OPs in Ostfriesland  Medizinisches Angebot verschlechtert sich – manchmal unbemerkt

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 29.12.2022 20:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin Dr. Susanne Modemann würde gerne am Norder Krankenhaus als Belegärztin operieren. Doch seit dem Frühjahr ist noch kein Vertrag mit der Trägergesellschaft der Klinik zustandegekommen. Klappt das unter der neuen Geschäftsführung? Foto: Ellinger
Die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin Dr. Susanne Modemann würde gerne am Norder Krankenhaus als Belegärztin operieren. Doch seit dem Frühjahr ist noch kein Vertrag mit der Trägergesellschaft der Klinik zustandegekommen. Klappt das unter der neuen Geschäftsführung? Foto: Ellinger
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Manche medizinischen Leistungen sind in Ostfriesland knapp, weil es an Ärzten fehlt. Aber warum werden im Norder Krankenhaus keine HNO-Operationen mehr gemacht, obwohl eine Ärztin daran Interesse hat?

Norden - In Ostfriesland mangelt es an Ärzten. In manchen Facharztpraxen müssen Patienten Monate lang auf einen Termin warten. Auch in den Krankenhäusern fehlt es an Personal – jedenfalls insoweit, als dass die Personaldecke nicht dick genug ist, um kranke Beschäftigte in ausreichendem Maße vertreten zu können.

Was und warum

Darum geht es: Um die medizinische Versorgung in Ostfriesland.

Vor allem interessant für: Leute in Norden und Umgebung

Deshalb berichten wir: Weil in Ostfriesland verschiedentlich Ärztemangel herrscht.

Den Autor erreichen Sie unter: a.ellinger@zgo.de

Die Corona-Pandemie unterzieht auch das ostfriesische Gesundheitswesen einem Stresstest. Immer wieder mussten Operationen, die nicht lebensnotwendig beziehungsweise entsprechend dringlich sind, in Krankenhäusern verschoben werden. Weitere Veränderungen gibt es in den Kliniken Aurich, Emden und Norden, weil sich deren Trägergesellschaft auf den Bau einer Zentralklinik in Georgsheil vorbereitet.

Ostfriesische Intensivstationen nicht aufnahmefähig

Welche medizinische Leistung wird gerade wo angeboten? Auf dem niedersächsischen Ivena-Portal kann man im Internet jeweils für das aktuelle Zeitfenster nachvollziehen, welche Fachbereiche von Kliniken abgemeldet worden sind. Rettungsdienste wissen dann, dass sie sich mit entsprechenden Patienten eine andere Klinik suchen sollen.

Am Dienstag gegen 18.30 Uhr waren im Einzugsbereich der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland, die für die Landkreise Aurich, Leer und Wittmund zuständig ist, alle internistischen Intensivstationen im Bereich der „stationären Versorgung“ rot markiert – also nicht aufnahmbereit. Selbst wman die Rubrik „Notfallversorgung“ im Bereich der Intensivstationen markierte, signalisierte nur eine Klinik Aufnahmbereitschaft – in Norden.

Plötzlich gab es in Norden keine Hals-Nasen-Ohren-OPs mehr

Am Beispiel des Norder Krankenhauses lässt sich erklären, wie sich das medizinische Angebot verschlechtern kann, ohne dass die Öffentlichkeit davon viel mitbekommen würde. Im Mai hat sich unsere Zeitung bei der Trägergesellschaft nach dem Operationsspektrum in Norden erkundigt. Dabei stellte sich heraus bezüglich Eingriffen von Hals-Nasen-Ohren-Ärzten heraus: „Die Kliniken halten an allen drei Standorten eine unveränderte Anzahl von Betten für diese Eingriffe vor. Zu den entsprechenden Verträgen und den wirtschaftlichen Zahlen der Belegärzte können die Kliniken keine Angaben machen.“ Aber: „Am Standort in Norden ist der langjährige Belegarzt in den Ruhestand gegangen. Die Trägergesellschaft sucht derzeit nach einer für die Klinik geeigneten Nachfolge.“

Unsere Zeitung hat im November nachgehakt. Die Antwort der Trägergesellschaft: „In der Ubbo-Emmius-Klinik Norden gibt es seit Mitte vergangenen Jahres keine stationären Operationen im HNO-Bereich mehr, weil der langjährige Belegarzt in den Ruhestand gegangen ist. Die Trägergesellschaft sucht seither nach einer für die Klinik geeigneten Nachfolge.“ Die Betten-Kapazitäten seien weiterhin vorhanden. „Dennoch können aufgrund der aktuellen Situation derzeit nicht alle HNO-Leistungen angeboten werden.“

Schließt die neue Geschäftsführung einen Belegarztvertrag?

Warum wurde für das Norder Klinikum kein neuer Belegarztvertrag geschlossen? Die Trägergesellschaft bestätigt, dass es „Interessenten für die Nachfolgeregelung“ gab. Mit einer Praxis sei sie „näher ins Gespräch gegangen“. Allerdings seien „vielschichtige, organisatorische Hindernisse zu überwinden, um eine gute Versorgung der Patienten sicherzustellen“. Die Klinik betont: „Diese liegen ausdrücklich nicht in der interessierten Praxis begründet.“

Die „finale Entscheidung“ in der HNO-Frage liege bei der neuen Geschäftsführung, heißt es weiter. „Bis dahin werden die entsprechenden Rahmenbedingungen für einen neuen Belegarztvertrag geschaffen.“ Die Interimsgeschäftsführer Heiko Goldenstein und Andreas Epple werden wie folgt zitiert: „Sobald diese sichergestellt sind, wäre eine neue Kooperation wünschenswert.“

Ist Personalmangel des Norder Krankenhauses das Problem?

Warum aber wird so lange kein neuer Belegarztvertrag im HNO-Bereich für Norden abgeschlossen, wenn es einen Interessenten gibt und die Bettenkapazitäten vorhanden sind? „Bundesweit stellt die Besetzung von ärztlichen und pflegerischen Stellen in Kliniken eine Herausforderung dar“, erklärt die Trägergesellschaft. „Dies ist also durchaus ein Faktor, der auch an dieser Stelle Einfluss nimmt. Sofern eine Weiterversorgung im Krankenhaus erforderlich wird, muss das Angebot des Belegarztes mit den Möglichkeiten der Klinik abgestimmt werden.“

Weiter heißt es: „Im Rahmen der Standortentwicklung und der Konsolidierungsmaßnahmen für die Kliniken werden einige strukturelle Anpassungen vorgenommen, die auch die Rahmenbedingungen zum Beispiel für die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern betreffen können. Diese strukturellen Anpassungen betreffen verschiedene Bereiche der Kliniken und sind in Teilen bereits angestoßen, werden aber insbesondere vom neuen Geschäftsführer Dirk Balster weiter vorangetrieben werden, der somit in Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern der Kliniken auch die entsprechenden Zeitpläne entwirft. Da Herr Balster zum Januar 2023 die Stelle als Geschäftsführer übernimmt, werden weitere Schritte dann geklärt werden können.“ Aber: „Über alle drei Häuser hinweg führen die Belegärzte alle üblichen HNO-Leistungen durch, zum Beispiel aber keine große Tumorchirurgie.“

HNO-Ärztin Modemann: „Ich bin immer noch interessiert“

Auf Nachfrage präzisierte die Trägergesellschaft, was die Formulierung „über alle drei Häuser“ hinweg bedeutet – nämlich „wenn man das Leistungsangebot an allen drei Häusern insgesamt betrachtet“. Es sei jedoch richtig, „dass der ehemalige Belegarzt in Norden nicht mehr aktiv ist“.

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Nach Recherchen unserer Zeitung ist die Praxis-Nachfolgerin jenes ehemaligen Belegarztes auch die HNO-Ärztin, die gerne am Norder Krankenhaus als Belegärztin arbeiten würde: Dr. Susanne Modemann. Sie hatte bereits im ersten Halbjahr 2022 mit einem Vertragsabschluss gerechnet, wie sie auf Anfrage sagt. Mit der früheren Geschäftsführung der Trägergesellschaft kam jedoch offensichtlich keine Einigung zustande. Dr. Modemann betonte gegenüber unserer Zeitung: „Ich bin immer noch an einem Vertrag interessiert.“