Ende einer Ära in Ihlow  Es ist mehr als der Abriss eines Landgasthofs

| | 01.01.2023 11:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Hinter dem Tresen steht Johann Rieken noch bis März. Am 31. muss er die Schlüssel an den Käufer übergeben. Foto: Böning
Hinter dem Tresen steht Johann Rieken noch bis März. Am 31. muss er die Schlüssel an den Käufer übergeben. Foto: Böning
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Ende März nimmt Johann Germann Rieken seinen Knobelbecher und schließt den Landgasthof Germann in Westerende-Kirchloog für immer. Das Gebäude wird abgerissen, Rieken bleibt im Dorf.

Ihlow - 11 Uhr vormittags in Westerende-Kirchloog, einen Tag vor Silvester. Johann Germann Rieken öffnet in voller Kochmontur die Tür zum Gasthof Germann an der Durchgangsstraße des Ortes. „Die werde ich heute zum letzten Mal tragen“, sagt Rieken, schiebt die Ärmel seiner weißen Arbeitskleidung hoch und rückt das blau-weiß karierte Halstuch zurecht.

Was und warum

Darum geht es: Am 31. Dezember endete der Saalbetrieb im Gasthof Germann in Westerende-Kirchloog. Ende März schließt auch die Kneipe für immer. Es ist das Ende einer Ära.

Vor allem interessant für: Gäste und Dorfhistoriker

Deshalb berichten wir: Die einzige Kneipe und der Treffpunkt vieler Vereine wird bald abgerissen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Nach dem Kneipensterben in den Dörfern folgt das Sterben der Landgasthöfe, sagt der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband. Westerende-Kirchloog verliert beides in ein paar Monaten Abstand. Am 31. Dezember ist in dem kleinen Ortsteil Ihlows eine Ära zu Ende gegangen. An dem Tag wurde der Saalbetrieb des Gasthofs geschlossen. Nur noch die Kneipe bleibt geöffnet, bis der örtliche Boßelverein seine Saison beendet und Rieken so viel der Ausstattung wie möglich verkauft hat. Bis Ende März muss er das Gebäude an den Käufer übergeben.

Es gab keine andere Option

Er hätte sich das anders gewünscht. „Ich wäre im Ruhestand gerne noch mal zum Zapfen vorbeigekommen“, gesteht der 66-Jährige. Einmal auf der anderen Seite des Tresens sitzen zu können wäre auch schön gewesen. Aber eine Gaststätte mit Saalbetrieb wird es an diesem Ort nicht mehr geben.

Auch das Gebäude wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Es wird in Kürze abgerissen. Foto: Böning
Auch das Gebäude wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Es wird in Kürze abgerissen. Foto: Böning

Einen Nachfolger hat er nicht gefunden. „Hier hätte zu viel getan werden müssen“, sagt Rieken und zeigt auf die dunkle Holzvertäfelung und die Einrichtung, die schon vor Jahrzehnten aus der Mode gekommen sind und nur in alten Landgasthöfen wie diesem überleben konnten.

Dann kommen die Bagger

Stattdessen kommen die Bagger – der Investor will das Gebäude abreißen. Was genau an dieser Stelle gebaut werden soll, steht noch nicht fest. Wahrscheinlich Wohnraum. Für den Fall hat Rieken schon einmal den Finger gehoben. Denn er würde in dem neuen Gebäude gerne unterkommen. Mit dem Verkauf des Hauses ist er nämlich auch sein Zuhause los. Rieken will im Dorf bleiben und zieht übergangsweise ein paar Häuser weiter. Weggehen ist für ihn keine Option.

Johann Germann Rieken im Schankraum vor dem Tresen. Seine Arbeitskleidung wird er an diesem Tag das letzte Mal tragen. Foto: Böning
Johann Germann Rieken im Schankraum vor dem Tresen. Seine Arbeitskleidung wird er an diesem Tag das letzte Mal tragen. Foto: Böning

Aber noch ist nicht Schluss. Obwohl der Gasthof erst um 16 Uhr öffnet, ist er bereits am Kochen. Denn im Gasthof Germann hat sich eine Tradition eingebürgert: Zum Jahresende treffen sich an Silvester ein paar Leute zum zwanglosen Boßeln. Im Anschluss gibt es Erbsensuppe. Manchmal sind es 25 Gäste, manchmal mehr. Da es Riekens letztes Silvester-Boßeln ist, hat er den großen Topf auf den Herd gestellt. 40 Liter Erbsensuppe sollen es werden – vorsichtshalber.

Die Gäste verabschieden sich

Es klopft an der Tür, Leute wollen sich verabschieden. „Das geht schon seit Tagen so“, sagt Rieken und lacht. Auch spät abends kommen noch oft Bekannte vorbei und bleiben lange. Das Haus war immer und ist noch ein fester Anlaufpunkt im Dorfleben, für Vereine und Familienfeiern. Jedenfalls für die Älteren. „Dass der Kneipenbesuch vom Vater auf den Sohn vererbt wird, ist heute nicht mehr so“, sagt der gelernte Koch und schmunzelt.

Vor 66 Jahren wurde er in diesem Haus geboren, wie bereits seine Mutter vor ihm. Schon mit 15 Jahren hat er hier gekocht. Seitdem er im Jahr 1979 den Gasthof komplett übernommen hat, wollte er nirgendwo anders sein. „Heute will das niemand mehr, 14 Stunden am Tag arbeiten – immer dann, wenn andere frei haben“, sagt Rieken.

Das Dorf hat viel zu verlieren

Seine Eltern hätten sich für ihre Kinder etwas anderes gewünscht. Aber sie konnten es Johann Germann Rieken nicht ausreden. Er trägt den Namen seines Großvaters im Vornamen. 1936 hatte Johann Germann den Gasthof übernommen und zunächst zusammen mit einem kleinen Kolonialwarenladen betrieben. Der Laden ist schon lange weg.

Rieken führt durch das ganze Haus, er möchte einmal zeigen, was dem Dorf in Kürze fehlen wird. Von der guten Stube, dem kleinen Saal und ehemaligen Laden geht es durch eine kleine Küche in den Clubraum. In einer separaten Sektbar, die noch als Raucherraum dient, steht eine Musikbox. Die ist schon so lange hier, wie Rieken denken kann. Dann geht er weiter in den großen Saal mit Bühne. Alles ist riesig. Früher spielte hier eine Theatergruppe. Weiter geht es nach draußen zur Laube mit einem weiteren großen Raum für Partys.

Die Zeit läuft ab

Rieken schüttelt den Kopf. Er mag gar nicht daran denken, dass in ein paar Monaten die Bagger die Gebäude einreißen. Nach der Tour sitzt er im Schankraum, die Eieruhr für die Erbsensuppe vor sich auf dem Tisch. Wie für die Erbsensuppe läuft auch für ihn die Zeit ab. Was danach kommt, davon hat er noch keine Vorstellung. Er war immer hier und hat gearbeitet. Ein anderes Leben kennt er nicht.

Jeden Tag wurde hier geknobelt, außer mittwochs – da hatte Rieken frei. „Die Jungs sind ein wenig böse auf mich“, sagt Rieken. Wo sie dann knobeln werden, darüber hat er sich noch keine Gedanken gemacht. Am letzten Tag wird er seinen Knobelbecher nehmen und den Landgasthof Germann für immer schließen.

Es ist Zeit zu gehen

Rieken hat den Gasthof nicht wegen der schlechten Jahre während der Corona-Pandemie verkauft. Auch nicht, weil er Probleme hat, Mitarbeiter zu finden. Sondern weil er nach 51 Jahren als Koch einfach den Ruhestand verdient hat, findet er. „Ich habe viel gesehen und erlebt. Das war gut so, wie es ist.“

Was nach ihm an der Auricher Straße 38 entstehen wird, hat er nicht in der Hand. Tell & Tebben Immobilien haben ihm das Grundstück abgekauft. Johann Tebben schwärmt am Telefon von der guten Lage des Grundstücks und der Nähe zur Kreisstadt Aurich.

Vielleicht kommt Rieken zurück

Anfang des neuen Jahres werde er sich mit seinem Partner Hans-Joachim Tell überlegen, wohin die Reise auf diesem Grundstück gehen soll. Wahrscheinlich werden Wohnungen gebaut – und noch wahrscheinlicher werden es Senioren-Wohngemeinschaften. „Die Nachfrage danach ist riesig“, sagt Tebben.

Aber noch seien sie offen für Anregungen und befänden sich in enger Absprache mit der Gemeinde. Auch ein Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft sei möglich. Und Rieken? Ist eine Senioren-WG für ihn eine Alternative? Der zuckt die Schultern. „Warum nicht?“ Vielleicht kommt er noch einmal dorthin zurück, wo er geboren wurde.

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