stirbt zuletzt – auch im Falle der Fosen Yard Emden. Die zahlungsunfähige Werft stellt im September ihren Betrieb ein, 77 Beschäftigte verlieren ihren Job und wieder ist der Traum von einer Wiederbelebung des Schiffbaus in Emden geplatzt.
Das Bangen und Hoffen beginnt am 1. Juni. An diesem Tag meldet die Fosen Yard Emden, eine Tochter der norwegischen Fosen-Gruppe, Insolvenz beim zuständigen Amtsgericht Aurich an. Vier Monate lang müssen die Beschäftigten um ihre Arbeitsplätze zittern. Versuche, die Werft zu retten, scheitern quasi in letzter Minute.
Für Irritationen und teils auch Empörung sorgt im Sommer die Nachricht, dass die Fosen-Gruppe im mecklenburg-vorpommerschen Stralsund einen zweiten Standort in Deutschland eröffnet. Die Norweger wollen dort auf dem Gelände der früheren MV Werften auch wieder Schiffe bauen.
Fosen Yard reiht sich ein in eine längere Liste von Pleiten am Emder Traditionsstandort für Schiffbau. Das Aus des Nordseewerke-Nachfolgeunternehmens ist die fünfte Insolvenz innerhalb von knapp zehn Jahren – für einige der Beschäftigten ebenfalls.
Die Fosen-Gruppe hatte die Werft 2019 übernommen. Zwei Jahre später machte die Emder Tochter sich mit dem Bau von übergroßen Bauteilen für Hochsee-Lachsfarmen einen Namen. Zuletzt sollte ein Auftrag über den Bau von sechs Frachtschiffen neuen Schwung in den Schiffbau in Emden bringen. Doch der verzögerte sich.
Viel Blau bei den Verkehrsexperimenten
Zu Verzögerungen ganz anderer Art kommt es im Verkehr. Die Sanierung des Trogs wird auch in diesem Jahr nicht fertig. Im Gegenteil: Das Projekt, das unter keinem guten Stern steht, wird wegen unerwarteter Probleme erneut im Zeitplan zurückgeworfen.
Etwas weiter Richtung Innenstadt, genauer: auf der Neutorstraße, herrscht ab dem 22. Februar vorübergehend Stillstand – der Abschnitt zwischen Agterum und dem Rathausplatz wird für Fahrzeuge komplett gesperrt. Es sind Vorbereitungen auf das, was in der zweiten Jahreshälfte für jede Menge Gesprächsstoff sorgt: Denn im Zuge ihrer schier endlosen Versuchsreihe auf dem Weg zu einem – zumindest autoarmen – Zentrum, greift die Verwaltung im Oktober tief in die Trickkiste und überrascht mit knalliger neuer Markierung auf der einstigen Hauptverkehrsstraße durch die Innenstadt. Die Stadt erlebt ihr blaues Wunder. Seit dem 26. Oktober wird großflächig und nicht mehr zu übersehen darauf hingewiesen, dass Fahrradfahrer Vorrang vor allen motorisierten Verkehrsteilnehmern haben. Höher in der neuen Hackordnung auf der Neutorstraße angesiedelt sind lediglich Fußgänger, Rollatoren oder Rollis, sofern man mit ihnen die Fahrbahn über einen der gelben Zebrastreifen überquert.
Knapp einen Monat später, am 17. November, lässt Stadtbaurätin Irina Krantz in Abwesenheit von Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) die Katze aus dem Sack. Im – schöner Zufall oder nicht – sogenannten Blauen Salon, einem Besprechungsraum im Verwaltungsgebäude II, teilt sie vor neugierigen Medienvertretern mit, wie teuer die bisherigen Verkehrsexperimente gewesen sind: Es sind 68.000 Euro, so Krantz. Inklusive der Farbe.
Neues Leben in der Innenstadt
Aber nicht nur verkehrsmäßig tut sich einiges in der Innenstadt. Das Stadtmarketing um Teamleiterin Martje Merten stößt unter dem Label „Emder Kultursommer“ und mit Hilfe von Zuschüssen des Landes eine Reihe von neuen Aktionen und Veranstaltungen an. Sie sollen Beispiele dafür geben, wie die Innenstadt mehr Aufenthaltsqualität gewinnen und mehr Erlebnisse bieten kann.
Zu einem kulturellen Hotspot entwickelt sich im Sommer der Stephansplatz. Dort gibt es von Juni bis September jeweils donnerstags bis sonnabends Live-Musik und Kleinkunst.
Mitverantwortlich dafür zeichnet Innenstadt-Koordinatorin Julia Lüder, die im März ihr Amt antritt und im gleichen Monat das neue Innenstadtbüro in der Großen Straße 13 bezieht. Dort bündeln die Stadt und deren Tochtergesellschaft Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing ihre Kräfte für den Umbau und die Wiederbelebung der City.
Außer Lüder zieht dort auch Griet Alberts ein. Sie kümmert sich in einem Förderprojekt um das Gemeinwesen in der Innenstadt, hat dabei vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner im Blick und gründet die Innenstadt-Konferenz. Ihren Schreibtisch im Innenstadt-Büro hat auch Heika Ring. Sie koordiniert das vom Land geförderte Sofortprogramm „Perspektive Innenstadt“ und bringt ein Bündel von Maßnahmen mit einem Gesamtvolumen von knapp 1,1 Millionen Euro auf den Weg.
Krieg in der Ukraine und die Nordseehalle
Eines der beherrschenden Themen des Jahres ist auch in Emden der Krieg in der Ukraine und die deswegen fliehenden Menschen. In der Nacht vom 3. auf den 4. März kommen offiziell die ersten Geflüchteten aus der Ukraine in Emden an. Mitgebracht hatte sie der SPD-Landtagsabgeordnete Matthias Arends, der sich ein paar Tage zuvor spontan in Richtung Grenze aufmachte.
Es ist die Anfangszeit des Krieges mitten in Europa. In dieser Zeit machen sich unzählige Menschen auch aus Ostfriesland auf den Weg in Richtung Ukraine, nehmen Hilfsgüter in die Grenzregion zwischen Polen und der Ukraine oder teilweise auch direkt in das Land mit, das seit dem 24. Februar unter Russlands Angriffskrieg leidet. Gerade in den ersten Wochen kommen so zahlreiche Menschen auch nach Emden, es werden Hilfsprojekte auf die Beine und Unterkünfte zur Verfügung gestellt. Die Solidarität ist groß.
Auch diese Zeitung berichtet für ein paar Tage direkt aus dem Grenzgebiet rund um den polnischen Ort Medyka, berichtet von Hilfskonvois und der Situation vor Ort in Polen. Jetzt, zehn Monate später, tobt der Krieg weiterhin. Immer noch kommen Geflüchtete aus der Ukraine auch in Emden an, doch seit einigen Monaten geordneter als noch zu Anfang. Seit September nutzt die Stadt zur Unterbringung die Nordseehalle. Zahlreiche Veranstaltungen müssen deswegen abgesagt oder an andere Orte verschoben werden. Seit nunmehr rund vier Monaten ist die etwa 3200 Quadratmeter große Nordseehalle der Ort, an dem alle Fäden zusammenlaufen. So wird hier auch für die nötige Erstausstattung gesorgt, die Caritas hat extra eine große Kleiderkammer eingerichtet. Über von Ostfriesinnen und Ostfriesen gespendete Gelder kann hier beispielsweise das Hilfswerk „Ein Herz für Ostfriesland“ unterstützen.
Die Nutzung der Halle ist notwendig, weil die dezentrale Unterbringung nicht mehr ohne Weiteres möglich ist: Es mangelt in Emden schlicht an geeigneten Wohnungen, um so viele Menschen kurzfristig neu unterzubringen. Noch bis Ende März kommenden Jahres soll die Nordseehalle, in der theoretisch bis zu 350 Menschen untergebracht werden können, als Unterkunft genutzt werden. Ob dieser Zeitraum schließlich verlängert wird, wird auch vom Verlauf des Krieges abhängen.
Große Hoffnung Wasserstoff
Zu den Folgen des Kriegs zählt, dass die Energiewende in Deutschland mit Volldampf vorangebracht werden soll. In Emden ruhen dabei große Erwartungen auf ein Projekt, das der Stadt am 28. Oktober bundesweit Aufmerksamkeit beschert. An dem Tag präsentiert EWE-Chef Stefan Dohler im Rummel des alten Rathauses konkrete Pläne des Energiekonzerns zum Bau einer Wasserstoff-Anlage im Kraftwerksmaßstab.
Das Ziel: Ab Ende 2026 soll die Produktionsstätte in Borssum im großen Stil grünes und speicherbares Gas liefern. Die Hoffnung: Im Windschatten der Wasserstoff-Offensive könnten sich Industriebetriebe mit Hunderten neuen Arbeitsplätzen in Ostfriesland ansiedeln. Der Haken: Trotz gegenteiliger Ankündigung steht der Förderbescheid der Europäischen Kommission für den Emder Elektrolyseur noch aus. Ohne das Geld aus Brüssel dürfte sich das rund 500 Millionen Euro teure Vorhaben für die EWE nicht rechnen.
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