Einzelhandel in Aurich  Mega-Rabatt soll Trauer über Edeka-Schließung dämpfen

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 30.12.2022 15:20 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Mit Aufstellern hat die Marktleitung im Edeka auf die Schließung aufmerksam gemacht. Fotos: Ortgies
Mit Aufstellern hat die Marktleitung im Edeka auf die Schließung aufmerksam gemacht. Fotos: Ortgies
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Am Freitagvormittag hat im Edeka-Markt beim Caro in Aurich der Ausverkauf begonnen. Der Markt schließt Ende des Jahres, doch einige Fragen bleiben.

Aurich - Freitag kurz nach 10 Uhr im Edeka-Markt. An der Kasse wird hochgestapelt: Sabine Meyer balanciert fünf Tiefkühltorten auf dem Unterarm, den sie gegen ihre Brust gedrückt hat. An der Kasse hat die Kundin des Lebensmittelmarkts im Auricher Einkaufscenter Caro für die Sahne-Biskuitrolle und die Erdbeer-Frischkäse-Torte nur die Hälfte des regulären Preises gezahlt. Der Rabatt ist keine normale Sonderverkaufsaktion, sondern quasi ein Abschiedsgeschenk an die Kunden: Der Edeka-Markt wird Ende des Jahres schließen. Am 31. Dezember um 14 Uhr gehen die Lichter aus − nach elf Jahren. Gründe seien die Corona-Pandemie und der damit verbundene Kundenschwund, hieß es offiziell von der Edeka-Zentrale in Minden. Sabine Meyer bedauert die Schließung. „Wo soll ich jetzt morgens meine Brötchen kaufen? Es wird etwas fehlen, wenn der Markt nicht mehr da ist.“

Was und warum

Darum geht es: Morgen ist der letzte Tag von Edeka im Caro.

Vor allem interessant für: Kunden von Edeka und Mitarbeiter in anderen Geschäften des Caro

Deshalb berichten wir: Wir wollten wissen, wie die Kunden auf den Abschied eines Lebensmittelgeschäfts in der Innenstadt reagieren.

Die Autorin erreichen Sie unter:g.boschbach@zgo.de

Am Freitag hat sie dort ihren letzten Einkauf erledigt und von den Sonderangeboten profitiert. Im Preis reduziert ist frische Ware, aber auch beim Trockensortiment gibt es einen Nachlass. Ein Gang entlang der Regale zeigt, dass etliche Kunden am Vormittag von dieser Aktion Gebrauch gemacht haben. Die Reihen sind gelichtet. Jolanta Behrends hat die Tür zur Kühltruhe aufgeschoben und langt nach einem halben Pfund Butter. Dieser Artikel ist in den vergangenen Monaten stark im Preis gestiegen, bis zu 50 Prozent mehr muss der Verbraucher zahlen. Der Auricherin kommt es sehr entgegen, dass sie sich jetzt mit dem Frischeartikel bevorraten kann. „Das Paket ist haltbar bis 10. Februar 2023“, sagt sie und legt es in ihren Einkaufskorb. Bei fast jedem Besuch im Caro habe sie eine große Runde gedreht. Das heißt, dass sie auf jeden Fall in der Drogerie Rossmann und im Edeka vorbeigeschaut habe. „Ich finde, der Lebensmittelmarkt sollte bleiben“, sagt sie und fügt lächelnd hinzu, dass es für eine Protestaktion jetzt wahrscheinlich zu spät sei.

Konzern hatte keinen langen Atem

Im Caro, der früher Carolinenhof hieß, hat sich kein Lebensmittelmarkt dauerhaft gehalten. Bei der Eröffnung des Centers im Jahr 1983 war ein 12.000 Quadratmeter großer Plaza-Einkaufs-Markt ein Anziehungspunkt. Der Nachfolger, der amerikanische Handelsriese Wal-Mart, verkleinerte die Fläche um 4000 Quadratmeter. Wal-Mart war 1997 mit der Übernahme des Warenhausbetreibers Wertkauf in den deutschen Handel eingestiegen. Der in Arkansas gegründete Konzern scheiterte allerdings in Deutschland spektakulär. Nach nur neun Jahren zog er die Reißleine. Real übernahm die Märkte der Amerikaner − auch den in Aurich, bewies allerdings keinen langen Atem. Ende 2010 erhielten die Mitarbeiter ihre Kündigung. Geschlossen wurde der 7500 Quadratmeter große Markt dann im Frühjahr 2011. Bundesweit sind damals 36 Real-Märkte dichtgemacht oder von anderen übernommen worden.

Die Ansiedlungsflächen für den Lebensmitteleinzelhandel waren damals in Aurich heiß umkämpft. Wer darf sich wo unter welchen Bedingungen ansiedeln? Wie viel Märkte verträgt eine Stadt von der Größenordnung Aurichs mit ihren rund 43.000 Einwohnern? Mittlerweile gibt es ein von der Politik in Auftrag gegebenes Einzelhandelsgutachten, das diese Fragen klärt. Damals war die Situation unübersichtlich und intransparent. So wollte sich 2010/2011 der Leeraner Lebensmittelkonzern Bünting in Aurich mit einem Famila-Markt ansiedeln, und zwar auf dem ehemaligen Grundstück des Vereins Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST) am Wallster Weg. Doch der Rat machte dem Unternehmen einen Strich durch die Rechnung. Das Gremium folgte einem Antrag der SPD-Fraktion, die sich gegen eine dafür erforderliche Änderung des Bebauungsplans aussprach. Die Begründung: Ein SB-Warenhaus schade der Innenstadt.

Einziger Regie-Markt in der Region

Diese Entscheidung hat damals auch den Real-Betriebsrat geärgert. Real hatte nämlich bereits im Juni 2008 von der Stadt ein Zugeständnis gefordert. Wenn die Politik verhindere, dass sich ein weiteres Warenhaus in Aurich ansiedele, ziehe sich Real nicht aus der Stadt zurück. Die Real-Betriebsrats-Vorsitzende Dagmar Janßen sagte Ende 2010 im Gespräch mit der Redaktion: „Damals haben Politiker von Erpressung gesprochen.“ Im Zusammenhang mit der Firma Edeka, die im Carolinenhof nun einen 1300 Quadratmeter großen Laden einrichten wolle und dieselbe Forderung gestellt habe, sei das Wort „Erpressung“ jedoch nie gefallen, so Dagmar Janßen. Immer wieder war hinter vorgehaltener Hand die Rede davon, dass es personelle Verflechtungen gegeben habe, aufgrund derer die Position von Edeka in Aurich begünstigt worden sei.

Der Edeka-Markt im Caro ist ein sogenannter Regie-Markt. Das heißt, dass er als einer der wenigen Märkte von der Zentrale in Minden direkt geführt wird. Er wurde in den Anfängen sehr ambitioniert geführt. Es gab eine Feinkostabteilung, einen Fleischer sowie einen Lieferservice. Historische Fotos der Stadt stärkten den regionalen Bezug. Im Laufe der Zeit wurden viele Angebote runtergefahren. Auch die Zahl der anfangs 30 Beschäftigten sank. Aktuell arbeiten im Markt zwölf Angestellte, zehn davon sind teilzeitbeschäftigt. Nach Auskunft eines Unternehmenssprechers von Edeka haben alle ein Übernahmeangebot bekommen. Wie sieht die Zukunft aus? Wer wird der Nachfolger von Edeka im Caro? Eine offizielle Anfrage bei tb investments, dem Caro-Inhaber, blieb unbeantwortet. Nach Informationen dieser Zeitung läuft der Mietvertrag von Edeka noch bis zum 30. Juni 2023.

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